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Wie wir heute leben

Heute stehe ich hier. Ich stehe hier vor euch und werde keine Worte der Versöhnung finden. Lange haben wir es versucht, und wir versuchen es mutig weiter, könnte ich euch sagen. Den schönen Platz hier vor diesem grossen Haus könnte ich beschreiben und hoffnungsfroh sagen, der Regen wird wieder vorübergehen. Das werde ich nicht tun. Ich werde keine Witze reissen, keine lockeren Sprüche einflechten.

Was also werde ich tun? Ich werde euch sagen, wie wir jetzt leben.

Vor dem Bundeshaus spreche ich zu euch. Und vielleicht darf ich das nie wieder tun. Aber ich muss es versuchen. Versuchen, Worte dafür zu finden, wie wir leben. Worte, dafür, was wir tun. Worte, dafür, was wir nicht tun. Du hast dich gedreht in deinem Bett, hast dich gewälzt zwischen Sexspielzeugen ohne Batterien, dem fahlen Leuchten deines I-Phones und dem Lärm der Nachbarn, die den Fernseher schon wieder nicht runter gedreht haben.

Schlaflos mit grossen Augen starrst du hinaus auf die Strassen, zwischen den Lamellen deiner Storen hindurch, dort draussen irgendwo in der Schweiz, du starrst hinaus und verstehst nicht, wie du an diesen Ort gekommen bist.

Und obwohl wir alle mit grossen, glubschenden von der Schlaflosigkeit geröteten Augen durch die Lücken in unseren Storen glotzen, weißt du, dass du alleine bist, weißt du, dass sie gefährlich sind und in ihren Sexspielzeugen auch keine Batterien haben. Und du wirst warten. Warten auf den Sonnenuntergang, darauf, dass dein I-Phone vielleicht ein bisschen zittert und jemand dich erlöst. Doch niemand da draussen kann das jetzt noch. Wie du, wie ich haben sie nichts gemacht und doch haben sie Angst. Sie fürchten sich vor dir, sie fürchten sich vor mir, und das ist, wie wir jetzt leben.

Du sagst, du hättest nichts getan. Ich sage es zu euch, ich habe nichts getan. Das ist richtig, wir haben nichts getan. Wie hätten wir denn etwas tun sollen. Es hat uns ja niemand gesagt, was. Da waren heftige Winde, da waren mehr Autos als Kinder, da trieben Leute auf dem Meer, die wir nicht mehr vor dem Ertrinken retten wollten, weil in ihrem Land Krieg war und vielleicht auch, weil sie keine coolen Turnschuhe hatten. Und was sie sagten sie uns, hier, in dem Haus hinter uns. Ja, die sagten was.

Die Leute, die wir gewählt hatten. Sie sagten, es sei notwendig. Sie meinten, es müsse getan werden, das Notwendige.

Du hattest nur gehört, du müsstest etwas tun, und es machte dich wütend. Wie kann so etwas sein? Dein guter Glaube wird so arg getäuscht. Darum fragtest du nie, was das Notwendige denn sei. Du hattest Turnschuhe. Du hattest ja Batterien für deine Sexspielzeuge und manchmal rief dich jemand an. Du hattest dir deinen Schlaf verdient. Mit einem Job, der so abstrakt war, dass du ihn niemandem erklären konntest, aber du warst sicher, dass du erfolgreich und cool warst.

Jetzt kannst du nicht mehr schlafen.

Jetzt denkst du manchmal, das hätten sie in diesem Haus hinter uns nicht tun sollen. Du denkst plötzlich, das Notwendige ist vielleicht nicht so notwendig gewesen. Du weisst, du hättest nicht ja sagen wollen. So ohne weiteres.

Von Alpträumen gequält, erinnerst du dich daran, dass es vielleicht hätte seltsam sein können, als die Winde gekommen waren, die Schuld den armen Leuten zu geben.

Mit überwältigender Mehrheit seid ihr dafür gewesen. Für das Ministerium gegen die Armut. Mit überwältigender Mehrheit waren wir alle für die Armee der Stärke gewesen, damals als die Stürme über das Land fegten und du in der Nacht nicht mehr das Fenster offen stehen lassen konntest. Aber deine Turnschuhe warteten noch meterhoch gestapelt ordentlich in Container verpackt in den Häfen.

Ehrlich gesagt, sie würden uns loben, wenn sie sagen würden, wir hätten unsere Seele verkauft. Da hatten wir schon längst nichts mehr anzubieten. Ehrlich gesagt, vermessen wäre es zu meinen, sie hätten uns täuschen müssen. Sie hatten sich nicht anstrengen müssen. Wir hatten uns vielleicht schlecht gefühlt, als der letzte Affe gestorben war, der letzte Delfin im Meer aus Plastik absoff. Aber nur kurz. Und das Eis, das war weit weg.

– Könnt ihr mir sagen, was wir gedacht haben?

Vielleicht, dass die Armen die Affen umbringen. Die Flüchtlinge mit ihren Feuerzeugen, die sie von unserem Geld kauften, das Eis in der Antarktis Millimeter für Millimeter wegschmelzen würden. Hatten wir gedacht, dass die Armen so sehr mit Armen rudern würden, dass Wirbelstürme entstehen. Hatten wir wirklich geglaubt, die starke Armee würde uns nicht erwischen.

Aber das kann ich euch nicht sagen. Ich kann euch nicht sagen, wie wir früher gelebt haben. Aber ich will euch sagen, wie wir heute leben. Das Bundeshaus hinter uns ist eine Festung. Die Erdbeben sind dort nicht so schlimm.

Aber auch wenn das Matte-Quartier nicht schon lange abgesoffen wäre, so könnte einer von uns Schwäche zeigen, jemand irgendwo könnte aufbegehren, was als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden würde und wir alle drankämen.

Und Schwäche können wir uns nicht erlauben. Denn sonst wird das Ministerium gegen Armut Korrektur-Massnahmen ergreifen müssen. Und das Schweigen der Sextoys ist die kleinste Sorge. In Bern wird es das Schloss Thun sein. Der Berg muss erdbebensicher werden. Die Nicht-Armen wollen nicht, dass ihre Storen klappern. Es gibt viel zu tun. Du musst es immer tun. Andere Länder sind untergegangen, viele Völker sind korrigiert worden, aber unsere Stärke ist der Kampf gegen die Schwäche.

Unsere Stärke ist, dass wir rechtzeitig den Kampf gegen die Armut aufgenommen haben.

Genossinnen und Genossen. Da warten wir vor unseren Fenstern. Unsere Kinder werden nie mehr zu uns zurückkehren. Und wie lange ist es her, seit ihr einen alten Menschen gesehen habt? Eure Mutter, Euren Grossvater. Wie lange ist es her? Wie lange ist es her, seit wir nicht miteinander sprechen? Wie lange meinten wir, es sei besser dem digitalen Rauschen zu lauschen. Wie lange glaubtet ihr würde es gut gehen, wenn man nur wütend ist.

Wenn Wut und Turnschuhe alles sind, was bleibt.

Als ihr noch schlafen konntet, habt ihr immer den ersten Stein geworfen. Ihr habt immer gelacht, wenn die Schwachen bluteten und wenn euch das Lachen verging, so habt ihr euch neue Batterien gekauft. Vielleicht hat das nicht immer funktioniert. Es gab vielleicht kurze Momente, da lässt das Brummen eines Vibrators Zweifel zurück. Aber diese waren schnell besiegt. Vor allem dann, wenn es immer einen grösseren Idioten gibt.

Ihr brüllt es jetzt schon. Ihr wollt es nicht hören. Und ihr seid es nicht gewöhnt, Dinge zu hören, die ihr nicht hören wollt. Du kannst es nicht mehr. Darum kann ich es auch nicht. Der nächste Sturm wird kommen. Jemand wird verschwinden heute Nacht. Einer von uns wird der Idiot sein. Jemand wird schwach sein.

Das ist wie wir heute leben.

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Weniger Lebenszeit. Oh-Herrjehmine!

Happy Purzeltag, Papiersaal