in

Mein Tanz mit dem Vampir!

1991 war ich bei den Aufnahmen von „Bitter Moon“ mit dabei. Roman Polanski hatte eine ausgewählte Schar von FilmkritikerInnen an Bord des für diesen Film eigens gecharterten Kreuzfahrtschiffes eingeladen. Wir sollten eine Woche lang die Dreharbeiten von „Bitter Moon“ verfolgen und ausserdem alle Mitwirkenden interviewen können. Natürlich auch ihn, den Regisseur. Es war eine surreale Erfahrung, ich kann mich nicht mehr an alle Personen erinnern, wenn ich in meinem Artikel-Archiv nach den Interviews suchen würde, wäre ich wohl erstaunt, mit wem ich was redete, wonach ich fragte. Eins ist mir auf jeden Fall in Erinnerung geblieben: Emmanuelle Seigner, die fast 35 Jahre jüngere Ehefrau von Polanski, damals seit drei Jahren mit ihm verheiratet, liess ihn konsequent links liegen. Sie hatte eine Entourage von jüngeren Leuten, mit denen sie sich umgab.

Und an der Abschlussparty sass er alleine am Tisch im Speisesaal, während sie mit ihren Friends tanzte. Er tat mir leid, dieser ältere Mann mit dieser „Kindfrau“, die gar nicht zu ihm gehören schien oder, wie ich heute überlege, nicht zu ihm gehören wollte? Ich setzte mich zu ihm, forderte ihn zum Tanzen auf. Anderntags hatten wir ein Interview. Er schien mir sympathisch. Auch noch, als ich später den fertigen Film ansah. Ich fand ihn erst schrecklich, peinlich. Besonders die krude Lolita-Erotik, die Seigner darstellen sollte. Wenn ich ihn später wieder mal ansah, oder Ausschnitte davon, amüsierte mich dann eher das Wiedererkennen der Drehorte. Heute frage ich mich, wann hat Polanski diese ja viel jüngere Frau kennengelernt, wie und was lief da ab, wieso hat sie ihn geheiratet? Wieso blieb und bleibt sie?

Als Polanski vor einigen Jahren in Gstaad festgenommen wurde, erinnerte ich mich an den netten, sanften Herrn, der mir so aufrichtig erschien, so zugewandt, so um das Wohlergehen der Gäste seiner Dreharbeiten bemüht. Doch heute rechne ich zurück, das war also nicht mal zwanzig Jahre, nachdem er offensichtlich wiederholt junge Frauen missbraucht hatte? Jüngst hat ja eine weitere, mittlerweile sechzigjährige Frau eine Vergewaltigung angezeigt. Sie geschah ihr in den Siebzigern in Gstaad.

Doch weil die Schweiz Missbrauch an Kindern und Jugendlichen mit einem fixen Alter definiert, schützt die Verjährung die Täter. So auch im Fall des Lehrers und Autors Jegge, über den vor einigen Tagen ein Dok-Film im Schweizer Fernsehen gezeigt wurde. Der Film hat mich schockiert. Die Zerbrochenheit seiner Opfer, sie alle können nicht vergessen, und haben Lebenswege, die von dem als Kinderretter gefeierten Mann, gezeichnet und ruiniert wurden. Bis heute. Auch er profitiert von dieser unseligen, willkürlich festgesetzten Altersgrenze 14 (darunter strafbar, danach freigegeben für alle, die sich bedienen (lassen) wollen), die es verunmöglicht, ihn heute anzuklagen. Das ist ein Skandal!

Was mir in all diesen Fällen als Gemeinsamkeit auffällt, ist das raffinierte System, das von Tätern und ihren „Helfern“ aufgebaut wird, um ihre Taten praktisch vor aller Augen, so auch im Falle Jegge, jahrelang begehen zu können. In dem Film über Jegge werden damalige Kollegen und Nachbarn und Schulpfleger befragt. Alle wussten, dass sich Jegge nicht an schulische Ordnung oder Richtlinien hielt, sondern sich quasi ein Privat-Universum aufbaute, in dem er tun konnte, was er wollte. Was mir auffiel ist, dass die damalige Umgebung auch heute nicht schockiert scheint, sondern sich quasi mit einem verlegenen Lächeln an Jegge erinnern.

Tja, man hätte sich schon was gedacht, aber, es hat halt niemand gedacht, es sei jetzt so gravierend oder wichtig, dass man was gesagt oder gemeldet hätte. Es scheint, dass Brutalität, Missbrauch im Umgang von Kindern immer noch wie ein Kavaliersdelikt erinnert und vorbeigewunken wird. Schliesslich eignen sich viele Opfer diese Haltung selber an, sie können sich nicht mehr erinnern, sie gehen Beziehungen ein, in denen sie weiter missbraucht werden, bleiben statt flüchten zu können. Scham spielt dabei eine grosse Rolle. Bin ich nicht selber daran schuld, wenn man mich so behandelt?

