in

Überall Erbrochen

Von Gastautor Benjamin von Wyl

Das ist eine Toilette. Wenn man sie öffnet, hat es da einen Toilettendeckel, eine Einbuchtung, weiter unten schwappt Wasser. In manchen Ländern verfügt die Toilette über eine Galerie, in der die Kacke zwischen halten darf. Ich kenne Toiletten sehr genau, vor allem ihre Schüsseln. Ehrlich gesagt interessiert mich der Klokasten kaum, wichtig ist nur, ob der Schwimmer funktioniert, die Spülung muss stark sein.

Am meisten fällt mir auf, wie die Kalkablagerungen das Schwapp-Wasser umarmen: Weiß, dick, dünn, mit gelbem Striemen von Seife oder von Urin, der sich da binden konnte, der da heimisch wurde. Das hilft mir dann auch. Es hilft mir, wenn mein Mitbewohner vergessen hat, die Spülung zu betätigen. Dann kotze ich leichter. Ich kann immer kotzen, so ist es nicht, aber wenn was Widerliches in der Welt oder in der Schüssel liegt, ist es weniger Sucht, Neurose, Krankheit – in solchen Momenten ist es ehrliches, echtes Kotzen.

2012 haben sich 500 Experten aus allen Disziplinen in Seattle versammelt, sie wollten dem Brechreiz einen Denkraum geben. Die Schlussfolgerung laut Pressemitteilung: Kotzen ist ein befreiender Akt, eine Möglichkeit, sich von allem zu lösen, das einem umgibt. Gesundes Kotzen ist was sehr gesundes. Für mich war Kotzen die letzten Jahre immer was anderes. Ich hab, wenn Dirk und Sascha zum Fondue essen kamen. Kurz vor dem letzten Bissen Fondue, dann hab ich. Noch zwei, drei Stücke Brot hinterher – gegen den Mundgeruch und auch gegen das Schwindelgefühl. Wenn die Departementsvorsteherin einen cholerischen Totalausbruch hatte, nur um am nächsten Tag süßlich zu fragen, ob ich denn den Ankündigungstext für das Seminar zu Flurnamen im Schwarzbubenland schon zusammen habe. Nach dem Ausbruch hab ich ausgeworfen, nach der geheuchelten Es-ist-nie-passiert-Nummer ebenso. Das war immer gut, ein Geheimnis, eine Kompensation für diesen Alltag und jeden Tag. Natürlich krankhaft – aber wirklich schlecht gefühlt hab ich mich nur während den World Vision-Werbungen, die in den Pausen von Frauentausch liefen. Ich kotze pro Jahr mehr Nährstoffe aus, als mein hypothetisches Patenkind in seinem ganzen bisherigen Leben – in Form von Yams oder Reis, je nachdem, wo das arme Gschöpfli herkommt – zu sich genommen hat.

Das ist eine Toilette, das ist meine Toilette. Ich kenne sie, wie Infanteriegrenadiere ihr Gewehr. Nein, ich kenne sie besser. Ich kenne sie, wie Infanteriegrenadiere die Blasen an ihren Füssen. Es ist meine Toilette und es bekommt ihr heute zum letzten Mal besonders. Döner-Mars-Rivella-Wiederkäuerkombi. Die glückliche. Ihr wird hinterher nur noch zugemutet, was allen zugemutet wird.

Vor dreizehn Monaten hieß es mein Vertrag werde nicht verlängert. «Sei froh, dass wir in der Schweiz sind. Hier gibt es noch so was wie ein Übergangsstipendium. 50’000 ohne Anwesenheit, ohne Verpflichtung, ohne dass sich die Mails zur Studienberatung in deiner Inbox sammeln… wirklich! Ich versteh nicht, weshalb du drei Monate brauchst, um eine einfache Frage zur Bibliotheksrecherche zu beantworten. Wirklich, wirklich. Ich will nicht so sein. Du bist fleißig – du kannst fleißig sein. Was du für das Berndeutsche Wörterbuch getan hast, das hat das Idiotikon vorwärtsgebracht, ehrlich. Outstanding.» Lieber Prof. Dr. Geiger, was ich für das Berndeutsche Wörterbuch getan hab, hat meine Diss nicht vorwärtsgebracht. Fuck, eine Uni ist Hire & Fire plus Feudalismus. «Herzlichen Dank, ich kann nicht sagen, dass ich das Geld nicht gebrauchen kann.»

Dirk war traurig, war er wirklich. Er hat mir sein Poster von John Cena mitgegeben und er liebt John Cena. Ich hasse John Cena, ich mag Dirk. Und solange es keine singende John-Cena-Thanksgiving-Karte ist, geht es. Wenn ich jeweils um elf ins Büro kam, saß Dirk vor seinem Bildschirm. «Für dich hat jemand angerufen.» «Wirklich?» «And his name is… John Cena!» And his name is, his name is…his name is, his name is John Cena. Ich sollte auch kämpfen, das wär ein guter Ersatz, das würde helfen. Wirklich. Aber es ist wohl der falsche Zeitpunkt, um sich für Sportkurse einzuschreiben.

