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Die Mission meiner grossen Liebe; eine Concierge-Geschichte

Mein beruflicher Alltag als Concierge, ich wirke in einem alten, ehrwürdigen Grand Hotel an der französischen Riviera, ist meistens ganz schön aufregend. Die Tätigkeit erfordert viel Spitzenfinger-Gefühl, Geduld, Leidenschaft. Sie birgt aber auch immer wieder reizvolle Service-Leistungen.

Madame L. aus Argentinien, eine treue Kundin, eine liebenswerte, ausserordentlich reiche und schicke Dame aus Buenos Aires, die jedes Jahr mit einem neuen jungen Lover anreist, sich für einige Tage in die grösste Suite einmietet, hat beispielsweise sehr spezielle Wünsche. Über ihrem Bett muss ein Spiegel angebracht werden, die neusten Sex Toys sind erwünscht. Jeweils ruft sie mich vor Ihrer Anreise an, gibt Ihre Herzenswünsche bekannt und schickt mich zum Einkaufen nach Paris, auf Spesen natürlich, was mich verzückt, da ich speziellen, aussergewöhnlichen Sexspielen nicht abgeneigt bin.

Wenn ich in Paris weile, zieht es mich immer wieder in die schönen Lingerie-Geschäfte, wo ich mich selber verwöhne. Bei Louise Feuillère kann ich endlich meine Bestellung abholen alles „sur mesure“ hand made, wunderschön, hocherotisch.

Mein Herz flattert, pulsiert, ich kann es kaum abwarten die Teile zu tragen.

Eines Morgens stand plötzlich dieser äusserst charmante Gast vor mir. Er bat mich, einige Sachen für Ihn zu organisieren, Flugbuchung nach London, Hemden und Anzüge bestellen und liefern lassen, Blumen, Persisches Gebäck sowie einen Tisch in einem libanesischen Restaurant in der Stadt reservieren, für ihn und seine Geschäftspartner.

Ich organisierte die Wünsche, was zu einer kleinen Herausforderung wurde, da es gar nicht so einfach war, das persische Gebäck derart schnell zu finden. – Ich habe es dann einfach selber gebacken, eine gute Concierge ist zu fast allem in der Lage.

Er bestand darauf, dass ich ihm die Sachen, wenn sie im Hotel eintreffen, persönlich in sein Zimmer bringen solle. Eher ungewöhnlich…

Da ich jedoch mit grosser Leidenschaft Gastgeberin bin, erfülle ich solche Wünsche noch so gerne. Ich klopfte an seiner Türe, er öffnete mir und schenkte mir dieses unglaubliche Lächeln, das mich völlig aus dem Konzept brachte.

Ich spürte, wie ich verlegen wurde, meine Wangen sich erröteten. Schnell versuchte ich, aus dem Zimmer rauszukommen. Aber ich wurde in ein geheimnisvolles Gespräch verwickelt, welches sich alsbald spannend, clever, frech gestaltete.

Shahab ist Perser, aufgewachsen in Teheran und London. Er ist im Film- und Musik-Business tätig. Aus einer anfänglich schüchternen, sanften – von meiner Seite aus eher zurückhaltenden – Freundschaft, entwickelte sich mit der Zeit eine leidenschaftlich, lustige, eine hocherotische Liebesbeziehung. Unsere Treffen ausserhalb des Hotels, in meiner kleinen Wohnung in Cannes, am alten Hafen, oder in einem der kleinen Restaurants im Quartier, Besuche von Museen, Konzerten und Märkten, verliefen gleichsam wie in einem Höhenrausch. Von tiefsinnigen Gesprächen, fröhlichen und herrlichen Geschichten – bis uns die Tränen kamen vor Lachen – hin zum absolut aufregendsten und wildesten Sex, den ich je erlebt habe.

Da wir beide beruflich ziemlich engagiert waren, war unsere Zeit sehr kostbar. Shahab reiste viel herum, weilte immer wieder für längere Zeit in London oder Teheran.

Da ich meinen Job nicht aufs Spiel setzten wollte, unterliessen wir es tunlichst, uns im Hotelzimmer zu treffen. Trotzdem schlüpfte ich immer wieder gerne in die Room Service-Uniform, überraschte Ihn mit süssen Köstlichkeiten.

Zwischendurch gab es auch heftige Diskussionen und kleine Streitigkeiten, es ging dabei hauptsächlich darum, dass ich das vage Gefühl hatte, er bewege sich in nicht ganz sauberen geschäftlichen Kreisen. Seine Geschäftsfreunde, die ich ein- oder zweimal mit ihm zusammen getroffen habe, hinterliessen bei mir keinen guten Eindruck.