Diese Haltung macht es Opfern so schwer, sich zu wehren. Wenn ja rundherum niemand etwas Schlimmes dabei findet, wie darf ich selber es schlimm finden? An wen kann ich mich wenden? Wer glaubt mir, wer holt mich heraus? Ich erinnere mich an meine von jahrelanger physischer und emotionaler Gewalt geprägte Kindheit, Jugend. Meine Eltern profitieren von dieser Mauer, die sie nach aussen hin aufgebaut hatten, die mich als Kind abschottete. In diesem Haus, das so geräumig und schön war. Wir waren die geachtete Mittelstand-Familie, vermögend. Man konnte Bedienstete einstellen, wenn sie etwas merkten, oder zu uns hielten, dann warf man sie raus. Oder aber, man liess sie gewähren, wenn sie mich, wie im Falle einer Kinderschwester, verprügelte.

Das war ja so üblich bei uns. Wohin hätte ich mich wenden können, um mich aus dieser Hölle zu retten? Ist niemandem aufgefallen, dass ich blaue Flecken hatte, verstört, oft krank und einsam war, in der Schule total versagte? Ich erinnere mich, wie ich mich, als ich es nicht mehr aushielt, zu meiner Grossmutter flüchtete, ich tat ihr leid, sie versprach mit meinen Eltern zu reden. Ich vermute, geändert hat sich nichts. Ich sprach vor einiger Zeit mit dem damaligen Nachbarsjungen: Habt ihr nichts gehört, wenn mein Vater täglich tobte, meine Mutter ihn und uns anschrie? Ja, sagte er, das hätten sie, und sie hätten dann Klavier gespielt, um nicht hören zu müssen. Damals galt, was in der eigenen und der Familie nebenan passiert, geht niemanden etwas an. Die Schweigemauer steht.

Ich kann nachvollziehen, dass Jugendliche, die eh schon Schwierigkeiten im Leben hatten, sich von Jegges Sonderschule Zuflucht erhofften. Dass sie dann ausgerechnet von dieser neuen Autoritätsperson, die sich gegen aussen hin als verständnisvoll gab, manipuliert und vergewaltigt wurden, sich dagegen nicht wehren konnten, ist schrecklich. Junge Frauen konnten sich ähnlich dem Nimbus eines Polanskis oder eines Woody Allens nicht entziehen. Niemand half ihnen damals.

Viele konnten nicht darüber sprechen, wie jene Vergewaltigte, die wartete, bis ihre Eltern tot waren. Sie schonte erst einmal ihre Familie, nicht sich selbst. Das tun viele, ich auch. In vielen Fällen zog und zieht noch immer niemand die Täter zur Rechenschaft. Das wäre wichtig, denn nur so wissen die mittlerweile Erwachsenen: Man glaubt uns, man steht für uns ein. Nur so kann man abschliessen, sich überlegen, wie kann ich das, was damals geschah, irgendwie einordnen? Wie kann ich es weiter überleben, dass mir ausgerechnet da, wo ich Zuneigung und Schutz erhoffte, so unsagbar Schreckliches zustiess?

Auch mir war es bis heute unmöglich, über meine Kindheit, meine Jugend, sicher auch meine Ehe, die eine Fortsetzung meiner Versehrtheit war, zu reden. Ich schrieb über vieles, doch dies klammerte ich immer aus. Ich hatte das Gefühl, dass ich damit eingestehen würde, dass ich ja „irgendwie auch dabei war“, also einen Anteil hatte. Heute weiss ich, dass ich ein hilfloses Kind, eine verstörte Jugendliche und junge Frau war, niemand hatte das Recht, mir das/etwas anzutun. Nur schon diese Erkenntnis half mir sehr, auch weil mir jahrzehntelang gar nicht in den Sinn kam, dass „das“ keine Normalität war. Für mich sind auch aktuelle Aufarbeitungen wie die Schicksale der Verdingkinder von grosser Bedeutung. Ja, sie haben einen Anspruch darauf, dass man sich entschuldigt, sie damals quasi als Ware betrachtet und verkauft zu haben. Sie haben ein Anrecht auf Therapie und finanzielle Entschädigung.

Wir haben als hoffentlich solidarische Gesellschaft die Pflicht, wenn wir damals weggeschaut haben, nun unsere Verantwortung, wenn auch spät wahrzunehmen. Und ich unterstütze jede Person, die so mutig hinsteht und sagte: Das ist mir passiert. Und ich will darüber sprechen können. Und ich verlange, dass man mich ernst nimmt und mir hilft. Bei der Verfolgung der Täter, falls noch am Leben, aber auch, um mein jetziges Leben, in dem ich nicht mehr vergesse, verdränge, verleugne, zu gestalten. Genau bei Letzterem bin ich angelangt. Ob es mir gelingt, ich weiss es noch nicht. Jedenfalls bröckelt meine Schweigemauer.

Und ich will überall genauer hinsehen, denn eine neue Untersuchung zeigt: Jedes sechste Kind wird in der Schweiz in der Familie misshandelt. Die Vampire, die an diesen Kindern ihre Aggressionen abreagieren dürfen, sind also mitten unter uns. Unfassbar, finden Sie nicht auch?

Zum Foto: Was soll ich zu meinen Text zeigen? Vielleicht diese zarte Rose, die jemand achtlos weggeworfen hat.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Marianne Weissberg

Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

Fighting – Channing Tatum prügelt sich durch den New Yorker Untergrund

Was noch zu sagen gewesen wäre