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Das letzte bisschen Leben feiern

Am Morgen bist du aufgewacht. Mit einem seltsamen Brocken im Hals, der nicht weggehustet werden konnte.

So bist du zum Arzt geeilt.

«Nicht gut! Überhaupt nicht gut!!!» Hat der Herr Doktor gesagt. Stirnrunzelnd. Mit professionell trauriger Miene.

Es folgten etliche Untersuchungen. Teilweise ausserordentlich unangenehm.

Dann die Diagnose. Tumor. Bösartig. Endstadium.

Du hast nicht lange überlegt. Hast alle Deine Ersparnisse abgehoben. Hast eine Langstrecke gebucht.

Mexico. One way.

Dort würdest du jenes letzte bisschen Leben feiern, das dir noch vergönnt sein sollte.

Mit Tequila, weissem Pulver, Señoritas.

Du hast die Korken knallen, hast die Puppen tanzen lassen, in der Hitze der mexikanischen Nächte. Wochenlang.

Haufenweise Geld hast du gesät, dafür hüpfende Brüste, wackelnde Hintern und alle Arten von Vergnügungen des Fleisches geerntet, von der Sorte, die der liebe Herrgott nicht einmal bei Verheirateten gerne sieht.

Dann, eines Nachts, bist du aus dem Schlaf hochgefahren, in einem riesigen Hotelbett, Fünf-Sterne-Resort, drei Damen der Nacht – semi-komatös, leise schnarchend, wie Kätzchen – um dich gruppiert.

Es war vier Uhr in der Früh.

Deine Moneten würden gerade noch für genau drei derartige Wellen reichen.

Dein Handy brummte.

Du hast den Anruf entgegen genommen.

Am anderen Ende die Stimme der sexy Sekretärin deines Doktors. «Guten Tag Herr Pfannini, es ist uns etwas Peinliches passiert. Wir haben leider Unterlagen verwechselt. Sie haben keinen Tumor. Sie sind kerngesund.»

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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