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Ich schäme mich ein Mann zu sein

Es gibt Momente, da schäme ich mich. Ich schäme mich, ein Mann zu sein – oder anders ausgedrückt: Ich schäme mich dann, Mitglied der männlichen Geschlechtergruppe zu sein und in Gefahr zu laufen, irgendwann mit einem von diesen Typen in einen Topf geworfen zu werden.

Ich bin nicht wie alle. Jedenfalls in ganz vielen Belangen nicht. Wirklich nicht. Ich bin wahrhaftig einer von denen, die von sich behaupten können: Ich bin anders. Ich wasche beispielsweise nicht jeden Samstagnachmittag meinen Wagen. Okay, zugegeben: In einigen Dingen bin ich schon männlich: Ich mag Fleisch und Bier. Aber bei Fussball wirds dann aber schon wieder schwierig. Ich mag nicht mehr als zweimal pro Jahr in ein Fussballstadion zu gehen, niedrigprozentiges Hochrisiko-Bier zu trinken und damit anzugeben, dass ich alle Spielernamen auswendig kenne und weiss, dass der da unten jetzt gefälligst das zu tun habe, und dass jener besser nicht auf dem Feld stünde, hingegen der andere dort hinten schon. Das ist mir dann wirklich vollkommen egal. Hauptsache mein Team gewinnt. Weil, ein Lieblingsteam habe ich natürlich schon. Und ich fluche dann natürlich auch wie sie über den Schiri und halte ihn für die letzte Pfeife. Dann ist aber auch irgendwann wiedermal gut, spätestens nach Abpfiff. Ich spreche hinterher auch nicht übers Spiel – weil ich mich kaum mehr an einzelne Szenen erinnern kann, und weil vorbei nun einfach mal vorbei ist. Wie im Kartenspiel. Da kommt ja gleich wieder ein neues, und da kann man dann aufs Neue versuchen besser zu sein. Oder zumindest weniger schlecht.

Ich schäme mich in ganz besonderen Momenten, ein Mann zu sein. Dann zum Beispiel, wenn eine Seniorin, der ich zu vorgerückter Stunde alleine auf der Strasse begegnet, verkrampft die Handtasche an ihren Oberkörper presst, weil sie panische Angst davor hat, dass ich ihr die sauer verdienten 10’000 Franken rauben könnte, welche sie am Nachmittag für ihren Enkel vom Sparkonto abgehoben hat. Für den jungen Mann, an den sie sich eigentlich gar nicht erinnern kann, der ihr aber am Telefon dennoch glaubhaft versichern konnte, dass sie beide ganz sicher verwandt seien und er aufgrund einer Notlage dringend auf diesen kleinen Zustupf angewiesen sei. Und dass sie das Geld ganz sicher wieder zurückerhalte, mit Zins und Zinseszins und einem Blumenstrauss und einem dicken Kuss und einer Familienpackung Kukident 3 Phasen.

Und ich schäme mich, wenn mich adrette, junge Damen keines Blickes würdigen, weil ich ja ganz bestimmt wieder einer dieser Unholde bin, welche sie tagein, tagaus mit alleinigem Anstarren ausziehen, schwängern und andere schreckliche Dinge mit ihnen tun. Wenn man mich wie Luft behandelt, könnte ich die Schuldigen dafür in derselben zerreissen, so sehr schäme ich mich.

Aber so richtig, richtig, RICHTIG schäme ich mich für meine Geschlechtsgenossen, wenn sie sich erniedrigen, sich ganz tief unten im Dreck suhlen, wo es nicht mehr tiefer runter geht: In den Kommentaren auf der Fan-Seite meiner Facebook-Exfreundin Irina Beller. Wenn das Hirn im Schwanz ist und nur so gross ist, dass es in der Eichel Platz hat, tönt das so:

  • Hallo liebe Irina! Du bist nicht nur eine wunderbare, wunderschöne erotische Frau! Endlich habe ich auch Deine Stimme vernommen! Du hast auch noch eine tolle Stimme, eine Stimme mit der Du die Aufmerksam auf Dich ziehst und Du sprichst wunderbar Deutsch! Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag! Liebe Grüße und Bussi sendet Dir Adalbert! (Anmerkung d. Red.: Adalbert kommentiert Irina Bellers Fotos seit Monaten.)
  • Das ist aber ein wunder schönes Kleid.Sehr Elegant bist halt auch sehr sexy und elegant schöner Sonniger Tag Irina more Picture. (René)
  • Guten Morgen schöne Irina! Du machst den Sonntag wieder einmal zu einen wunderbaren, aussergewöhnlichen schönen Tag! Du, mit Deiner tollen Figur und dem engen kleinen Bikini! Bei so einer tollen Figur kann man (Mann) nicht genug sehen! Ich wünsche Dir einen wunderschönen Sonntag, soll er doch so weitergehen wie er begonnen hat! Ganz liebe Grüße und Bussi sendet Dir Adalbert! PS: Bitte bleib weiter so wie Du bist! (Anm. d. Red.: Wie gesagt…)
  • Selfie Queen Irina das ist wie immer super sexy dein nichts von einem Bikini hat ja in einer Zigaretten Schachtel platz have a nice weekend gruss an Walter (René)
  •  Sexxxyyyyy brownie. Selfie Queen umschreibt Dich ja schon ganz gut liebe Irina Beller, aber Königin des Augen Orgasmus und des Sex Appeals trifft es noch besser :) (Klaus)
  • Guten Morgen schöne Irina! Du machst den Sonntag wieder einmal zu einen wunderbaren, aussergewöhnlichen schönen Tag! Du, mit Deiner tollen Figur und dem engen kleinen Bikini, wobei man der Verdacht haben kann, dass ein Teil des Bikinis fehlt! Das lässt die Gedanken sehr kreativ werden! Ich wünsche Dir einen wunderschönen Sonntag, soll er doch so weitergehen wie er begonnen hat! Ganz liebe Grüße und Bussi sendet Dir Adalbert! (Anm. d. Red.: Eben…)
  • Nationalfeiertag Schweiz,Montag, 01. August 2016! Liebe Irina! Man könnte wirklich neidisch sein! 1. Das Ihr Nationalfeiertag habt, aber feiert die Feste wie sie fallen! 2. Das ich nicht anstelle Deines Begleiters Dir beim baden und erotischen räckeln im Wasser und in der Sonne zusehen kann! Ich wünsche Dir einen wundervollen Feiertag! Liebe Grüße und Bussi sendet Adalbert! (Anm. d. Red.: Äh, ja…)

Das könnte jetzt kilometerlang so weitergehen. Peinlicher als die Kommentare sind eigentlich nur noch Irina Bellers Kommentare zu den Kommentaren. Aber die sind so weit unter der Gürtellinie, dass wir die unseren Lesern nicht zumuten können. Schliesslich haben auch wir vom Kult eine (zugegebenermassen recht tiefe) Schamgrenze.

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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