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Was ich da mache? Voodoo! Schon mal davon gehört?

Schwarze Krähenfedern, Pfefferkörner, in Rum eingelegt, und Staub von einem Grab, den habe ich vorgestern auf dem grossen Friedhof vor der Stadt zusammengewischt, verrührt mit frischem Ziegenblut – und zwei Eiswürfel bitte – füge ich meinem mächtigen Altar hinzu, in meinem kleinen Zimmer, in einer kleinen Stadt, im meinem kleinen Heimatland: Der Schweiz.

In meinem kleinen Leben

Pfeffer, Blut und Rum riechen streng, so früh am morgen. Aber es muss sein. Das Büro wartet. Vor der Arbeit muss ich noch diese kleine religiöse Übung vollbringen. Ich habe ein gar garstiges Problemchen, mit dem ich Sie an dieser Stelle keineswegs langweilen will, in meinem kleinen Leben.

Jetzt brauche ich eine Idee, Anregung, eine Lösung: Aus dem Jenseits. Die Natur des Problemchens verlangt es, dass ich mich an Papa Gede wende, die Loa des Todes und der Sexualität: Er wohnt auf Friedhöfen. Meistens unter dem höchsten Kreuz.

Pou Gede

Auf meinem Altar ist er natürlich vertreten, eine hübsche schwarze Statue von Saint Gerard, die ich einst auf einem Markt in Manila erstanden habe. Ich streue also grosszügig Grabstaub über den Altar und leere gepfefferten Rum in ein extra dafür bestimmtes Gefäss aus Speckstein, das ich mir einst in Togo besorgt habe.

Dazu singe ich vor mich hin. In diesem Fall auf Kreolenfranzösisch.

Ich beherrsche auch deutsche, englische, spanische, hebräische, lateinische und henochische Zauberformeln. Sowie noch einige ganz gemeine in Sanskrit und Schweizerdeutsch; doch hier kommt die gehaltvolle kreolenfranzösische Bohnensuppe zum Einsatz:

«Pou Gede, Lwa seks, Lwa fè bagay, Lwa lan mô. Papa tou Mo ki abité nan simitiè.Gede kap maché an ba kafou. Manjé, ma swè-a, ou minm ki gran gou. Aksepté ofran`nou. Antré nan kè nou, nan bra nou, nan jam`m nou. Antré vin`n danse avek nou.»

Zigarre

Fröhlich hallt meine Stimme durch den kleinen, aber hohen Raum, der unter der Wucht dieser Silben in eine wohlig-düstere, eine andersweltliche Stimmung getaucht wird. Für einen kleinen Moment sehe ich Gede – leicht unscharf – vor mir: Ein Skelettmännchen – schwarzer Zylinderhut auf dem Kopf, grünlich-schwarzer, halb verwester Frack am Leib, maliziöses Grinsen sowie eine gigantische Zigarre zwischen den gelblichen Zähnen, weisse Handschuhe und mit einem reich verzierten hölzernen Gehstock in der linken Hand – winkt mir freundlich zu.

Und, schwupps, bin ich wieder zurück, im grauen Eidgenossenalltag gelandet. Aber mit einem guten Gefühl im Bauch (sowie anderswo), das mir sagt, dass Gede sich meinem Problemlein gerne annehmen wird.

Was ich da mache? Voodoo. Schon mal davon gehört?

Zombies

«Ja, eben», werden Sie antworten, und etwas von Puppen und Nadeln faseln und von lebenden Toten, Zombies, die Menschenfleisch fressen. Kurz, Sie werden Klischees aneinander reihen, welche die kolonialistischen Besetzer und Unterdrücker des afrokaribischen Raumes, unsere Vorfahren also, diese alten Sklavenschieber, einst nach Europa zurückgebracht haben.

Selbst gemachte Puppen mit Nadeln durchstechen, nachdem man Haar oder sonstiges Material vom Körper eines Feindes in den Ton eingeknetet, in den Stoff eingenäht hat: Das gibt’s. Es handelt ich dabei jedoch eher um primitive internationale Hexerei, wie sie etwa im europäischen Mittelalter von der Inquisition blutig bekämpft – aber zum Glück nie ganz ausgerottet – wurde; mit Voodoo hat so etwas nur ganz am Rande zu tun.

Zombies, die Menschenfleisch fressen….? Yes, die Houngans, die schwarzen Voodoo-Hohepriester der dunklen Seite der Bizango-Welt, senden so genannte lebende Tote durch die Nacht, um allerlei fröhliche Aufgaben und Aufträge zu erfüllen.

Da kann durchaus mal ein Mördlein dabei sein – liebe Gemeinde –, aber manchmal gehts auch nur ums Blumen ausliefern… Diese Zombies essen jedoch kein Menschen-Tartar, sie ernähren sich vielmehr genügsam von Beschwörungsformeln, starkem Rum und Zigarrenrauch, der ihnen vom zuständigen Houngan regelmässig ins fahle Antlitz geblasen wird.

