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You can’t put your arms around a memory

26.11. 2016 – Die Queen gibt ihren Segen. Ganz London feiert den vierzigsten Punk-Jahrestag. John Corre, Sohn Malcolm McLarens und Vivienne Westwoods verbrennt seine Punk-Memorabilia und ruft zum Kampf auf: „We need to explode all the shit once more.“

In der Zwischenzeit: Abwarten und Tee trinken! Während Corre vielleicht gerade abwägt, welche seiner Punk-Andenken er in Brand setzen soll, dürfen wir in einem Buch stöbern, das uns zeigen will, dass Punk mehr ist als eine Reliquie. Jonas Engelmann, dessen Ventil-Verlag sich auf Punk, Punk-Epigonen und -derivate spezialisiert hat, serviert uns zur Teatime einen Happen, der neben Viv Albertines Autobiographie wie Derrida neben der Lesefibel für Erstklässler wirkt.

Damaged Goods – 150 Einträge in die Punk-Geschichte

„Damaged Goods“ – 150 Einträge in die Punk-Geschichte „feiert Punk als ortlose Musik, als zeitlose Musik, als politische Musik, als Musik persönlicher Politik“ (S. 10) Ein fast vierhundert Seiten starkes Kompendium versorgt ausgeblutete Veteranen und punk-durstige Novizen mit Erinnerungsschnipseln und musiktheoretischen Betrachtungen. „Spurenelemente einer dekonstruktivistischen, destabilisierenden Ästhetik“ (S. 24) werden da entdeckt und „subversive und tiefe Kritik an den Mechanismen des Marktes, der kulturellen Ausbeutung und der Geschlechterpolizei“ bei Blondie vermutet. Diszipliniert und und streng chronologisch geordnet wird Punk bis zum letzten Gen entschlüsselt und in all seinen Verästelungen und Nebenlinien sondiert.

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Walking-Dead-Punk-Anthologie

Umfassender und gewissenhafter ist wohl nie über Punk geschrieben worden und doch wird man den Eindruck nicht los, dass hier Nekrologie und Musikgeschichte eine Walking Dead- Punk-Anthologie entgegengesetzt werden soll. Proto-Proto-Punk und Post-Post-Punk werden akribisch aufgespürt, verortet und vernetzt. Geographische Nester werden ausgehoben, Punk-Proselyten und -survivors bis in die Jetzt-Zeit gejagt. Bei spätestens Seite 150 tritt dann auch der Post-Punk seinen Siegeszug an, dem sich die Autoren besonders verbunden fühlen. Wenig verwunderlich, zumal der Großteil der Autoren (viele erst in den 80ern geboren) bis auf wenige Urgesteine wie Diedrich Diederichsen, Moses Arndt und Thomas Meinecke Punk nur als Nachwehen und Mutationen erlebte. Man fragt sich, ob es tatsächlich keine Überlebenden mehr gibt oder das ganze Projekt eine Verklärung und Legitimation politischer Haltungen der Nachgeborenen ist, was auch die Titelwahl andeutet: „Damaged Goods“ ist ein Song der dezidiert antikapitalistischen, linken Band „Gang of Four“ (Post-Punk natürlich) und suggeriert eine direkte Linie zu aktuellen linkspolitischen Bewegungen. Am Kern der Punk-Identität schlittert dieser Polit-Karren jedoch vorbei. Sid Vicious und Johnny Thunders drehten sich im Grabe um bei so viel intellektueller Gesellschaftsutopie. Denn eines waren die Jungs garantiert nicht: Visionäre mit der roten Bibel auf der Yoga-Matte.

Fuck you all und Pleasure! It’s my life!

Die zwei Dreh-und Angelpunkte des Punk waren schließlich Anarchie und Jouissance, Fuck you all und Pleasure, it’s my life! Man muss sich freilich darauf einigen können, dass Punk tatsächlich nur eine kurze Zeitspanne umfasste und wie alle Perioden von anderen abgelöst wurde. Born in 76/Dead 82. Das ist kein Dogma, viel weiter lässt sich jedoch die Lebensspanne des Punk nicht dehnen. Als die Undertones 1983 „The Sin of Pride“ produzierten, glaubte man eine andere Band zu hören, eine Band, die mit „Hypnotised“ absolut nichts mehr zu tun hatte. That’s the way it is! Musik, Kunst, wir selbst wandeln uns – trivial thing und das ist gut so.

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Herzblut-Dreiakkord für Bier und L.O.V.E

Die lebensverlängernden Maßnahmen, die „Damaged Goods“ Punk angedeihen lässt, tragen den Charakter einer Heimsuchung, einer Art “transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lucács) der durch Walking-Dead-Punks Infizierten. Sie können nicht anders, müssen immer weiterkriechen und viral Punk in die Welt schleudern. Jonas Engelmann und seine Verbündeten erlösen diese Punk-Zombies jedoch nicht durch einen verbalen Gehirnschuss, sondern spüren alles auf, was sie selbst an unserer kannibalischen Gesellschaft bemängeln: Ausbeutung, Demagogentum, das gnadenlose Recht des Stärkeren. But the truth is: Punk war einfach ein Paukenschlag in einer verrotteten Gesellschaft, ein Herzblut-Dreiakkord für Bier und L.O.V.E. Den ideologischen Überbau gab es schlicht nicht.

A typical girl – Shortcut!