Er appellierte an mich, dass all seine Geschäfte sauber abliefen und ich mir keine Gedanken machen soll.

Ich fühlte mich allerdings nicht wohl dabei, hatte auch das Gefühl, dass ich in den letzten Wochen beobachtet wurde. – Wer sind diese Leute?

Iranischer Geheimdienst? Britischer Geheimdienst? Warum? Was läuft da?

Als ich Shahab darauf ansprach, meinte er nur lächelnd, ich würde fantasieren und sei ein wenig paranoid.

Shahab war beruflich im Ausland für die nächsten Tage. Ich war nach einem anstrengenden Tag auf dem Weg nach Hause, in meiner Wohnung in Cannes. Wie ich daheim ankam, stand die Polizei auf der Strasse. Direkt vor meinem Hauseingang. Bei mir war eingebrochen worden, die Wohnung total auseinandergenommen. Wertsachen, Kunst, Kleider waren allerdings liegengeblieben. Sehr eigenartig.

Wonach hatten sie gesucht? Alle anderen Wohnungen schienen unversehrt. Warum bei mir?

Ich wurde befragt und gelöchert von der Polizei, konnte oder wollte jedoch keine Auskunft dazu geben.

Shahab kam einige Tage später zurück nach Frankreich. Er war über die Einbruchgeschichte alles andere als erfreut, äusserte sich aber nicht gross dazu. Er meinte nur, dass es wohl ganz normale Einbrecher gewesen seien. Ich war irritiert und zugleich sauer über seine banale Äusserung.

Die nächsten Tage und Wochen verliefen ruhig. Bald beschlich mich das Gefühl, dass ich mir vermutlich alles nur eingebildet hätte.

An einem sonnigen Herbsttag, vor dem Haupteingang des Hotels: ich verabschiedete mich gerade von Shahab. Er ging erneut auf eine Geschäftsreise. Es war noch ganz früh am Morgen. Wir fühlten uns unbeobachtet, konnten uns also innig und leidenschaftlich küssen. Leider musste ich dann ganz kurz ins Hotel zurücksausen, an die Loge, da der Feueralarm wieder einmal losgegangen war.

In diesem Moment raste aus dem Nichts ein schwarzes grosses Auto vors Hotel. Die Türen wurden aufgerissen, zwei maskierte, bewaffnete Männer sprangen raus, die sofort das Feuer eröffneten. Ohne zu zögern haben sie Shahab kaltblütig erschossen.

Die Aktion dauerte nicht einmal 30 Sekunden. Die Täter flüchteten danach sofort mit dem Auto.

Ich rannte raus. Dort musste ich sehen, wie Shahab in seinem eigenen Blut lag.

Er verreckte auf brutale Art und Weise. Die Schüsse wurden aus nächster Nähe abgegeben, sodass der Anblick grauenhaft war. Der Kopf hing runter, das Blut spritzte mit Hochdruck aus unzähligen Venen und Adern, der Unterkörper von Schüssen durchlöchert.

Der Sicherheitsdienst des Hotels war sofort vor Ort, Polizei und Sanität wurden alarmiert, die ganze Hotelanlage wurde abgeriegelt. Staatsanwaltschaft und Polizei haben mich dann stundenlang verhört. Ich konnte nichts sagen, habe einfach geschwiegen.

Was wusste ich, oder wusste ich nicht, von seinen krummen, schmutzigen Geschäften?

Gleichentags musste ich zur Direktion. Ich konnte meine Sachen sofort packen. Liaison mit einem kriminellen Hotelgast.

Meine berufliche Zukunft als Concierge war vorbei.

An diesem verhängnisvollen Herbstmorgen, vor dem Hotel war es schon etwas frisch, ich fröstelte ein wenig, obwohl ich seinen warmen Körper spürte, gab mir Shahab sein Tweed-Jacke.

Spät nach Mitternacht, als ich endlich in meiner Wohnung weilte, wurde mir erst bewusst, was am frühen Morgen vor meinen Augen geschehen war. Ich war traurig, wütend, erschöpft.

Mich überkam eine tiefe Hilflosigkeit.

Mit einem Glas Wein und einem Joint setze ich mich auf den Balkon, kuschelte mich in seine Tweedjacke ein. Da zwickte mich etwas. Ich fischte einen USB Stick aus der Innentasche der Jacke. Sofort schaute ich mir den Inhalt des Datenträgers auf meinem Laptop an. Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen und buchte einen Flug. Denn ich muss die Mission meiner grossen Liebe weiterführen…

AUF NACH TEHERAN! 

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Autor: Gastautor

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