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Unter dem Eis

Sie hatte es gewusst. Er war schon lange müde gewesen. Sie wusste es. Sie hätte es nicht tun sollen. Es war für ihn bei der Arbeit nicht gut gelaufen. Sie weiss, es war schon lange bei der Arbeit für ihn nicht mehr gut gelaufen. Und doch. Das Wasser rann durch das Dach. Es war kalt und die Kinder hatten zuerst geweint, dann hatten sie geweint und manchmal nur noch gewimmert. Das Dach war undicht. Das Dach war undicht, aber sie wusste, seine Finger waren kalt und sie wusste, es würde schwierig sein für ihn. Sie weiss, sie hätte ihn nicht hinaufschicken sollen. Sie weiss es einfach.

Er hatte es gewusst, seine Finger waren steif, er spürte nach der Doppelschicht auch seine Füsse nicht mehr so gut. Die Tage waren für ihn ein verschwommenes Etwas, das er nicht mehr zu erkennen vermochte. Er hatte es gewusst, das Gespräch mit dem Vorarbeiter war nicht gut gelaufen. Er wusste, es regnet durch das Dach und es gab nicht viel, was er tun konnte. Dennoch sagte er sich: «Ich muss es versuchen. Es regnet durch das Dach.» Er weiss es kann nicht sein, dass es einfach durch das Dach hindurch regnet. Natürlich hatte auch die Versicherung nicht geholfen. Es gibt wenig, was du tun kannst, wenn es durch das Dach regnet, die Kinder weinen und du die Welt durch Müdigkeit, wie durch einen Wasserfall siehst.

«Ich weiss, ich sollte ihn nicht auf das Dach hochschicken, aber was kann ich tun? Wir haben alles versucht und die Versicherung, die hilft uns auch nicht. Ich weiss, das darf nicht passieren, aber das Wasser rinnt die Wände hinunter und es hört nicht auf zu regnen. Die Kinder husten und manchmal kotzen sie, aber ich habe alles versucht, aber es hört einfach nicht auf hineinzuregnen. Und nur für die Arztrechnungen geht viel Geld drauf.»

«Ich sehe sie nur noch von unten. Es ist als schwimme sie unter einer Eisschicht. Ich habe versucht, noch eine Schicht in der Fabrik zu bekommen, aber ich konnte es einfach nicht mehr. Mein Ausschuss lag bei über drei Prozent und dann kann der Vorarbeiter auch nichts mehr machen. Es tut mir weh, aber sobald ich unter dem Eis bin, ist es zwar kalt, aber ich versuche durchzukommen. Irgendwie kommt gleichzeitig niemand mehr zu mir durch. Aber die Kinder müssen essen und ich muss durchhalten. Ich darf keine Angst haben.»

Plötzlich hörte das Wasser auf. Ungläubig berührte sie die Wände, sie waren noch nass, aber es kam kein neues Wasser mehr. Es war still. Sie wartete. Im Hinterzimmer froren die Kinder, doch für einen kurzen Moment schien es weniger schlimm. Sie wartete. Sie wusste, sie wartete. Wie lange würde sie warten können.

«Ich habe noch drei Nägel. Drei Nägel und dann habe ich es geschafft. Wenn ich durch das verdammte Eis nur besser sehen könnte. Aber ich sehe fast nichts mehr und meine Knie halten nur noch einen Moment. Aber ich habe nur noch drei Nägel. Ich muss mich beeilen. Dann werde ich wenigstens noch einen Nagel hineinkriegen. Mit dem Vorarbeiter hat es nicht geklappt. Aber mit diesem Nagel muss es nun gehen. Ich rutsche auf diesem Dach aus und ich sehe alles unter einer blauen Schicht. Aber ein Nagel geht doch noch. Ich weiss, es läuft nicht gut.»

Das Wasser hatte aufgehört. Die Kinder waren still. Es war zu still. Das Dach war undicht gewesen. Seine Finger waren zu kalt gewesen. Sie hatte gewusst, sie hätte ihn nicht hinaufschicken sollen. Er war im Eis untergegangen. Hatte alles versucht. Aber sie weiss genau, jetzt ist es zu spät, gegen die blaue Eisschicht zu hämmern. Das Dach war undicht gewesen und seine Finger kalt.

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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