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Die Schneiderei: Das Techno-Wohnzimmer feiert 5-Jähriges

Vor fünf Jahren, gerade als das legendäre Cabaret an der Geroldstrasse die Luken dicht machte, eröffnete der Oesterreicher Thomas Nussbaumer im ersten Stock eines Döner-Ladens an der Langstrasse 117 in Zürich einen privaten abgespaceten Tanzschuppen, dessen Ambiente und Publikum ähnliche Züge haben sollte: „Die Schneiderei“.

In Berlin wurden Ende der Nullerjahre Dönerladen-Parties zum Kult. Anstatt Ravern auf’m Weg zur Afterhour nur nen Kebap in die Hand zu drücken, lieferten lustige Budenbesitzer die Party gleich mit. „Sexy Döner“ Afters waren unter Clubbern der letzte Schrei.

In der deutschen Hauptstadt hätte es also niemanden verwundert, in einer Dönerbude Techno zu finden. An der Langstrasse in Zürich ist das anders. Umso erstaunter schaut man, wenn man „Die Schneiderei“ betritt: Sie könnte genau so gut ein abgefahrener Hinterhof-Club in nem Tarantino-Streifen sein.

Wohnzimmer auf LSD und Liebhabermucke

Durch den Kebap-Laden, Treppe hoch, Couloir entlang und – päng! – schon steht man mitten in nem Underground-Schuppen, der durch gutes Publikum, herzliches Personal und faire Preise besticht. Das Wohnzimmer-auf-LSD-Ambiente wirkt erfrischend einladend.

Mit Roli Trabadelo programmiert ein gewiefter Zürcher DJ das selektive Liebhabermucke-Programm, worauf heute zum Beispiel Blade und Beard aus dem Film „Raving Iran“ stehen. Thomas Nussbaumer ist der Gründer und Kopf des Vereins Schneiderei, ein Idealist, der auch einem Zürcher Publikum den Zufluchtsort bietet, welches längst dachte, keinen Platz mehr im durchkalkulierten zwinglianischen Nachtleben zu haben.

Wir haben uns anlässlich der Feierlichkeiten mit ihm über die Beweggründe seines Engagements unterhalten.

Thomas, 5 Jahre gibt’s euch – und keiner hat’s gemerkt.

Ein paar mehr als du denkst. Und genau darum geht’s bei uns: Ich finde den Underground-Charakter und diese Mund-zu-Mund-Propaganda extrem angenehm. Das Gefühl des Exklusiven, des „Verschlossenen“ – unter anderem deswegen sind wir auch als Verein eingetragen. Das ist kein öffentlich zugänglicher Club – das ist ein Vereinslokal.

Wo wollt ihr musikalisch hin?

Kannst Du alles in den Statuten nachlesen.

Keine Lust.

Hahaha, schon klar. Ich bin ja Oesterreicher. Als ich vor 15 Jahren in die Schweiz gekommen bin, hab ich extrem lang gebraucht, um mich wirklich zu integrieren. Obwohl ich gedacht habe, unter uns Alpenländlern sollte das doch schneller gehen. Schweizer sind ja nicht so zugänglich, eher etwas verschlossen und vorsichtig. Zurückhaltend und auf Sicherheit bedacht. Und ich hab mich immer gefragt, wo lernt man jetzt eigentlich Schweizer kennen? Gehst du aus, kannst du nicht an den nächsten Tisch und sagen: Hallo, wie geht’s? Dann sagen die: Gaht’s no?!

Kommt darauf an, wie man’s macht. Aber grundsätzlich weiss ich, was du meinst.

Es läuft darauf aus, dass man in Clubs geht, sich die Hucke voll haut, Koks reinhaut, oder eben nicht, und, wenn’s dann so ist, um 9 Uhr morgens verstrahlt heim geht. Jeder quasi für sich. Gut durchmischt ist das Ganze nicht.

Das ist Zürich.

Ja, aber ich hatte dann einen Aha-Effekt: An WG-Parties. Da kommst du rein, kennst keinen, nach einer Stunde kennst du sie alle. Stehst in der Küche vor’m Kühlschrank und quatscht mit jedem über alles. Wirklich ALLES.

Privat ist der Schweizer eben offener.

Genau. Das sind die gleichen Leute, die am Abend im Club sagen: Hey mach mich nicht so blöd an. Und da kam mir die Idee, dass hier so ne Plattform fehlt – institutionalisierte WG- oder Wohnzimmer-Parties.

Mit dem Ziel?

Dass sich Ausländer besser integrieren können. Oder aber, um auch Schweizern die Möglichkeit zu geben, sich untereinander offener austauschen zu können.

Wie jetzt?

Ja, es reicht hier ja schon, wenn einer aus Basel oder dem Wallis kommt – der hat’s schon nicht so einfach in Zürich.

Kantönligeist halt. Stimmt.

Aus dieser Publikumsmischung und einer selektiven breit gefächerten Musikprogrammation entstehen bei uns die legendärsten Feiern.

Ich weiss… Insofern gutes Fest heute abend & herzliche Gratulation zum Geburi!

Danke!

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Sascha Plecic

Autor: Sascha Plecic

Wem sein Leben lieb ist, darf auf keinen Fall:

- Nicht wissen, wer Coco ist, und im Bodycount-Backstage vor Ice-T’s versammelter grimmiger South-Central-L.A.-Truppe mit ihr flirten
- Robb Flynn (Machine Head) sagen, dass Metallica die Village People der Bay Area sind - und bei ungläubigem Nachfragen seinerseits etwas beleidigt und viel lauter werdend darauf bestehen
- Iggy Pop sagen, dass er nur David Bowies Spielball war bzw. dieser ihn schamlos beklaut hat
- Im Grosi-Rägemänteli, mit einer orangen Schlumpfmütze und Spülhandschuhen bei der Bloodhound Gang zum Interview erscheinen -> Resultat: Er wurde u.a. von Evil Jared angepisst. Literally.

IRON PLECIC did it all - und hat’s überlebt.

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