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Sex gegen Rehrücken: #metoo? Logo!

Immer wieder flammt die Empörung auf, es bekennen sich Tausende von Frauen zu ihren Erlebnissen mit Männern. Und dann ebbt alles wieder ab, alles geht so weiter wie zuvor. Oder bin ich da zu pessimistisch. Hölt steter Tropfen den Stein des ganz alltäglichen Sexismus? Vielleicht, hoffentlich!

Ich kann mir vorstellen, dass sich viele Frauen, so auch ich, sich an Momente erinnern, die vielleicht nicht mal so spektakulär, weil so „gewöhnlich“ sind. Zum Beispiel im Berufsleben. Der Vorgesetzte, der bei der Arbeitsbesprechung ganz nah heranrückt, einem den Rücken tätschelt. Täglich. Eklig. Und dann sind da die Momente, die einem eingebrannt im Gedächtnis bleiben. Etwa jener Auftraggeber in den Medien. Er hatte sehr gut bezahlte Aufträge zu vergeben. Und die sollte ich mir verdienen, schon vorher, jedenfalls in seinen Augen. Das beinhaltete jenes Nachtessen in einem teuren Landgasthof. Ich fand es irgendwie seltsam, doch was sollte mir dieser konservative Nerd mit dem Aktenköfferchen, das er stets wichtig bei sich trug, schon antun? Er fühlte sich wahrscheinlich einsam, wie ich von ihm bereits anhören musste, hatte in seine Ehefrau grad verlassen, weil er sie betrogen hatte. Oder er hatte sie verlassen, weil jene Andere schöner, besser, was auch immer war. Ich war nicht erpicht gewesen, mir seine privaten Details anzuhören. Doch ich konnte ihm ja schlecht über den Mund fahren und sagen: Ich möchte das nicht hören. Ich arbeite gut, Sie bezahlen pünktlich. Mehr will ich nicht.

Jedenfalls sassen wir dann in diesem plüschigen Restaurant, er liess einen Rehrücken auffahren, Wein. Und irgendwann vor oder nach dem Dessert, das weiss ich nicht mehr, meinte er dann ganz nonchalant, ich solle mich gefälligst revanchieren. Womit?, fragte ich. Es sei doch normal, meinte er, dass wir anschliessend ein bisschen Geschlechtsverkehr hätten. Sowas gehöre doch dazu, wenn er mich so schön einlüde…. Ja, und wenn man weiterhin gut zusammenarbeiten wolle! Ich war perplex, der Auftraggeber hatte nun seine gängigen Arbeitsbedingungen, quasi das Kleingedruckte, laut vorgetragen. Ich ahnte, das ist der Anfang vom Ende: Wenn ich nicht Sex gegen weitere Aufträge liefere, läuft bald nichts mehr. Ich sagte, sowas ginge nie gut, man solle Privates nicht mit Geschäft mischen, also nein. Danach lief es nur noch harzig weiter. Er begann mich zu schikanieren, kippte Texte, und ich fand ihn generell so gruusig, dass ich irgendwann nicht mehr für ihn arbeiten wollte. Wobei eigentlich hatte er mich abgeschossen, weil er mich nicht schiessen konnte mit dem Rehrücken für zwei. Interessant ist, dass mir dieser Moment: Sex gegen Rehrücken, gleich eingefallen ist, als ich über die #metoo Kampagne las. Eben so was Alltägliches, das ich nicht vergass. Der Schmock tats garantiert.

Ich gebe zu, dass ich auch mal einem Kollegen Avancen machte, aber dass ich in der Position gewesen wäre, in der ein Machtgefälle bestand, also du kriegst meine Arbeitskraft, meine Freundschaft nur, wenn du Sex lieferst, daran kann ich mich nun wirklich nicht erinnern. In meinem Leben, sei es Studium, Beruf, Ehe war ich immer die Unterlegene. Mann beschloss und urteilte über mich. Es gipfelte vor längerer Zeit darin, dass nach einer Satire über sein angeblich bestes Stück eine Schlammschlacht gegen mich losgetreten wurde, an der Diskussion im hiesigen Fernsehen sassen sich die beteiligten Medienmänner (Roger de Weck und Roger Schawinski) gegenüber und befanden, dass eine Frau doch unterirdisches Niveau zeige, wenn sie sich über sein Geschlecht (und damit seine Herrlichkeit) Gedanken mache. Ich war bei der Verhandlung über mich und meine Ansichten nicht eingeladen.

Was mich damals und auch später zornig machte, waren Frauen, die aus Angst ihre kleinen Privilegien zu verlieren, sich solidarisch zeigten. Natürlich mit den Herren dort oben. Sie wurden dafür protegiert, ein wenig befördert, wurden geheiratet und versorgt. Ich könnte (bekannte) Namen von solchen Frauen nennen, die sich so hinauf prostituiert haben. Und nun bei der #meetoo-Kampagne auch mitpalavern. Grad kürzlich habe ich so eine Peinliche im Fernseh gesehen, ich musste mich so für uns Frauen fremdschämen, dass ich sofort abstellte. An solchen Steigbügelhalterinnen kommt eine Frau schlecht vorbei. Aber jene Frauen würden sowas von sich weisen, und ich kann es auch irgendwie verstehen. Verdrängung, Verinnerlichung der herrschenden Zustände.

Trotzdem, man muss nicht die mickrigen Zweiglein abknipsen wollen, sondern das Übel an der Wurzel kappen. Bis Männer ehrlich sagen: #metoo, will heissen, ich bin auch ein übler Macker, Dateraper, Sexist, Grabscher, Verbaltäter, was auch immer, sagen wir Frauen weiterhin #metoo und lassen uns nicht mundtot machen!

Foto: Auf dem Lebensweg nach nicht so ganz oben, geht manches vergessen, bis man unter dem Moos kratzt und sich erinnert….

www.marianneweissberg.ch

 

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Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

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