In der wunderbaren Welt des Voodoo teilt sich die Menschenseele nämlich in zwei Einheiten auf: Den Ti Bon Ange – und den Gros Bon Ante (wörtlich: «kleiner guter Engel» und «dicker guter Engel»). Der erstere ist für die Angelegenheiten des Geistes zuständig, der andere für das allseits beliebte grobmotorische Wirken.

Einen Zombie erschaffst du, indem du den Gros Bon Ange eines Menschen einfängst, nach all jenen alten Regeln der magischen Kunst – in just jenem denkwürdigen Moment, in dem die Person das Zeitliche segnet – und sodann in ein Tongefäss einsperrst (der Ti Bon Ange wird sich vom Acker machen, aber das kann dir schnuppe sein), dieses Gefäss sodann in Dein Bücherregal stellst.

Und das Ding hervorholst, wenn Du einen diskreten Diener benötigst.

Klingt ganz einfach; oder? So a bisserl nach Aladins’ Wunderlampe. Nur halt ein klein wenig nekrophiler… Es handelt sich jedoch um eine recht komplexe ritualtechnische Angelegenheit, vergleichbar – wenn wir jetzt mal Genre-übergreifend an die Säcke wollen – mit den Sachen, die sie im Cern so machen, wenn der Tag lang ist.

Und wenn ich diese Vorgänge hier genau beschreiben täte, wäre dieser verfluchte Text am Ende noch sieben mal länger als er es jetzt schon ist. Zudem will ich es nicht unbedingt schon wieder mit Interpol zu tun bekommen.

Spirituelles Nitro-Glyzerin

Menschenfressende Zombies stammen übrigens aus dem italienischen und italo-amerikanischen Kino, von verdienten Regisseuren wie Lucio Fulci, Umbi Lenzi oder George A. Romero erdacht und inszeniert, nicht aus Voodooland.

Voodoo, Bizango, Santeria, Macumba, GrisGris, Palo Majombe und Palo Monte sind Religionstypen, die in der Karibik, Mittel- und Südamerika sowie in den bösen, alten US of A (vor allem in New Orleans) Millionen von lebenslustigen Anhängerinnen und Anhängern haben. Man nennt sie synkretistische Religionen, das heisst Misch-Religionen. Und diese Mischungen aus der Karibik sind besonders explosiv: Spirituelles Nitro-Glyzerin. Afrikanische Stammesreligionen von der Elfenbeinküste und aus dem Kongo haben sich in der Karibik vermischt, so liest man meistens, mit dem Katholizismus, der Religion brutaler Menschenhändler aus Europa.

In Wirklichkeit ist es etwas anders: Das katholische Element dieser synkretistischen Religionen ist nämlich reines Tarnwerk. Spirituelle Camouflage! Darunter kochen Dämoninnen und Dämonen aus Afrika ihre scharfe Suppe, die offizielle katholische Obrigkeit hat damit nichts am Hut.

Folgende Situation

Stellen sie sich mal folgende Situation vor: Sie werden aus ihrer Heimat verschleppt, müssen auf einer – Ihnen gänzlich unbekannten – Insel auf einer Plantage schuften, bekommen fast nix zu essen und werden auch noch regelmässig verprügelt, ausgepeitscht und auf sonst alle Weisen misshandelt, die dem menschlichen Geist in seinen dunkelsten kreativen Momenten einfallen.

Wenn Sie sich dann am Feierarbend ein bisschen mit Ihrer Kultur, Ihrer Religion, Ihren Traditionen aus der schmerzlich vermissten Heimat trösten wollen, schreien die Sklavenhalter «Heide, Sünder, Gotteslästerer».

Lebendig häuten

Und häuten Sie sodann zur Strafe lebendig (so machten es die Franzosen in Haiti) oder garrotieren sie (diese langsame Würgtechnik war bei den gottesfürchtigen Spaniern in ihren Kolonien beliebt). Was tun?

Die findigen Sklaven haben Folgendes getan. Sie haben ihren Pantheon der Götter und Genien aus Afrika, Loas (Vodoo, Bizango) oder Orishas (Santeria, Macumba, Palo) genannt, unter den Häuten von katholischen Heiligen versteckt.

St. Antonius wird da etwa zu Elegguà (auch Eshu oder Exu), dem Götterboten, Herrscher über alle Strassen-Kreuzungen und Schutzpatron des Blues, der dem grossen Bluesheiligen Robert Johnson einst, in jener heiligen Nacht, an der Stelle, wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen, in Clarksdale, Mississippi,  das Gitarrenspiel veredelt hat. Elegguà wird – von weissen Leuten – gerne mit dem Teufel verwechselt.

Dumpfbackendualismus

Im Voodoo-, Santaria, Macumba-, Palo-Universum gibt es und braucht es jedoch keinen Teufel. Das sind nämlich Religionen, die ein realistisches, differenziertes Konzept vom Sein, von Welt, von Kosmos haben, ähnlich den antiken Religionen der Griechen, Römer, Ägypter – oder in Entenhausen: Anstelle eines fanatischen Dumpbackendualismus, wie er die monotheistische Welt beherrscht.

