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Rebecca Martinez; Teil zwei von drei: Asyl

Meinem Vater aus Ägypten habe ich es zu verdanken, dass meine Haut etwas dunkler ist, als normal. Mutter und Vater habe ich es zu verdanken, dass ich ziemlich viele Sprachen spreche. Meinem Freund Jürg habe ich es zu verdanken, dass er so skrupellos ist, dass er mich ohne alle Bedenken in ein privat geführtes Heim einschleust. Mir selbst habe ich zu verdanken, dass ich die Klamotten aus dem Helvetas-Container rausgeklaubt habe, um in einem Knast zu leben.

Zuerst war es nicht schlimm. Kein Geld, kein richtiges Handy, Scheisskleider. Geht doch für ein paar Tage. Schwieriger: Du darfst nicht reden. Musst traumatisiert wirken, eingeschüchtert, dann kommen die zu dir. Und ja, sie kommen zu dir. Kein Problem, denkst du. Grosses Problem. Die Prügel waren schon schlimm genug. Die endlosen Grapschereien von irgendwelchen Widerlingen, die noch nie Sex mit jemandem gehabt haben, der auch Sex mit ihnen hatte haben wollten, nicht viel schöner. Ich habe es verschissen und kann es nicht einmal jemandem erzählen. Mir ist aber als Schreiberin klar, dass der Satz mit dem Sex ein ganz cooler Satz war. Nur, ich kann ihn nicht mehr aufschreiben.

Die Blutergüsse sind nicht gut. Ich habe gekotzt und ich habe kalt. Wahrscheinlich habe ich mich vollgepisst und vollgeschissen. Aber da ist so viel Blut in meinem Mund, dass Stolz keine Sorge mehr ist. In meinem Bauch ist etwas kaputt und ich habe keine Kraft mehr zu kotzen, ich habe Angst, dass ich bald nicht mehr atmen kann. Mir ist kalt. Und mir wird kälter. Wenn ich noch weinen könnte, so würde ich es tun. Obwohl ich nie jemand gewesen war, der viel geweint hatte. Das war nicht so mein Ding.

Ich habe viel gelesen. Ich habe gemeint, mir ist klar, was ein Trauma ist. Jetzt weiss ich, was ein Trauma ist. Du versteckst es in dir. So, dass du es nicht siehst und das ist das Schlimme. Du kannst es nicht ertragen, darum vergräbst du es so tief, wie du nur kannst. Ich werde nie verstehen, wie man Prügel oder Schmerz aufgeilend finden kann, aber mit den Prügeln hätte ich umgehen können.

Sie haben ein Exempel statuiert. Damit alle die Schnauze halten. Sie haben mich verprügelt, bis ich nicht mehr stehen konnte. Dann haben sie mich benutzt, bis ich geblutet habe. Der Schmerz war nicht das Schlimmste. Die Demütigung schon schlimmer. Das Schlimmste war, dass dich jemand so sehr hassen kann. So sehr, dass dich eine Gruppe verprügelt, vergewaltigt und nicht aufhört, bevor du ganz kaputt bist. Ein Trauma, ist das, was man sich nicht weder vorstellen, noch ertragen kann.

Falls ich vorher gedacht oder geahnt habe, ich sei eine Frau in einer Welt, die Frauen nicht richtig mag, so bin ich nun sicher. Ich bin nun eine von den Frauen, die ich hatte schützen wollen, nur dass ich bessere Vorrausetzungen, ein besseres Leben gehabt hatte. Jetzt ist es zu spät. Ich bin eine von ihnen. Nur, dass ich selber schuld bin.

Der Basler Ausschaffungsknast Bässlergut gilt als vorbildlich. Man ist fortschrittlich hier. Und es stimmt vielleicht sogar. Bis zu einem gewissen Punkt. Und man sollte es eben nicht darauf anlegen. Ich habe das Gegenteil gemacht. Endlich, endlich wollte ich die Geschichte haben. Ich wollte der Welt die Augen öffnen. Und die Welt hatte mir auf die Fresse gegeben.

Jetzt ist mir klar, dass ich nur hatte auffliegen können. Aber es ist zu spät. Wie hätte ich nichts tun können. Wahrscheinlich haben mich die gleichen Frauen in die Pfanne gehauen, denen ich bei ihren Asylanträgen geholfen hatte. Es waren die gleichen Frauen gewesen, deren Geschichte ich hatte erzählen wollen, denen ich eine Stimme hatte geben wollen. Ich wollte die Geschichte erzählen, wollte sie beenden. Endlich eine Geschichte fertig schreiben. Ich hatte gedacht, es sei eine gute Idee. Man kann niemandem einen Vorwurf machen. Wenn nur das Blut aufhören würde. Es ist so kalt. Mir war noch nie so kalt.

Jürg, das Arschloch hatte seine Verbindungen. Es war nicht schwer. Es war auch nicht wirklich teuer. Niemand gibt sich Mühe hier. Ich bin nur Müll. Du kannst mich prügeln, vergewaltigen und nochmals schlagen. Wenn ich dabei Angst habe, so ist das nur geiler. Als Opfer gibt es keinen Weg zurück. Mein Ausrutscher war nur ein kleiner gewesen, doch das spielte wirklich gar keine Rolle. Es gibt einfach zuerst auf die Fresse. Du bist ja eine Frau. Und man kann dich verkaufen.

Es war eine Frage gewesen, die ich zu viel gefragt habe. Und jetzt liege ich nackt in einem Keller. Und das Blut wird nicht so schnell aufhören. Die wissen immer noch nicht, wer ich bin und mir fehlt auch die Kraft zu flüstern: «Ich bin Rebecca Martinez, ich werde euch schon drankriegen.» Ich bin Rebecca Martinez und ich werde nackt in meiner eigenen Scheisse liegend verrecken. Aber immerhin haben mich die nicht gefickt. Aber nur ich weiss ich, dass das nicht wahr ist. Und das macht es noch schlimmer.

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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