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Tears on my Pillow – Es lebe der Kitsch!

Little Anthony & The Imperials lassen mich dahinschmelzen wie ein Gelato al Limon. Sophia Loren in „Es begann in Neapel“ verwandelt mich in eine italienische Carina, der es schnurzpiepegal ist, ob sie ein dahergelaufener Americano für ein bisschen dumm, aber unwiderstehlich hält und auf Capri begeistere ich mich plötzlich für Korallenschmuck und naive Malereien, die mich in Berlin ein müdes Lächeln kosten würden.

Der Pulpo aus Keramik mit dem Bassett-Auge wäre doch wirklich ein Eyecatcher im Garten und die Glitzersandalen mit den Totenkopf-Medaillons verleihen meinen sonnengebräunten Füßen sicher das gewisse Etwas… Si, si! No, no – bekriegen sich das Kitschteufelchen und das Engelchen des hehren Geschmacks in meinem Kopf und – es ist Sommer, Leute! Übt Nachsicht! – am Ausgang des Zweikampfes besteht kein Zweifel.

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Überhaupt ist es endlich einmal an der Zeit, eine Lanze für den Kitsch zu brechen. Dazu muss man es wagen, die eigene Lebenskunst-Überhöhung über Bord zu werfen und der Verlogenheit der Intellektuellen-Empathie für den „kleinen Mann“ tief ins Auge zu blicken. Wer selbst nicht wochenlang Milchsuppe mit Salz geschlürft hat während seiner Kindheit, neigt gerne dazu, das Arbeitermilieu mit einer süßlichen Romantik zu umweben. Im Pläsier der Unterschicht, dem Vergnügen an Kirmes und Gartenzwerg, erkennen Salonsozialisten und Mac-Liebknechts, schnörkellose Gefühle, die sich leider auf das falsche Objekt richten. Mit ein wenig Bildung und pädagogischer Leitung ließe sich dieses Kulturmalheur mit Sicherheit beheben, so der wohlmeinende Ansatz, dem immerhin die Gnade des Mitgefühls innewohnt. Adorno-Aficionados schießen schließlich noch über das Ziel hinaus und sprechen Kitsch-Liebhabern jede Echtheit der Emotionen ab. Gefühlsklitterung sei dabei nicht das schlimmste Übel, über das eigene sinnentleerte Seelenleben hinaus entpuppten sich Kitschmenschen (Adolf H. an erster Stelle) als Vernichter der Menschheit und des Menschlichen. Wenn Kitsch zur Staatskultur erhoben wird, ist das zweifelsohne das Ende der Freiheit.

Der Todesstoß wird der Freiheit aber versetzt durch die proklamierte Allmacht der Intellektuellen über das Schöne und Gute. Es ist an Ignoranz und Überheblichkeit nicht zu übertreffen, dass Liebhaber von Nippes und lupenreinem Klimbim zu emotionalen Krüppeln degradiert werden. Pierre Bourdieu springt mir in diesem Hate Speech gegen die Vernissagen-Elite hilfreich zur Seite, indem er sie als Speerspitze des Kapitalismus enttarnt. Man muss nicht ein ausgewiesener Art Basel-Spezialist sein, um das inzestuöse Gebaren der selbsternannten Kuratoren und Sammler als superarroganten Machtdiskurs zu entlarven. Daran ändert auch nichts, dass Kitsch als Kunstform längst von Koons & Co. besetzt wurde. Ironie ist die einzig legitime Umgangsform einer monströs-verkopften Intelligenzija, die mit rosig-wonniglichen Gefühlen genauso wenig am Hut hat wie mit krudem, nach Schweiß und Blut dürstendem Sex.

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Wer sich Ironie und Erbarmen verweigert und sich hemmungslos der Lust an Italotunes, Sophia und orange lasierten Keramikseesternen ergibt, gehört der Paria der Kitschseligen an. Belächelt von einer sich aufgeklärt wähnenden Geschmackspolizei, beglückt sich der Glückselige in der Gesellschaft seiner Reproduktionen, Zwerge und Göttinnen. Er schert sich einen Teufel darum, ob irgendjemand außerhalb seiner Welt seinem Universum die Daseinsberechtigung aberkennt. Das Label Kitsch existiert für ihn nicht: In der Welt der Kitschglückseligkeit herrscht nämlich das eigentlich Authentische, so absurd das klingen mag. Liebe, Zärtlichkeit, Beseeltheit, hervorgebracht durch ein Objekt, sind wahr und gut, verheißen Ewigkeit und Beständigkeit, die Reproduzierbarkeit des originär Guten. Wenn überhaupt, dann gibt es universelle Grundkonstanten des Fühlens in einer Welt, die losgelöst ist von ihrer Außenwirkung. Wer Kitsch liebt, ist der wahre Rebell, wild und gut, denn seine Social Media-Spiegelneuronen sind so blind wie mein venezianischer Spiegel.

«A rose is a rose is a rose»

 

Obwohl ausgelöst von einem Objekt (ein Bild, ein Gegenstand und auch ein Klang), ist das Gefühl, das Kitsch erregt, echt. Selbst wenn es nur die Erinnerung einer Erinnerung einer Erinnerung ist, bleibt es so wahr wie A rose is a rose is a rose. Wahrer jedenfalls als die Eternal Love-Versicherungen einer Dollar Diva auf Instagram.

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Kitsch ist nämlich genauso inexistent bzw. existent wie Liebe. Erst durch unser eigenes Denken und Fühlen entsteht er, nicht in der Spiegelung, wie irrtümlich angenommen.

Und da sitz ich nun im Leopardenprint-Rock, Little Anthony im Ohr: „Love is not a gadget, love is not a toy/When you find the one you love/she’ll fill your heart with joy.“

Und bin beglückt. Mindestens so sehr wie von einem schablonenhaft-authentischen „Ich liebe dich“.

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Autor: Theresa S Grunwald

Ekstatische Verzückung, Devotion, deutsche Romantik – Theresa S. Grunwald, das Pseudonym dient als sprachliche Verhüllung, lebt nicht nur in einer pornographischen, von einem leisen Hauch Katholizismus durchwehten Welt. Der Durchbruch ins Animalische gelingt nicht immer, Hölderlins Liebe greift sie manchmal hart am Schopfe. Masken sind aber durchaus ein probates Hilfsmittel, um extreme Widersprüche, Sex und Liebe ist nur einer davon, in Genuss umzuwandeln.

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