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War Pigs

Die Unterhose hatte etwas mehr Widerstand geleistet, als es ihm lieb gewesen wäre, jetzt war sie weg und endlich waren seine Lippen am Ziel.

Er neckte ihre Scham, küsste sie und dachte, es wäre gut, noch etwas zu warten. Ihr Geruch umfing ihn, sie hatte einen hektischen Tag gehabt und die Mischung aus Baumwolle und Kunstfasern hatte nicht geschafft allen Schweiss aufzufangen. Aber er mochte ihre Essenz. Die Sonne schien durchs Fenster noch schwach auf ihr Gesicht und sein Rücken wurde ein bisschen gewärmt. Wie immer war da ein bisschen Spannung zwischen ihnen. Ihre Oberschenkel waren noch unentschlossen, was ihn umso entschlossener machte, dies zu ändern. Er wusste, sie würde sich entspannen, sich ergeben und er wusste, es war einfach toll ihre Scham zu küssen.

Dann ging die Bombe hoch.

Wie nur sollte sie den beiden erklären, warum die Giraffen lange Hälse hatten. Sie murmelte, während sie in der Suppe rührte: «Es hat wohl etwas damit zu tun, dass sie ihr Futter irgendwo auf den Bäumen finden.» Die Kinder lachten sie aus. «Affen finden ihr Essen auf Bäumen, aber Giraffen können nicht einmal klettern.» Sie musste noch schauen, ob das Brot was taugte oder es besser wäre, etwas aufzubacken. Eigentlich fand sie es kein Problem, dass Nathan zum Bowling ging und sie und die Zwillinge einen Abend für sich hatten. Seit sie wieder arbeitete, seit sie es für eine gute Idee gehalten hatte, sich befördern zu lassen, fand sie es schwieriger. Sie dachte, sie hätte eine Pizza bestellen sollen. In der Küche hatte sie es noch nie gemocht. «Vielleicht sind die Giraffen, wie Affen, Mama», lachte Silvia. Dann lachte auch Nicole neben ihr und schliesslich musste sie auch lachen.

Dann ging die Bombe hoch.

Am Fenster im Rollstuhl ging es ihm gut. Es war die beste Zeit des Tages. Er sah auf den künstlichen Fluss neben dem Altersheim, aber es war Wasser, es floss und er vermochte es noch immer, diese Momente zu geniessen. Für Simone war er deshalb ihr Lieblingspatient. Irgendwie schien sie zu denken, er habe alles verloren. Und egal, wie lange er ihr zu erklären versuchte, dass er getan hatte, was er je hatte tun können, und es keinen Sinn machte lange darüber nachzudenken, was man nicht geschafft hatte, so sehr schien sie mit ihm zu leiden. Aber er hatte sich etwas überlegt. Er wollte Simone eine Geschichte erzählen, sein Geschenk an seine treue Pflegerin. Eine Geschichte, die es ihr leichter machen sollte. Sie lächelte, als sie ihn sah…

Dann ging die Bombe hoch.

Der Papierkram nahm kein Ende. Ihre Schicht nahm kein Ende. Vom schnuckeligen Oberarzt war auch noch nichts zu sehen. Aber immerhin. Immerhin. Sie hatten drei Geburten gehabt. Heute. Alles war gut gegangen. Sie machte den Job schon lange, aber sie wusste, als sie die Formulare im Schwesternzimmer ausfüllte, dass sie ein bisschen weinte. Drei Geburten. Natürlich hatte es auch Notoperationen gegeben. Aber sie hatten es versucht. Sie musste eine rauchen. Sie hatten es versucht. Aber drei Kinder waren geboren. Drei Frauen waren Mütter geworden, freute sie sich, wischte sich die Tränen ab und entschloss sich, nach draussen rauchen zu gehen und den Papierkram später zu erledigen. Drei Kinder. Drei Mütter. Und vielleicht rauchte der Oberarzt draussen ja auch eine. Sie lächelte ein bisschen, weinte ein bisschen, kramte nach ihren Zigaretten.

Dann ging die Bombe hoch.

«Das geht sicher gut», sagte er. Er war noch nicht lange Priester. «Es wird nichts vergeblich gewesen sein». Er wusste, er musste es versuchen. Dafür war er da. Die alten gothischen Bögen thronten über ihm, eigentlich stand er für eine andere Kirche, eine fröhliche, eine lebensbejahende. Mit Einsamkeit hatte er keine Erfahrung. Aber würde es jetzt halt versuchen. «Ich bin sicher», sagte er. «Ich bin sicher, es ist nicht vergeblich gewesen». Vor ihm kauerte der Mann in der langen Kirchenbank, das Haar wirr, wenig lebensbejahend, das Gesicht zerfurcht, so dass auch ein paar Gospelsongs nicht wirklich helfen würden. Offenbar war die Schwester gestorben und die Kirche, die er hatte abschliessen wollen, erschien ihm so kalt, wie die Erinnerungen seines Gegenübers. Aber: «Ich muss es versuchen, ich muss!», sagte er sich.

Dann ging die Bombe hoch.

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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