Russland, Kasachstan, Georgien, Türkei, Iran. Anfangs war ich noch in Hotels, trotzdem wurden die Spülungen schlechter und manchmal ging es meinem Magen so schlecht, dass mir nicht danach war, dass ich wusste, ich darf ihn nicht für nichts weiter verstören. Ich war im Iran während dem Bataclan-Attentat, bei einer Familie, die das NCR unterstützt, das National Council of Resistance. Von ihnen hatte ich’s erfahren und dann vom SPIEGEL. Und dann erfuhren sie, dass ich das ganze Kufteh erbrochen hatte. Mein Französisch ist so schlecht wie mein Englisch. Immerhin konnten sie es sich über die Attentate in Paris erklären. Es musste jemand aus der Nachbarschaft geholt werden, da nichts mehr abfloss, gar nichts mehr.

Nach all dem Reisen, nachdem ich in Isfahan weder die Adresse, die sie mir in Teheran gegeben hatten, aufsuchte, noch eine Location aus dem Lonely Planet. Nachdem ich mich nach Bier durchfragte und damit noch auf die Straße war und das Leergut warf, waren noch 2000 auf meinem Konto. Viel Geld im Iran. Viel Geld in Spanien, Griechenland, Irland. «Ah, Swiss!» So viele Lächeln darf man beim Reisen beobachten, so viel Trinkgeld, so viel Süßigkeiten für Kinder, die man glaubt von WorldVision-Bewegtbildern zu kennen. Aber ja, lieber Prof. Dr. Geiger, lieber Kurt, ja, in der Schweiz ist das anders. Lieber Prof. Dr. Geiger, der aus seiner Entschädigung noch netterweise privat eine Hilfsassistenz finanziert: Wenn kein neues Geld kommt, ist alles Geld irgendwann weg. Und wenn man hier aufgewachsen ist – nicht hier, aber in Köniz, dann hatte man gelernt, wurde gelehrt, dass man nicht arbeitslos ist, sich nicht beim RAV anmeldet. Dass man das nicht tut, in diesem begrenzten Raum, den sich ökonomisch erfolgreiche Hirten genommen hatten.

Als ich zurück war, war da wieder meine Toilette. Das ist meine Toilette. Nach so vielen Toiletten. Da waren es noch 500 auf dem Konto. Es liegt nicht mehr drin, das Kotzen. Es gibt auch keinen doppelten Boden mehr, nichts wegzukotzen. Würde ich jetzt noch kotzen, wäre ich wie der Junkie, der mit Nadel, Alufolie und einer Matratze zusammenlebt. Gemeinsam mit Kellerasseln, vielen. Ich hab in eine Wand geboxt. Ich hab den Wäscheständer umgeworfen. Ich kaufte ein, für eine vorbereite Fressattacke, die enge Beziehung zur Schüssel – zum letzten Mal? Dann lese ich von den Anschlägen in Brüssel und verbringe eine Stunde in Livetickern. Dann ist da eben Mars-Rivella-Döner, sogar begründet. Als wären die Anschläge nur für mich gewesen, damit ich was ablassen kann. Mega-Döner, kostet 14 Franken. Am nächsten Morgen fahr ich – schon um 9 Uhr – zum Asia Shop und kaufe mir einen 20-Kilo-Sack Reis.

Portrait_Benj

Benjamin von Wyl, geboren 1990 im Aargau, Bis Mitte 2015 Managing Editor Switzerland bei VICE Alps. Weitere journalistische Beiträge in: Medienwoche, TagesWoche, Literarischer Monat, Schweizer Monat, tsüri.ch und auf der VICE-Tochter NOISEY. Essays und Beratung der Avenue – Zeitschrift für Wissenskultur. Regelmässig Kurzprosa im Literaturmagazin Narr. Lesungen im Kunstmuseum Basel, Kunsthalle Basel, Solothurner Literaturtage, Coq d’Or Olten etc.; Mai 2015 bis Juli 2016 Dramaturg am Theater Neumarkt.

Gefällt dir dieser Beitrag?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Autor: Gastautor

Kult.ch lädt in regelmässigen Abständen Gastautoren ein, ihre Geschichten zu teilen. Weil sie spannend sind; weil sie zum Nachdenken anregen; weil es eine Schande wäre, sie nicht lesen zu dürfen; weil sie Lücken füllen; weil sie unseren Alltag bereichern; weil sie unerhört sind; weil sie nicht ins Schema passen...

weil sie kult sind.

Ronaldo Übermensch

Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten