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Ohne Moral, ohne Sinn und Zweck

Draussen, in der Zone der verlorenen Seelen, herrscht ewiges Zwielicht. Hier gibt es keine Tage, keine Nächte, die vergehen könnten. Deshalb blüht hier auch keine Hoffnung. Es ist die endlose Abrechnung mit der Vergangenheit, die in der Zone die Atmosphäre vergiftet. Hätte ich doch nur… Wäre ich doch nur nicht… Wenn ich doch nur… Zudem ist es kalt.

Auf harten Stühlen, an unangenehm wackelnden Holztischchen sitzen verlorene, namenlose Seelen. Ihre grauen, unbequemen, fadenscheinigen Kleider sind bloss noch Kostüme der Müdigkeit. Sie trinken einen hochprozentigen Schnaps, der wie Asche schmeckt, rauchen Zigaretten, die einen stechenden Geruch nach verbrannten Haaren verbreiten, und erzählen einander Klagegeschichten, die im Zeichen unendlicher Resignation stehen.

Erzählungen ohne Moral, ohne Sinn und Zweck, durchzogen von bitteren Erinnerungen, an Lebenszeiten, die von enttäuschten Erwartungen, verpassten Gelegenheiten und mutlosen Entscheidungen geprägt waren.

«Grundsätzlich habe ich ja nichts gegen Rollenspiele», hebt eine von ihnen an, mit heiserer Stimme. «Doch wir haben es zu weit getrieben…»

Ihre grauen Augen fokussieren nicht mehr.

Vor sich hin dämmern

Sie sind wie trübe Fenster eines verwunschenen Hauses, in dem melancholische Gespenster vor sich hin dämmern.

Eine Wolke beissenden Rauchs entweicht dem tiefen Abgrund, der zwischen ihren schwarzen Lippen klafft, dann sagt sie: «Am Anfang war alles so aufregend. Ja, damals gab es noch Emotionen, scharfe Gewürze für die Libido. Er spielte den Feuerwehrmann, ich die dankbare Gerettete, die für ihren Helden alles machen will. A-L-L-E-S! Er spielte den lüsternen Hypnotiseur, ich die abergläubische Unschuld vom Lande. Er spielte den Oberpriester des heiligen Stiers, ich die Tempeltänzerin. Wir spielten Tausende von Geschichten, die uns aufluden – mit elektrischer, knisternder erotischer Energie. Geendet haben diese Geschichten immer gleich. Mit der Aufführung jenes handfesten sexuellen Repertoires, das sich zwischen uns eingespielt hatte, nämlich. Ob es sich um ein beschränktes oder um ein ausgedehntes Repertoire gehandelt hat, vermag ich heute nicht mehr zu beurteilen. Jedenfalls haben damals – am Ende des Akts – jeweils noch heftige, orgiastische Wellen das Rollentechtelmechtel, das Theaterspiel der ersten Akte überspült. Eine wahre Explosion der Lust bildete das Finale. Wir waren wieder zu normalen Leuten geworden, die Atmosphäre schien jedoch irgendwie gereinigt, wie nach einem Gewitter».

«Ein Element der Befreiung lag in der Luft, unsere Welt war, nach einem Trip in die erotische Anderswelt, wieder frisch und hell».

2

…gibt es keinen Schlaf

Sie stockt. Nicht etwa aus Verlegenheit, sondern weil das Erzählen so anstrengend ist, wenn man gegen eine tonnenschwere Müdigkeit ankämpfen muss, die durch keinen Schlaf mehr geheilt werden kann.

Denn in der Zone gibt es keinen Schlaf.

Die drei anderen verlorenen Szenen am Tisch nicken stumm. Eine lange, zähe Pause unterbricht die Erzählung. Kein Wort fällt. Nur die rasselnden Atemzüge der Tischgenossen sind zu hören. Die Plastikbecher werden nun wieder mit jenem trüben Schnaps gefüllt, der aus fauligem Leichenfett gebrannt wird. Die Schnapsbrenner sind gefallene Engel. Sie wirken an einem unsäglichen Ort, der noch die dunkelsten Ängste und Fieberfantasien eines ganzen Siechenhauses an schierer Unerträglichkeit weit überbietet.

Stille. Niemand wartet darauf, dass die Erzählung weitergeht.

Vor dem alle Buben Angst hatten

Doch der brüchige Faden wird wieder aufgenommen. Sie hustet zunächst und sagt dann krächzend: «Alles war so weit, so gut, so prickelnd, so bereichend, das erotische Feuer knisterte fröhlich. Sie müssen jetzt nur nicht glauben, dass ich eine unterwürfige Frau bin. Ganz im Gegenteil. Schon in der Schule war ich ein wildes Mädchen, ein aggressives Ding, vor dem alle Buben Angst hatten. Ich habe nie ein Blatt vor den Mund genommen. Und fest zuschlagen konnte ich auch. Ich hatte Erfolg im Geschäftsleben. Wurde bewundert, war gefürchtet. Eine Powerfrau, wie man damals zu sagen pflegte. Doch dieser erfolglose Miniaturenmaler – er hat zum Beispiel eine komplette Jagdszene auf eine Kirsche gemalt, komplett mit röhrenden Hirschen, rennenden Hunden, rot gewandeten Jägern und einem feinen Schlösschen im Hintergrund –, dieses verkannte Genie, mit seiner ausufernden dunklen Phantasie, hat jene Sehnsucht nach spielerischer Unterwerfung in mir geweckt, deren Komplexität stetig zunahm, bis sie sich in einen bodenlosen Abgrund verwandelte. Zu Anfang bestanden die lustvollen Inszenierungen unserer Rollenspiele ja bloss aus Worten, aus Schilderungen, Situierungen».

3

Weltmeisterschaft der Stripperinnen

«Ich spielte die Naive, die sich für Bikinifotos zur Verfügung stellt. Er den versauten Fotografen mit der goldenen Überredungszunge, der mich davon überzeugte, mich noch der letzten Textilien zu entledigen. Und der Kamera – so herrlich schamlos-verschämt – meine intimsten Geheimnisse zum Frass vorzuwerfen. Stundenlang, in ausgetüftelten, unangenehmen Positionen. Ich spielte eine Teilnehmerin der Weltmeisterschaft der Stripperinnen und er meinen unerbittlichen Trainer, der mich auf immer differenzierte Darbietungen im Genre Arsch-und-Tittenwackeln trimmte. Und sie glauben nicht, wie viele Schattierungen des Arschwackelns es geben kann, wenn man einen fordernden Fanatiker als Rollenspiel-Partner hat. Ich spielte die fromme Bauernschönheit und er den verdorbenen Fürsten, einen Libertin, der das Recht der ersten Nacht ausführlich in Anspruch nimmt…»

Schleimklumpen

Die Erzählerin hustet, röchelt, spuckt dann einen ansehnlichen Schleimklumpen auf die Tischplatte, der von ihrem Tischnachbarn sogleich gierig aufgesogen wird, mit bebenden, schmatzenden Lippen, nun fährt sie weiter. Ihre Stimme klingt wie altes Zeitungspapier, das in jenem Wind raschelt, der den ewigen Winter in eine sterbende Stadt trägt, deren Lichter einst den Neid der ganzen Welt auf sich gezogen haben: «Ja. Geile Worte und Bewegungen standen am Anfang. Dann kamen die Kostüme. Immer komplexere Kostüme. Keines von ihnen durfte zweimal verwendet werden. Tagelang haben wir die Kleidungsstücke zusammengekauft. Weltweit. In erwartungsfroher Aufregung. Alles musste perfekt sein.»

6

Die Münze ihres bebenden Fleisches

«Die französische Nonne aus dem 18. Jahrhundert und der verruchte Mönch, der grosse König Nebukadnezar und die Hohepriesterin der Ištar, babylonische Göttin des Krieges und der Wollust, Abraham Lincoln und die exotische Sklavin, die von einer sonnendurchfluteten Südsee-Trauminsel stammt, die Tänzerin aus dem Paris der 1920er Jahre und der russische Grossfürst, der ihr Angebote unterbreitet, denen sie nicht widerstehen kann, und dafür demütigende Gefälligkeiten verlangt, die in der Münze ihres bebenden Fleisches entrichtet werden müssen…»

«Auf die Kostüme folgten Requisiten, Kulissen, Drehbücher – und am Ende die Einbeziehung von Originalschauplätzen».

«Er als Pharao, ich als Leibsklavin, die eine unerbittliche mystische Prüfung in Sachen Liebeskünste bestehen muss, wobei der Tod als Antwort auf das kleinste Versagen droht. Diese Phantasie haben wir in einer heissen ägyptischen Nacht umgesetzt. In der echten Grabkammer der Cheopspyramide. Die Wächter hatten wir mit einem kleinen Vermögen bestechen müssen, einen von ihnen habe ich darüber hinaus noch mit dem Mund beglückt. Das ganze Spiel fand in massgeschneiderten historischen Kostümen statt, deren Anfertigung ein beachtliches Vermögen gekostet hatte. Lebende Tiere, eine Kobra, ein Falke und ein Krokodil, waren auch noch mit von der Partie. Wochenlange Vorbereitungen also. Und dies alles nur, um eine Nummer zu schieben.»

«Die Inszenierungen wurden immer komplizierter, der eigentliche Sex, der darauf folgte, wurde immer kürzer und unwesentlicher. Manchmal spielten wir bloss, vergassen darüber den Sex… Mit der Zeit war da nur noch eine gähnende Leere, ein zielloses, reizloses Spiel. Trotzdem verspürten wir unerklärlicherweise den Drang, weiterzumachen. Aus meiner heutigen Sicht war das alles ein Versuch, die Realität aufzulösen – und in ein Paradies ewiger Lust einzutauchen. Es hat leider nicht geklappt.»

«Denn am Ende schluckten die Rollenspiele den Sex».

7

Hellfire Club

«Eines Nachts spielten wir in den Kavernen der Medmenham Abbey an der Themse, wo der berüchtigte Hellfire Club des Sir Francis Dashwood – in den 1750er Jahren – seine ausufernden Orgien abzuhalten pflegte. Wir hatten das Anwesen für zwei Tage gemietet. Der Mietprozess war alles andere als einfach oder billig gewesen. Die Dialoge für das Rollenspiel hatten wir vorher tagelang eingeübt. Er spielte den verruchten Adligen, ich die entführte jungfräuliche Adelstochter, Empfängerin einer Flut von dekadenten Erniedrigungen, unsere geschichtsträchtigen Klamotten waren perfekter als jemals zuvor: Alles Originalstücke. Doch nach zwei, drei Stunden des Spielens, überkam uns plötzlich eine bleierne Müdigkeit, wir waren noch nicht einmal beim aufregenden Teil unserer Inszenierung angekommen. – Und so schliefen wir beide in der finsteren Höhle ein…»

Mitten in der Nacht sei sie aufgewacht. Ihr verkannter Miniaturenmaler habe laut geschnarcht. Das penetrante Sägen habe im ganzen Kavernensystem fiese Echos ausgelöst. So sei sie die Treppe hinangestiegen, ins bleiche Mondlicht einer englischen Nacht hinaus. Still habe der Fluss dagelegen. Unter einer Nebeldecke.

«Nicht mehr an der Themse»

«Ich wollte nur noch weg. Ich riss mir das Kostüm vom Leib und bin in meiner Unterwäsche zum Wasser herunter gelaufen. Boote waren am Ufer vertäut. Da ich eine gut trainierte Rudererin bin, habe ich eines davon losgebunden und bin den Fluss hinunter gefahren. Stundenlang. Mit langsamem, stetigem Ruderschlag. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr auf der Themse sein konnte, sondern auf einem unbekannten trüben, breiten Gewässer, an dessen Ufer sich beidseitig das Nichts erstreckt. Gelandet bin ich dann hier. Bei Euch. An diesem Tisch. Wohl für immer…»

Ende der Geschichte. Und sie schweigen. Die verlorenen Seelen. In der Zone des ewigen Zwielichts. Zweifellos wird sich früher oder später wieder eine von ihnen dazu aufraffen, ihre Geschichte preiszugeben. In Form eines röchelnden Monologs. Auf den keine Fragen, keine Bemerkungen, keine Kritik, keine tröstenden Worte folgen.

Niemand wartet auf die nächste Erzählung, niemand sehnt sie herbei.

Das Erzählen und das Zuhören sind hier reine Reflexhandlungen, denen sich die verlorenen Seelen nicht entziehen können. Und über allem schwebt – unüberhörbar – das Rauschen – einer grauen Unendlichkeit…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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