Metallurgico

Oggun, die Orisha/Loa der Chirurgen, Polizisten und Soldaten, ein furchterregender dämonischer Metallurge, der uns vor Verbrechen schützen, aber auch schreckliche Unfälle verursachen kann, verbirgt sich hinter dem heiligen Petrus.

Chango, der James Brown unter den Voodoo-Genien, stolzer Donnergott, Arsch tretend, Titten knetend, sein Symbol ist die Doppelaxt, wird mit der zarten Santa Barbara synkretisiert.

Oshun, die wunderbare Herrscherin über Flüsse, und Schutzpatronin von Cuba, schaut uns vom Santeria-Altar als unsere liebe, wohltätige Jungfrau Maria entgegen. Sie ist allerdings nicht so keusch wie ihr katholisches Kostüm, denn sie ist auch Göttin der Erotik, afrokaribische Venus.

Denn Erotik, liebe Leute, ist in der Voodoo-Macumba-Santeria-Welt kein Pfad in die Hölle, sondern eine ganz schön heilige Angelegenheit (kein Wunder, dass strenge Katholiken und evangelikale Christen Voodoo und Verwandtes besonders schlimm finden).

Kontakt

Hunderte von Loas/Orishas gibt es im afrokaribischen Götterhaus. Keine davon ist, im christlich-abendländischen Sinne, einfach gut oder bös. Sie sind widersprüchlich, komplex – wie die Menschen, wie die Natur.

Und das Schönste daran ist, dass diese Wesen, die alle vom Obergott Oloddumare (auch Olofi oder Olofin) erschaffen wurden, jederzeit von ihren Anhängerinnen und Anhängern kontaktiert werden können. Auf mehrere Arten.

Drei Trommeln

Einerseits werden sie mittels einem Orakel befragt, das aus einem Set von Muscheln oder Steinen besteht.

Dann gibt es da eben verschiedene Rituale, mit denen man sich der Gunst dieser herrlichen Entitäten versichern kann. Die kosmische Energie, die du von den Loas/Orishas erhalten kannst, heisst Ashé.

Doch das gibt’s nicht etwa gratis – wer Ashé will, muss dafür Ebbo, Opfer, geben. Genau das haben wir am Anfang dieses Artikels am Altar gemacht. Diese Götter sind nämlich scharf auf Dinge aus der materiellen Welt: Zigarren, Pornos, Rum oder Florida Water, Spielsachen, Speis, Trank sowie ab und zu auf ein schwarzes oder weisses Hünchen – und andere schöne Sachen.

Die dritte Art, mit diesen funky Kräften aus der Anderswelt in Kontakt zu kommen, ist künstlerisch-musikalisch. Drei Trommeln, eine kleine, eine mittlere und eine grosse, werden geschlagen. In überlieferten archaischen Rhythmen, die durchaus die älteste Grundlage von Rhythm&Blues, Soul, Funk, Rock, Jazz darstellen.

Dazu tanzt die aufgestellte Gemeinde wie verrückt. Plötzlich wird eine Tänzerin, ein Tänzer von einer Loa geritten, verwandelt sich gleichsam in die Gottheit: Da heben kleine Frauen plötzlich Zentnergewichte hoch, eine Oma kaut Glasscherben, ohne sich zu verletzen, der achtzigjährige Onkel macht Luftsprünge, die er nicht einmal mit 18 beherrscht hätte. Eine übermütige Welt.

Carnival

Wie kommt man nun als falscher Doktor (und falscher katholischer Geistlicher, wie ich an dieser Stelle betont haben möchte) dazu, in einem kleinen Zimmer, in einer kleinen Stadt, im kleinen Ländlein Schweiz einen Voodoo Altar zu betreiben? Ganz einfach. Der Blues hat ihn ins Haus gebracht.

Die Sounds von Dr. John Mac Rebennack, The Meters, Robert Johnson und anderen heiligen Performern der ewigen Musik, haben Fragen aufgeworfen, die schliesslich durch afro-karibische Religionen beantwortet wurden. Nach 25-jährigem Studium der Materie muss ich konstatieren: Voodoo tut gut. Besser als ehrfürchtiges Knien vor schweigenden Göttern.

Lasst uns also – zum Abschied – die übermütigen Kräfte des Carnival beschwören, mit bunten Bändern, Konfetti, Rum, süssem Kuchen und einer goldenen Kokosnuss als Opfergaben: «Pou Kanaval: Mistè lespri-incané, lè Lwa-yo ap maché nan la ri. Aksepté ofran`nou. Antré nan kè nou, nan bra nou, nan jam`m nou. Antré vin`n dansé avek nou.»

«Und das Ritual vom Anfang dieses Exkurses?» Werden Sie jetzt fragen. «Hat’s geklappt?»

Jawohl, darf ich sagen, hundertprozentig, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie sauer meine Ole Lady deswegen jetzt auf mich ist…

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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