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Ronaldo Übermensch

Er hat’s geschafft: Cristiano Ronaldo wurde gestern nacht Europameister. Und zog wieder den Zorn von Millionen Ronaldo-Bashers auf sich. Eitel und arrogant sei er. Verdient sei der Titel eh nicht. Über letzteres kann man tatsächlich streiten – Portugal hat nur ein Spiel (von sieben) innerhalb der regulären 90 Minuten gewonnen, wäre im alten Modus in der Gruppenphase als Dritter ausgeschieden. Worüber es keine zwei Meinungen gibt, ist, dass Ronaldo Weltklasse ist. Beruflich und privat. Und dass er den Titel verdient wie kein anderer.

Cristiano Ronaldo ist der weltbestverdienende Sportler des letzten Jahres. Sagenhafte 60 Millionen soll er eingenommen haben – das Resultat eines penibel geplanten Marketingprodukts. Doch hinter diesem Produkt steckt ein Mensch. Der Ausserirdisches geleistet hat. Beruflich und privat.

Tormaschine gegen alle Widerstände

Auf die unfassbare Torquote (Schon nur für Real hat er in 236 Spielen unglaubliche 260 Mal getroffen – in der Liga wohlgemerkt) will ich gar nicht näher eingehen, die sichert ihm eh schon einen Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern. Aber unter welchen Umständen Ronaldo das geschafft hat, verdient allerhöchsten Respekt. Gerade in einem Umfeld wie dem hochbezahlten und medial komplett überladenen Profifussball ist die psychische Komponente bei allem Talent spielentscheidend.

Und da hatte Ronaldo keinen Vorteil. Im Gegenteil. Dieser hochtalentierte Junge aus Funchal auf der Blumeninsel Madeira hatte eine Kindheit, die ihm jedes Recht gegeben hätte, zum frustrierten Loser abzudriften. Tat er nicht.

Wenn man in frühen Jahren härteste Schicksalsschläge erleiden muss, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man wird zum wütenden Fuck-You-All-Fuck-Up – oder aber, man kanalisiert die negativen Erlebnisse in positive Energie. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. Und glauben Sie mir: Ich weiss, wovon ich rede.

Vater starb an Alkoholsucht

Dass Ronaldo seinen Vater nach eigenen Angaben nie richtig kennenlernte, weil er dauerbesoffen war und 2005 schlussendlich an seiner Alkoholsucht starb, ist endtragisch. Dass der alleinerziehnde Real-Star seinen Bruder Hugo vor dem selben Schicksal mit all seiner Macht rettete – darüber redet keiner, der ihn als arroganten Fatzke hinstellt. Das wissen die Stammtisch-Philosophen auch gar nicht.

Jeder, der mal geliebte Menschen verlor und in permanent schwierige soziale Situationen gezwungen wurde, weiss, was Ronaldo durchmachen musste. Während er zu einem der zwei grössten Fussballer des Planeten (ever) heranwuchs. Er wollte nur eines: Das komplette Gegenteil seines Vaters werden. Und den Rest seiner Familie in Sicherheit bringen. Sah nicht danach aus, dass er das schaffen könnte, als ihm im Teenageralter von 15 Jahren schwere Herzrhythmusstörungen diagnostiziert wurden. Es kam zum Glück und mit Hilfe portugiesischer Aerzte anders.

Mit der „Decima» seinen drogensüchtigen Bruder gerettet

Was glauben Sie, was Ronaldos grösster Antrieb war, mit Real Madrid die von Klubboss Perez so forcierte «Decima», den zehnten Championsleague-Titel, zu gewinnen? Es war das Versprechen seines älteren Bruders Hugo, mit dem Trinken und den sonstigen Drogen aufzuhören, sobald Cristiano, der ihm, seit er etwas verdient hatte, jede mögliche Entziehungskur bezahlte, mit Real die Championsleague gewinnt.

Dafür musste Cristiano – im Angesicht der schieren Übermacht des FC Barcelona – zum Übermenschen werden. Und darin widerspiegelt sich sein – auch für mich – unsäglich überheblich wirkende Torjubel. Den hat er sich genau in der Saison 2013 / 14 zugelegt.

Aber: Jeder, der mit Ronaldo jemals zu tun hatte, erzählt von einem maximalen Teamplayer, einem Typen mit Riesenherz, einem, der niemanden hängen lässt. Dass er sich seit Jahren in hohem Masse für krebskranke Kinder einsetzt, kommuniziert der Social-Media-König nicht mal offensiv – sondern bezahlt (im Gegensatz zu anderen Prominenten astronomische Summen) und kümmert sich einfach.

