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Die Maybe-Generation

Mögen Sie Verbindlichkeit? Ja, sagen Sie? Wie steht es denn um Ihre eigene? Kann man sich blindlings auf Sie verlassen, sagen Sie Ja und meinen es auch, verabreden Sie sich zu fixen Zeiten ohne Schlechtwetterausweichdatum – oder gehören Sie eher zu derjenigen erdrückenden Mehrheit, die „es lieber mal abwartet und sieht, was sonst noch kommt“?

Eine Erscheinung des modernen Zeitgeistes auf die wir nicht allzu stolz sein sollten: die Jein-Mentalität. Sie ist Ihnen ganz bestimmt auch schon des öfteren begegnet. Bewusst oder unbewusst. Spätestens dann allerdings wahrscheinlich etwas schmerzhaft, als Sie im Freundeskreis zu Ihrer Geburtstagsparty eingeladen haben und einige Ihrer Freunde mit „vielleicht, mal schauen“ reagiert haben. Früher gab es sie noch, die klassische Einladung, auf welche man üblicherweise postwendend mit einem klaren «JA! Schön, dass ich dabei sein darf!» geantwortet hat, weil man sich wirklich freute und es einem eine Ehre war, Teil eines Happenings zu sein. Heute kann man noch nicht mal mehr davon ausgehen, dass Leute aus dem engeren Umfeld zu seiner Beerdingung kommen, um ihre letzte Ehre zu erweisen. „Der merkt das ja nicht, er ist ja nicht mehr da.“ denken sich die einen. Die anderen haben möglicherweise einfach etwas Besseres vor. Oder etwas Dringenderes. Oder sie haben die Veranstaltung in ihrer Einladungsflut schlicht übersehen. Das sind diejenigen, die Toten dann weiterhin fröhlich jährlich zum Geburtstag gratulieren auf Facebook, oder sie zu irgendeiner Veranstaltung einladen.

Mal schauen…
Facebook ist es denn auch, welches es einem erleichtert, weder Ja noch Nein sagen zu müssen. Ganz im Gegenteil: Man kann sich in Szene setzen, indem man sich für Veranstaltungen interessiert. Wenn man tatsächlich ernsthaftes Interesse bekundet, weshalb kann man dann nicht einfach zusagen und anständigerweise auch gleich noch hingehen? Oder halt eben absagen, weil man nicht kann? „XY interessiert sich für eine Veranstaltung“ heisst in Tat und Wahrheit nichts anderes, als dass XY mal abwartet, ob in der Zwischenzeit nicht noch etwas Spannenderes auftaucht. Man lässt es sich offen und guckt mal. Es ist natürlich kein Verbrechen, sich Optionen offen zu halten. Wenn man zum Beispiel nicht weiss, ob man im Juli 2017 Lust auf ein Madonna Konzert hat oder genau dann eben vielleicht nicht, weil in den Ferien, weil die Tage, weil keine Kohle, weil man Madonna eigentlich noch nie mochte…

maybe-generation

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Es hat sich aber über die vergangenen Jahre eine Unart breit gemacht, die Leute in Klein- oder Grossgruppen auf einen Abend mehrere Reservationen in verschiedenen Restaurants machen lassen, um dann – im Idealfall – in einem dieser Lokale zu erscheinen. Die anderen Betriebe bleiben förmlich auf den leeren Stühlen sitzen, und Gäste, die vielleicht ebenfalls gerne in einem dieser Lokale gespiesen hätten, wurden auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Solche Unanständigkeiten haben bereits einige Wirte dazu gebracht, Tischreservationen nur noch unter Angabe einer Kreditkartennummer anzunehmen. Bei Nichterscheinen wird dann eine Bearbeitungsgebühr oder mehr fällig. Kürzlich habe ich gar von einer Firma gehört, die in einem Speiselokal einen grossen Tisch mit mehrgängigem Menu vorbestellt hat und in globo nicht aufgetaucht ist. So weit haben wir es gebracht. Ich schäme mich fremd.

Vielleicht sollten wir unser Verhalten einmal überdenken. Vielleicht sollten wir wieder lernen zu fokussieren, uns auf wenige Dinge und Menschen zu konzentrieren, dafür richtig. Es könnte sonst in naher Zukunft passieren, dass Sie am Traualtar stehen und der Pfarrer Sie fragt: „Möchten Sie diesen Menschen zu Ihrem Mann oder Ihrer Frau nehmen?“ und diese Frau oder dieser Mann mit „Mal sehen…“ antwortet, Sie noch küsst und dann loszieht um zu sehen, obs da draussen nicht noch was Besseres gibt.

Fotos: pexels.com

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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Statt 28/2016 depro lieber 1971 – 1977 gaga. (Der Nicht-Rückblick auf eine beschissene Woche von Würzburg über Erdogan und Dimitri bis Trump und München.)