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Ich habe eine Zeitkapsel geöffnet

Gestern habe ich eine Zeitkapsel geöffnet, das war ein ganz besonderer Moment. Ein besonderer Moment deshalb, weil man schliesslich nicht jeden Tag die Gelegenheit hat, eine Zeitkapsel zu öffnen – aber auch deshalb, weil diese hier eigentlich vor sechs Jahren hätte geöffnet werden sollen.

Gut, man könnte jetzt sagen: «Zeitkapsel? Das ist doch einfach eine Dose mit Erbsen und Karotten!» Könnte man. Stimmt im Grunde genommen auch. Man sollte aber eines anerkennen: Diese profanen Erbsli und Rüebli, so klein und unscheinbar sie scheinen, sind veritable Zeitzeugen. Dass sie zum Verzehr vor nunmehr sechs Jahren bestimmt gewesen wären, heisst, dass sie wohl vor zirka zehn Jahren noch lebendig am Strauch gehangen, rsp. in der Erde gesteckt haben. Für die Rüebli bedeutet das, dass man sie nun nicht direkt als Zeitzeugen bezeichnen kann, denn: Wer mit dem Kopf in der Erde steckt, eignet sich nur sehr beschränkt als Zeuge. Es sei den, es handle sich um Ereignisse, die sich unter der Erde abspielen. Dass Erbsli in Hülsen wachsen und damit auch ein ziemlich eingeschränktes Blickfeld haben, bleibe nun mal dahingestellt. Denn darum gehts gar nicht.

Sondern darum: Der Inhalt dieser Dose war noch an der freien Luft, als

  • George W. Bush Präsident der USA war und
  • Sepp Blatter der FIFA
  • der erste möglicherweise bewohnbare Exoplanet entdeckt wurde
  • sich die No Angels offiziell wiedervereinigt haben
  • Michael Schuhmacher einen neuen Job bei Ferrari erhielt, nachdem er ein Jahr zuvor seine Karriere als Rennfahrer offiziell beendet hatte
  • Henry Maske nach zehn Jahren Pause nochmals einen Boxkampf gewann und danach endgültig zurücktrat
  • der Bischof von Chur ebenfalls zurücktrat
  • Boris Jelzin starb
  • der Lötschberg-Basistunnel in Betrieb genommen wurde
  • Christoph Blocher aus dem und Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat gewählt wurde
  • Microsoft das Betriebssystem Windows Vista vorstellte und
  • Steve Jobs das iPhone

Spätestens dann, wenn man sich diese Tatsache vor Augen führt, erfährt man eine gewisse Ehrfurcht. Gepaart mit der Furcht davor, ob man dieses längst abgelaufene Dosengemüse tatsächlich noch essen sollte, und ob man dies unbeschadet überstehen würde. Ich habe es getan und keinerlei Schaden davongetragen, Erbs & Rüebli haben vorzüglich geschmeckt. Ich möchte Sie gerne ermuntern, es mir gleich zu tun und einmal in Ihrem Lebensmittelschrank auf Zeitreise zu gehen. Sie werden es nicht bereuen. Vermutlich.

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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