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Die Sache mit dem LIKE

In letzter Zeit hörte ich von lange nicht gesehenen Bekannten und Freunden (unabhängig von einander), dass sie sich freuten auf meine Beiträge auf Facebook, die sie immer lesen würden. Ihre Aussage verwunderte mich sehr, weil ich nie ein Like / Gefällt mir in ihrem Namen vernommen hatte. Eine Bekannte meinte im Anschluss auf mein verwundertes Gesicht: „Ich gebe einfach nie Likes, weißt du.“ Ich fragte nicht nach dem Wieso, denn ich hatte angenommen, dass es sich bloss um dahingesagte Höflichkeitsfloskeln handelte und dass sie mein Zeugs nie lesen würden oder nicht mochten – und da fragt man lieber nicht nach. Ich redete dann mit anderen Social Media Befüllern darüber und musste feststellen, dass auch ihnen gegenüber ähnliche Aussagen gemacht wurden.

Es ist so: Wir Social Media Inhaltsbelieferer hoffen den Menschen mit unseren Beiträgen etwas geben zu können. Sei es Unterhaltung, Gefühlsregung, Information, Aufregung, Meinung, was auch immer – wir kommunizieren und publizieren in der Hoffnung irgendjemand möge uns sehen und dabei etwas empfinden. Wir hoffen auf Feedback und Austausch. Das ist unser Lohn.

Überhaupt kein Feedback zu geben als Konsument ist wie in allen anderen Lebensbereichen die höflichere Art zu sagen „Du bist scheisse“. Man gibt kein Trinkgeld: Du bist scheisse. Man bezahlt nicht für jemandes Arbeit: Du bist scheisse. In den Künsten: Man klatscht nicht oder läuft hinaus: Du bist scheisse. Bei Comedy: Es starren alle nur auf den Boden ohne jegliche Mimik: Du bist scheisse. Natürlich sind diese Formen des Ausdrucks schon länger da als die in Sozialen Medien. Die Gesellschaft hat sich noch nicht ganz an die virtuelle Kommunikation und deren Sozialgebaren gewöhnt, verhält sich deshalb zögerlich und unsicher. Und trotzdem folgt Social Media dem gleichen Prinzip wie überall sonst: Als Konsument zeigt man mit einer Reaktion oder einem kleinen gefällt mir, Dankbarkeit und Anerkennung für die getane Arbeit der Person. Ein Like ist nichts geringeres als eine Wertschätzung.  Wer höflich sein will, reagiert eben nicht unhöflich, wenn er es nicht allzu toll fand – sondern gar nicht. Wenn es grottenschlecht war für das eigene Empfinden, dann bitten wir doch um ein lautstarkes BUH! Konstruktive Kritik und Austausch– das ist der grosse Vorteil von Social Media weil man nicht als Zuschauer in der Menschenmenge untergeht sondern zum Akteur wird – sind immer angebracht.

Liked man etwa nicht und geistert unsichtbar herum, weil man der Welt hochnäsig vorgaukeln will, man habe ein weitaus spannenderes Leben ausserhalb von Social Media? 30 Stunden pro Woche fernsehen im Verborgenen ist auch nicht besser. Social Media ist unser Leben. Unsere Zeitung, unsere Unterhaltung. Online gehört zu uns, genauso wie alles andere.

Sind wir mit Social Media erst seit wenigen Jahren vertraut geworden, mag die Zurückhaltung damit zu begründen sein, dass man Angst davor hat enttarnt zu werden? Ein Like hier oder ein Kommentar da und man wird vom mulmigen Gefühl befallen, sich völlig entblösst zu haben vor der ganzen Welt. Man ist aus Angst vor zu wenig Privatheit zu feige seine Präferenzen und Meinungen preiszugeben mit diesem kleinen Like mit ach so grosser Wirkung. In unserer Kultur sowieso, in der nicht einmal die Lust auf Debatte im Alltag ausgelebt werden kann. Man liest und guckt und denkt lieber heimlich. Und ich sage: So doll ist das Ganze nicht. Niemand interessiert sich für sie und ihr Aktivitätenprotokoll, solange sie nicht einer terroristischen Organisation beigetreten sind, von Interpol gesucht werden oder einen Stalker als Ex-Freund haben. Eigentlich verzichtet man auf seine Privatsphäre, sobald man eine Cumulus Karte besitzt oder ein Handy Abo abschliesst.

Die Mutigen unserer Zeit sind die, die Bilder von HOT CHICKS XXX oder 50 Katzenvideos pro Tag liken und sich nicht ein bisschen genieren. Sie stehen zu sich und dazu, was sie konsumieren. An ihnen sollte man sich ein Beispiel nehmen, denn sie sind frei. Befreit von der Angst von anderen beurteilt zu werden. Sie leben und lieben wie sie mögen.

Im neuzeitlichen Knigge stünde: Wenn Sie sich das nächste Mal unterhalten fühlen, überwinden sie sich doch zu einem Like. Das Verteilen von Lob hat nämlich noch nie jemanden umgebracht, im Gegenteil, positive Energie reflektiert auf Sie zurück. Schlussendlich sind Sie (und ihre Vorlieben), wer Sie sind. Mit oder ohne Like. Mit Like aber weitaus höflicher als ohne.

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Autor: Jelena Keller

Jelena ist von Beruf Journalistin und Sprachlehrerin, Schweizerin serbischer Abstammung. Sie mag lange Texte und langes Grübeln. Sie hat sich daran gewöhnt zu viel zu denken und zu wenig zu schlafen. Wenn sie gar kein Auge zumachen konnte sieht sie die Welt nüchtern und in einem Grauton. Wenn sie ausgeschlafen hat, wandert sie mit ihrem Hund auf grüne Berge, durch bunte Blumenwiesen und rosa Weizenfelder. Schreibt auch mal Gedichte und Kurzgeschichten, reist am liebsten um die Welt und probiert Neues aus. Sie meint tatsächlich, dass sich alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur ab und zu in die Lage des Gegenübers versetzen könnte. Walk in my shoes und so. Trotzdem versteht sie manche Menschen nicht. Die, die sich vor dem Leben und dem Tod fürchten und andere verurteilen. Aber von den meisten anderen denkt sie, sie seien alle Freunde, die sie bloss noch nicht kennengelernt hat.

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