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No Place

In diesem Jahr hatte ich Swing Time von Zadie Smith gelesen. Viel mehr hatte ich leider nicht geschafft. Heute Morgen hatten sie den Strom abgestellt. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie wir die Kohle auftreiben sollten, damit wir wieder Saft hätten, so dass wir würden kochen können. Dein Job im Supermarkt war auch weg. Ich hatte viele Böden geschrubbt und ausserordentlich schlecht bezahlt Inventur gemacht. Als der Kühlschrank aufhörte zu summen, das Radio abstellte, ahnte ich, es wäre vorbei.

Eine Weile lang versuchte ich noch etwas zu schreiben. Dann setzte ich mich hin, um die letzte Zigarette zu rauchen. Ich würde dich anrufen müssen. Später. Es musste doch etwas zu machen sein. Aber die Schrubberei war erst morgen wieder angesagt.

In diesem Jahr hatte ich Betty Blue gelesen. Von irgendeinem Franzosen und noch einen Krimi von Liza Marklund. Dann verlor ich meinen Job im Supermarkt. Das war nicht gut. Aber es war ein Scheissjob gewesen. Bei dir und den Böden war es noch grössere Scheisse. Und dann lasest du noch Swing Time. Gute Nacht. Ich wusste, dass du schreiben wolltest und hoffte, ich würde den Job als Serviererin bekommen. Dann würden sie vielleicht den Strom nicht abstellen, und du könntest weitermachen.

Die Kerzen flackerten jedes Mal auf, wenn der Wind an den Fenstern rüttelte. Vor dem Kühlschrank hatte sich eine Wasserlache gebildet. Die Pfütze schimmerte im Zwielicht in seltsamen Farben, es wirkte, als sei eine vereiterte Wunde des Küchenbodens aufgeplatzt. Mit den Kerzen gingen sie von Raum zu Raum. Die Wohnung wirkte neu und fremd auf sie. Der Fernseher glotzte düster und schwarz ins Wohnzimmer abweisend. «Könnte sein, ich bekomme den Job», sagte Nina und schützte mit ihrer Hand die Flamme. Sie machte sich Sorgen, sie hätten zu wenig Kerzen.

«Ich kann bei diesen Architekten die Böden machen». Sie hasste die Vorstellung von ihm auf den Knien.

«Ich habe geschrieben, bis der Akku leer war», sagte Jan. Er wollte ihr sagen, er hatte nicht aufgegeben.

Natürlich habe ich sofort aufgegeben. Es schien alles ziemlich sinnlos. Immerhin, da waren noch Notizbücher, die nicht voll waren. Wer brauchte schon ein Laptop. Viele Worte, aber keine Worte. Es fühlte sich nicht gut an. Ich wusste nicht mehr weiter. Viel geschrieben, viele Böden geschrubbt und endgültig keinen Strom mehr.

Bei Betty Blue kam es immer etwas anders. Da waren Feuer, Faustschläge und keine Kompromisse. Ich dagegen bin eine höchstens mittelmässige Servierin mit mittelgrossen Brüsten. Auch im Supermarkt war ich nicht wirklich eine Bereicherung. Ich hatte wohl nicht genug Mehrwert gebracht.

Nach zwei Nächten hatten sie noch immer keinen Strom. Aber immerhin waren da Kerzen. Sie redeten jetzt länger. Es gab nichts mehr zu sagen, aber sie mussten die Dunkelheit verscheuchen. Sie hatten viel Sex. Und es dauerte. Das half zu vergessen. Zu vergessen, Leute hatten es besser. Leute, die in Bars oder Clubs redeten, assen, lachten. Aber immerhin sie hatten Sex. Lange, ziemlich lange.

«Wir sind am Arsch, wirklich am Arsch», sagte Nina. «Vielleicht habe wir bald keine Kerzen mehr.» Am Ende hatten sie keine Worte mehr. Er hatte sich vorgenommen, nie mehr von ihr Sex zu verlangen. Genug war genug. Ihre Scheide fühlte sich wund an. Das war der Moment an dem sie die Sterne hatten ansehen wollen. Über der Stadt lag Nebel. Am Himmel war kein einziger Stern zu sehen. «Es gibt keinen Ort, an dem ich lieber wäre», sagte Nina. «Ja», sagte Jan. «Ja».

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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