Feminismus? Frauenbewegung? „Ja, aber schön rhythmisch muss sie sein.“ Punk war eine männerdominierte Bewegung, die der Bowie-Glam-Androgynität einen Kick in the Ass versetzte. The Slits? Mit Lendenschurz und Schlamm auf der ersten LP und Throw-that-typical-girl-in-the-garbage-can-Attitüde? Erst drei Jahre nach der Gründung ein Plattenvertrag. Wirkliche Durchschlagskraft entfalteten sie lediglich in der feministischen Szene. Viv Albertines Buch „A typical girl“ (Original viel trefflicher Clothes Clothes Clothes Music Music Music Boys Boys Boys) ist das intimere Punk-Doc. Es ist ein Death by Chocolate-Cake für gierige Papillen, während Damaged Goods das Rezeptbuch liefert. Mit einem Cookie muss ich mich über die Enttäuschung hinwegtrösten, dass Frauen kaum Beiträge zu der Sammlung liefern. Den progressiv-gesellschaftskritischen Anspruch, den die Macher des Buches erheben, lösen sie leider nicht ein.

Fäuste, Speed, Tequila, Tränen

Ganz selten offenbaren die Autoren ihre Gefühle, erzählen von den Regungen, die Punkrock ausgelöst hat. Kaum einer wagt es zuzugeben, dass man mit den Fäusten gegen die Wand getrommelt hat, mit Speed und Tequila die Synapsen durchbrennen ließ, wenn man die Buzzcocks hörte: Ever fallen in love with someone (you shouldn’t have)? Manchmal geht’s eben einfach nur um Verletzungen, darum, sich wie Dreck zu fühlen, weil der andere nicht so tickt wie man selbst. Man muss nicht gleich Heteronormativität und Gender-Fragen in Teenie-Songs hineininterpretieren und Missing links zu den Smiths (S.88-90) suchen. In Damaged Goods getraut sich kaum einer die romantisch-destruktiven, obsessiven, pissigen und We pay Fuck you all-Seiten des Punk anzureißen, geschweige denn die Politiklosigkeit, das radikal Anarchische und Hedonistische ins rechte Licht zu rücken.

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Holy Heidegger!

Ein Black Flag-Fan (Zeitzeuge der ersten Stunde zumindest) erhebt sich über die Six-Pack-Krakeeler: „Dass es um die ironische Auseinandersetzung mit abstumpfendem, prolligem Alkoholabusus ging, war den jungen Platzhirschen mit mangelndem Reflexionsvermögen offenbar entgangen.“ (S. 126) Das Simple am Punk, das Do-it-yourself, Musik als Aggressionsabbau und Selbstermächtigung werden abgewertet. Anstatt das Zertrümmern, den Kosmos mit eigenen Regeln, das Spiel mit Konventionen und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, das Jonglieren mit Symbolen (rechts und links) als solche gelten zu lassen und genau darin das Neue, Aufregende zu erkennen, versucht das Punk-Buch, den linken Herzschlag mit dem Stethoskop aufzuspüren. Im Eintrag zu Clash heißt es: „Der Mist (punk) muss sich weiter mystifizieren; (…) Wo Selbstdurchkreuzung war, muss Setzung werden, wie auch immer strittig; wo queer ist, muss links linken. Muss.“ (S. 117) Holy Heidegger! Hinter jeder Sicherheitsnadel wird das vergeblich zusammengeflickte Individuum in der entfremdeten Gesellschaft vermutet.

Pleasure first! Kiss Kiss Goodbye, Johnny!

Da sitz ich nun mit meinem Duchy-Original-Shortbread-Zitronenkeks im Mund, Lapsang Souchong-Tee in der Tasse und der unbändigen Lust, meine Schränke nach dem selbstbedruckten Totenkopf-Hemd zu durchwühlen, um es Corres Autodafé anzuvertrauen. Ich überleg’s mir noch mal! Pleasure first! Ich entscheide mich dagegen. Symbolische Akte brauch ich nicht. Eine Legitimation dafür, eine Kritik zu schreiben ohnehin nicht: Das ist es, was in mir ganz tief verankert ist: Working Class Kid, das sich von keinem und niemandem vereinnahmen lässt – weder von Kreuzkölln noch dem Art Lovers Club! Take it! Ah, ah, come over here! Kein nostalgisches Zurückblicken, keine verzweifelten Wiederbelebungsversuche! Johnny Thunders and the Heartbreakers haben sie dann doch vergessen. Dafür nahmen sich Guns N’ Roses ihrer an. Don’t be sad, Johnny! The scars aren’t so old/And when they go/They let you know.

Zur Teatime wärmstens empfohlen:

Jonas Engelmann (Hg.): Damaged Goods -150 Einträge in die Punk-Geschichte.

https://www.ventil-verlag.de/titel/1749/damaged-goods

Und

Viv Albertine: Clothes Clothes Clothes Music Music Music Boys Boys Boys

https://www.amazon.de/Clothes-Clothes-Music-Music-Boys/dp/0571328288/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1474390765&sr=8-3&keywords=Viv+Albertine

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Ute Cohen

Autor: Ute Cohen

„Langeweile ist eine Sünde, für die es keine Absolution gibt.“ (Oscar Wilde)

Aus gutem Grunde verlässt Ute Cohen nach dem Abitur das kleine fränkische Dorf, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Das Studium der Linguistik und Geschichte und eine Dissertation folgten. Schließlich
war es an der Zeit, den Elfenbeinturm zu verlassen. Amerikanische Unternehmensberatungen lockten. Business statt Beckett!
Dann von Düsseldorf nach Paris: Kinder, Küche und Arbeit für eine internationale Organisation. Zurück in die Welt der Wirtschaft mit Kommunikationsberatung und Ghostwriting in Paris, Frankfurt und Berlin. Im Februar wird ihr erster Roman im Septime-Verlag veröffentlicht.

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