Er tue ausserdem alles für den sportlichen Erfolg, sei der erste im Training – und der Letzte, der geht. Er näme sich jedem neuen Spieler an – und wolle ihn besser machen. Alles dafür tun, dass er so schnell wie möglich seine maximale Leistung abrufen kann. Und freut sich mit ihm, sobald es so ist. Weil er weiss, wie wichtig es ist, gerade weit weg von zu Hause, sich wohl und gebraucht zu fühlen – und Wärme zu spüren. Diese gab ihm Sir Alex Ferguson damals, als 18-Jährigem, bei seinem Wechsel von Sporting Lissabon nach Manchester.

Sami Khedira: „Ich bewundere ihn»

Juve-Star Sami Khedira sagte mal: „Ich bewundere ihn dafür, wie er mit seinem Status umgeht und wie hart er an sich arbeitet. Er hat auf Klubebene schon alles erreicht, trotzdem will er noch besser werden. Er ist total klar in seinen Gedanken und liebt das Leben mit seiner Familie. Er war einer der ersten Spieler, der mir Hilfe angeboten und gesagt hat, worauf ich aufpassen soll.»

Genau diese Empathie wurde gestern Nacht offensichtlich. Wie er nach dem perfiden Foul von Payet ausgewechselt werden und unter Tränen den Platz verlassen musste. In „seinem» Finale der Europameisterschaft, das ihm der Franzose abrupt genommen hatte und indem er es allen zeigen wollte. Nach der bitteren Heim-Niederlage im Jahre 2004.

Das war ein Fressen für die Medien. Bis gestern. Ronaldo galt als der eitle Unvollendete. Im Schatten von Messi. Seine Hater verschrien ihn als eitlen Gockel, der nichts hinkriegt, ohne seine genialen Mitspieler bei den grossen Vereinen. Unter diesem Mammut-Druck und nach einer langen Saison – mit erneutem Championsleague-Sieg – konnte er bei dieser EM erst spät glänzen.

Verdiente Belohnung für aussergewöhnliche Lebensleistung

Man kann darüber streiten, ob Portugal diesen Titel verdient hat. Ich bin Kroate und fand die Art und Weise, wie dieses Team mit übertriebener Härte und keinem wirklichen System beim Spiel gegen unsere vielversprechende Mannschaft weiter kam (Gerade dieser Sanchez-Psycho hätte 4 rote Karten bekommen sollen – bin gespannt, wann er in München sein Haus abfackelt…). Aber sogar ich konstatierte: Gestern abend wurde Ronaldo plötzlich auch auf dem Feld zu dem Menschen, der er ist. Ohne Marketing und High-Noon-Ken-Freistoss-Gepose. Was hat mich das gefreut! Für ihn!

Denn er war sich selber. Und zeigte in seiner bittersten Stunde (des Finals so übel beraubt zu werden, ist superbitter), wer er wirklich ist – ein erwachsen gewordener Junge von der Blumeninsel Madeira, der es ohne diesen ausserordentlichen Willen, gewinnen zu wollen, nie aus der sozialen Misere geschafft hätte, die das Leben für ihn bestimmt hatte. Und in 99 von 100 Fällen bestenfalls drogenabhänig geworden wäre.

Nur geteilte Freude ist richtige Freude

Es kam – wie wir heute wissen – glücklicherweise anders. Und er kaufte sowohl seiner Mutter als auch seinem Jugendfreund Albert Fantrau, mit dem er sich bei einem Scouting-Testspiel in der Akademie seines Heimatklubs Andorinha um einen der begehrten Ausbildungsplätze beim legendären Club Sporting Lissabon duellieren musste, und der dabei hinter Ronaldo Zweiter machte, ein Haus und ein Auto. Nicht von der billigsten Sorte.

Cristiano, auch wenn ich – wie dein Sohn – Messi-Fan bin und die Daumen weiter für Barcelona drücken werde: Mein Gesicht tanzte gestern Freudentänze, als ich sah, wieviel Dir dieser Titel bedeutet. Dein Seitenlinien-Coaching, das Jürgen Klopp wie einen gehirnamputierten Rüdiger Hoffmann aussehen liess. Wie Du deinen eigenen Coach verprügelt hast. Mehr geht nicht. Herzlich und mit Begeisterung: Parabéns, Du Irrer! Du hast Dir den Kübel mehr als verdient. Beruflich – wie privat. Und damit die Ausgangslage geschaffen, dass Du endlich auch auf dem Platz etwas lockerer sein darfst. Aight?

PS: Dass Du so geil aussiehst, ist, so glaube ich, Gottes Art, sich in aller Form bei Dir für seine ersten Scheiss-Kapitel deiner Lebensgeschichte zu entschuldigen.

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Autor: Sascha Plecic

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- Im Grosi-Rägemänteli, mit einer orangen Schlumpfmütze und Spülhandschuhen bei der Bloodhound Gang zum Interview erscheinen -> Resultat: Er wurde u.a. von Evil Jared angepisst. Literally.

IRON PLECIC did it all - und hat’s überlebt.

«Mehr Toleranz gegenüber Schweinsbraten.» (Der Wochenrückblick 26/2016)

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