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Essen ist besser als Sex

Ich weiss noch nicht, wieviele Gründe mir bis zum Ende dieses Artikels einfallen, weshalb Essen besser als Sex ist. Aber glauben Sie mir: Es werden einige sein.

Eines vorweg: Selbstverständlich mag ich Sex – Aber: Essen ist besser. Um ein Vielfaches. Schon alleine, weil man es mit mehreren Personen gleichzeitig tun kann, auch in der Öffentlichkeit, ohne jegliche Schamgefühle. Auch mit seinen Eltern, seinen Geschwistern – mit der ganzen Verwandtschaft, sollte dies denn erwünscht sein, also auch mit der Grossmutter. Beim Essen ists wie beim Liebesspiel: Man kanns mit sich alleine tun, aber am schönsten ists und bleibts, wenn man teilt. Leib oder Laib, aber auch Erfahrungen. Man KANN beim Sex reden, beim Essen MUSS man reden. Ausser, man hat den Mund voll.

Ich habe mir heute Morgen bei Hans Bäcker (Name von der Redaktion geändert) ein Schokoladebrötchen gekauft. Bei Hans Bäcker sind sie irgendwie anders als bei meiner Stamm-Bäckerei ums Eck. Ziemlich aufgedreht backen hier Tättowierte wie auf Speed live vor Publikum in zerrissener Trainerhose, dass man darunter die Boxershorts des Backgesellen sehen kann, laut, wild, hip wie in einem MTV-Musikvideo, als es auf MTV noch Musikvideos gab. Man wird zwangsläufig zum Mitakteur dieses Schauspiels und fühlt sich, anschliessend wieder an die Alltag-Asphalt-Oberfläche ausgespuckt, anders, als wenn man beim Dorfbäcker einen Halbpfünder gekauft hat. Nahrungsaustausch wird hier inszeniert, zelebriert und ins Zentrum des Tagesablaufes katapultiert. Ich fühlte mich gut mit meinem Schokoladebrötchen in Hans Bäckers Papiertüte. Ehrlich gesagt ein bisschen wie damals, als ich mir als Halbwüchsiger in der Videothek Pornos holte. Auch heute ertappte ich mich in erregter Vorfreude, als ich das Brötchen in der Brötchentüte bei mir trug und es nicht erwarten konnte, an mein Ziel zu gelangen. Ich habe den hippen Bäckersleuten dabei zugesehen, wie sie Bio-Zutaten zu einem geschmeidigen Teig kneteten und wusste: Auch mein Gebäck ist gut und verträglich und gesund – auch wenns Zucker und Schokolade drin hat, oder gerade deswegen. Und schliesslich stammt ja hier alles aus fairem Anbau und Handel.

Waren Sie schon einmal in einem Erotikmarkt? Und waren Sie schon einmal am Zürcher Gemüse, Früchte und Delikatessen-Wochenmarkt auf dem Bürkliplatz? Obwohl es sich bei beiden Lokalitäten um Märkte handelt, könnten die Unterschiede grösser nicht sein. Oder haben Sie etwa schon irgendwann einmal jemanden beobachtet, der beschähmt Karotten, Gurken und Auberginen durchsieht, immer mit verstohlenem Blick zurück, ob ihn jemand dabei ertappen könnte? Der Bürkliplatz-Markt ist das pure Leben, hier bekommt man die Zutaten, um glücklich zu sein – und die sind nunmal nicht aus Gummi oder Lack oder Leder.

Waren Sie damals einmal am Zürcher Strassenstrich am Sihlquai? Und waren Sie schon einmal an einem Street Food Market? An beiden Orten buhlt mehr oder weniger Leckeres im Strassenstaub um die Gunst der Kundschaft. Exotisches, Fremdes, Sündiges, das Stoff für kurzzeitige Verlustierung bietet. Auf dem Strich werden deren Anbieter aber ausgebeutet, und sie müssen mit Dumpingpreisen ihre Konkurrenz unterbieten. Auf dem Strassenessenmarkt hingegen übertrumpft man sich gegenseitig mit Qualität und Originalität. Zugegeben: Auch hier kann man sich was holen, wenn man unvorsichtig ist. Allerdings maximal Überfressens-Bauchschmerzen, und die sind spätestens am nächsten Morgen wieder weg.

Waren Sie schon einmal in einem Bordell? In einem Restaurant? In beiden Häusern drückt man Ihnen ein Angebots-Menu in die Hand und Sie suchen sich daraus aus, wonach Ihnen gelüstet. Ob die Tagesqualität stimmt, hängt in erster Linie vom Personal ab. Und von der Fleischqualität. In den Puff können Sie aber nicht mit der eigenen Mutter, ausser Sie sind pervers. Zwar ist man im Speiselokal ebenso versucht, Ihnen einen teuren Traubenmost anzudrehen – dieser harmoniert aber in der Regel bestens mit dem Menu, und es herrscht kein Zeitdruck. Es sei denn, man befindet sich in einem Schnellesslokal, dann ist man aber selber schuld. An beiden Orten verkauft man Ihnen Liebe – diejenige, die durch den Magen geht, ist aber nachhaltiger. Wirklich.

Natürlich gibt es nicht nur käuflichen Sex, das bemerken Sie ganz richtig. Und natürlich können Sie mit einem lieben Menschen wundervolle Momente im Bett (oder auf dem Küchentisch) verbringen. Natürlich können Sie ein zärtliches Mise-en-Place vorbereiten, genüsslich ins Vorspiel gleiten, anschliessend in den Hauptgang und zum Dessert nochmals etwas naschen. Aber irgendwann werden Sie beide erschöpft in die Kissen sinken… und dann wird Sie der Hunger packen. Gehen Sie in diesem Zustand Lebensmittel einkaufen, und sie werden spätestens dann merken, wovon ich rede. Oder wenn Sie in der Buchhandlung zwischen den Kochbuch regalen stehen. Allerspätestens dann.

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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R.I.P. Schiaparelli. (Der Wochenrückblick 42/2016)

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