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Jene, die auf dem Mittelweg fliehen konnten

Am Rad haben sie gedreht. Deshalb sind wir jetzt unterwegs. Im strömenden Regen. Ohne Landkarte oder Kompass, ohne Hoffung im Herzen. Denn die Hoffung ist gestorben. Zuletzt zwar…

…aber wir – eine Hand voll Kreaturen nur – haben sie dennoch überlebt.

Zuletzt war am Ende nämlich auch nur 15.17 Uhr – plus 23 Sekunden, um es genau zu sagen. Auf dem Zifferblatt unserer Urgrossvater-Uhr, die zwei Weltkriege überlebt hat.

Nun ist sie selig entschlafen. Eine Seele mehr für den Uhrenhimmel.

Während wir unterwegs sind. Eine Karawane aus altem Blech auf Rädern. Im strömenden Regen. Auf der Suche nach der Stadt der weissen Tauben, wo die Herren hart sind, wenn sie hart sein sollen, sanft sind, wenn sie sanft sein sollen. Wo die Damen so wunderbar mit ihren Brüsten, ihren Hintern wackeln können und alles verzeihen.

Denn was heute geschehen ist, spielt morgen keine Rolle mehr. In der Stadt der weissen Tauben.

Dieser Regen, ein reichhaltiger Guss, dessen Wasser gesättigt sind, von jener sumpfigen Erde, die entsteht, wenn das Erdreich monatelang von der Sonne gebacken wurde…

…und dann plötzlich Feuchtigkeit erhält.

Der Niederschlag ist ein willkommener Gast. Nach jener Hitze, die dafür verantwortlich war, dass es so gekommen ist.

So läuft das bräunliche Wasser nun an meiner Windschutzscheibe hinunter. Während meine Finger sich ums Lenkrad krallen, krampfen, denn lange fahre ich schon. Es ist, als hätte ich nie etwas anderes getan.

Auf dem Beifahrersitz: Justine.

Sie füttert mich, flösst mir Schnaps ein, zündet mir Zigaretten an, wechselt immer mal wieder den Verband, auf jener tiefen Fleischwunde, die ich mir bei einem Werkstattkrieg zugezogen habe, in dessen Verlauf mich ein Dämon angegriffen hat. Mit einem Schlagbohrer.

Mit meinem Schweissbrenner habe ich mich zur Wehr gesetzt, meinem Gegner die Augen versengt, ausgebrannt. Da hat er aufgegeben. Denn Dämonen arbeiten auf Sicht, wie man so sagt.

Auf dieser Fahrt trage ich keine Hosen. Einfach soll es für Justine sein, ihren kastanienbraunen Lockenkopf zu meinem Schoss hinunterzubringen, meine Eichel mit ihren Lippen zu umschliessen, mit der Zunge zu arbeiten, da unten, im Schlangennest, wo die Kraft der Schöpfung wohnt, auf dass sich meine verkrampften Finger, die das Lenkrad umklammern, sich entkrampfen mögen, manchmal funktioniert es.

Wenn es funktioniert, revanchiere ich mich bei ihr, mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand, die ich dann für einen Moment vom Lenkrad nehmen kann, auch Justine trägt, der Bequemlichkeit halber, weder Hosen, noch Höschen, trotzdem steht meine Zunge bedauerlicherweise nicht zur Verfügung, weil mein Kopf oben bleiben muss, auf dass meine Augen sehen können, wo wir hinfahren.

Und dann weinen wir wieder zusammen, um all die Menschen und Dinge, die wir zurücklassen mussten – und unendlich viele sind es –, in einer Welt, die leider zerbrochen ist.

Plötzlich sagt Justine: «Arme Alle, sorgt Euch nicht um mich, um Dich. Alles kann derart unfassbar schnell schiefgehen, wie es das zweite Gesetz verheisst.»

«Schade», denke ich da, «dass sie sich nicht mehr daran erinnert. Während ich es nie vergessen werde.»

Wir sind halt einfach die Überlebenden, jene, die auf dem Mittelweg fliehen konnten.

Im allerletzten Augenblick.

In den anderen Fahrzeugen unserer Karawane geht es ähnlich zu. Jede und jeder von uns hat – in ihrem, in seinem Gleise – etwas, das ihnen Kummer macht.

Selten rasten wir.

Um Treibstoff nachzufüllen, die Motoren zu warten, zu seichen, zu scheissen. Wortkarg sind wir. Während dieser kurzen Fahrpausen. Wir sagen «jaja», wir sagen «neinnein», wir sagen «soso», manchmal auch nur «hmhm» oder «e-e».

Obwohl wir uns gegenseitig durchaus freundlich gesonnen sind. Wir Überlebende. Wir tauschen untereinander Dinge aus, Reiswaffeln gegen hartgekochte Eier, Schraubenzieher gegen Analperlen, Kortison gegen Gemüse-Smoothies.

Denn alle haben wir das gleiche Ziel: Jene Stadt der weissen Tauben, von ebenso weissen Schutzwällen umgeben, beleuchtet vom ewigen Morgenrot.

Wo der Postbote die Hausfrauen hart durchfickt, weil dies einer Abmachung entspricht, die einst im Guten getroffen wurde.

Während die Hausmänner sich in den Wehrgängen an den prachtvollen Hinterteilen der Walküren erfreuen dürfen, die manchmal gerne Unterwürfigkeit spielen, weil sie ja sonst zu jeder Stunde jene Fäden in der Hand halten müssen, welche die Geschicke aller Seelen lenken. In der Stadt der weissen Tauben.

Reiche Stadt, Wein und Manna bescherst du allen, hinter denen sich deine Tore geschlossen haben.

Aurora heisst deine Schutzheilige.

Keine Landkarte, kein Kompass leitet uns. Auf unserer langen Reise zu dir. Bloss jenes leise Zwicken in unseren Zirbeldrüsen, das wir alle in ein und derselben Weise empfinden, während wir fahren, eine Karawane aus altem Blech auf Rädern. Im strömenden Regen.

Besseres Wissen – im Bündnis mit einer relativen Unabhängigkeit – hat uns diese Flucht ermöglicht, uns den Weg gewiesen.

Gerade mal eine Sekunde vor zuletzt: 15.17 Uhr – plus 22 Sekunden, um es genau zu sagen, auf dem Zifferblatt unserer Urgrossvater-Uhr…

…die immerhin zwei Weltkriege überlebt hat.

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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