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MIT DEM NEUEN JAHR GAR NICHT ERST ANFANGEN: ZEHN GUTE GRÜNDE DAFÜR

Warum soll es denn ein neues Jahr für uns geben? Wir sind ja gerade erst daran, ein altes zu beenden, den Countdown bis zu Silvester zu absolvieren. Jedes Jahr wird noch hysterischer ausgezählt als das letzte. Als würde nach den Feiertagen die Welt untergehen. Ich wäre dem Gedanken nicht abgeneigt, einmal mit diesem apokalyptischen Flirt ernst zu machen – und die Menschheit, inklusive yours truly, einfach im alten Jahr zurückzulassen.

Kein neues Jahr also. Wenn nämlich keine Menschenseele mehr vor Ort weilt, braucht es auch diese saublöden, pseudo-ernsthaften nummerierten Jahre auf Erden nicht mehr. Man müsste zudem nicht mehr so lange warten, bis der Spanferkel-Braten endlich so weit ist.

Überlegen Sie es sich doch auch einmal. Den Laden endlich dicht machen, das ist das eigentliche Gebot der Vernunft. Mir fallen dafür auf Anhieb zehn gute Gründe ein. Locker vom Hocker. Ohne uns Menschen wäre der blaue Planet ganz einfach und todsicher viel gemütlicher…

Aber nein, lassen Sie uns lieber eine Nummernaufzählungs-Nummer schieben!

1. Wir müssten die Füsse am Feierabend nicht mehr hochlagern. Denn es gäbe keine Füsse mehr, keine Tische oder Hocker, auf denen wir sie ablegen könnten. Keine Pantoffeln, die wir anziehen müssen. Es gäbe auch keinen Feierabend mehr, denn es gäbe keine Arbeit, keine Tage, keine Wochen und Monate mehr. Nie mehr am Morgen aufstehen, nie mehr am Abend ins Seiden-Pijama schlüpfen. So sieht nachhaltige Entspannung doch in Wirklichkeit aus. So ist das echte Monster von Well Ness beschaffen!

2. Ohne Menschen hätten die Eichhörnchen mehr Freiraum!

3. Du unten? Ich oben? Oder umgekehrt? Vorne? Hinten? Im Bett? In der Stube? In der Küche? Im Keller? Auf der proverbialen Strasse? Einmal, zweimal, dreimal in der Woche? Sechs mal am Tag? Schlucken? Spucken? Oder gar nicht erst mit dem – oder im – Mund? In Fischnetz, Leder oder Zeitungspapier? Treu? Untreu? Gratis? Bezahlt? Mit Liebe? Ohne Liebe? Gleichgültig? Mit Hass sogar? Oder doch lieber auf Sand? Oder Samt? Oder gar Salz? Homo? Hetero? Bi? Wie können wir optimal geniessen, uns am schönsten vergnügen? Am tiefsten empfinden? Was ist das Obersuperultraaffentittenmegageilste? Und was denken die anderen Leute darüber? Eigentlich sind dies ja alles quälende Fragen. Lasst sie uns einfach alle radikal abschaffen – und mit dem Ende dieses Jahres endgültig aufhören. Denn auf dieses schlimme Jahr wird doch lediglich ein noch schlimmeres folgen.

4. Ohne Menschen hätten die Eichhörnchen viel mehr Freiraum!!

4. Zuerst das Dessert – dann sofort den Spanferkel-Braten? Oder nehmen wir es besser in der traditionellen Reihenfolge, beginnen halt mit Suppe und Salat? Oder überspringen wir den Rest einfach – und schreiten sofort zum Dessert? Können wir auf dieses Dessert dann gleich noch ein weiteres Dessert folgen lassen? Und was ist mit der Linie? Sollen wir auf sie achten? Oder sie einfach flott in eine Nasenhöhle hochziehen? Wer keine Wahl hat, hat auch keine Qual, liebe Gemeinde! Lassen wir’s doch einfach sein, lasst uns mit dem alten Jahr kollektiv ins Jenseits wandern – und diesen ewigen Auswahlterror hinter uns lassen.

6. Ohne Menschen hätten die Eichhörnchen tonnenweise Freiraum!!!

7. Spende ich jetzt für Menschenrechte? Oder für die Natur? Gebe ich den Blinden, Tauben, Stummen Geld? Oder dem lokalen Literaturclub? – Für den Druck eines alten Testaments auf Toilettenpapier (eine gute Sache). Soll ich die Waldweihnacht für Waisenkinder unterstützen? Oder das Spanferkel-Bratenessen des Alkoholikerverbands am Dreikönigs-Kuchentag? Oder den grünen Witwenball? Auf welchen Missstand soll ich meine lobenswerte Spendenwilligkeit fokussieren? Wenn wir uns, mit dem Erlöschen des alten Jahres, gleich selber auslöschen, so ganz und gar Menschheits-übergreifend, mit Stumpf und Stiel, wird es alle diese traurigen Dinge nicht mehr geben. Wir müssen kein schlechtes Gewissen mehr haben, das es mittels Spenden zu lindern gilt. Wr werden erfahren, dass es keinen Himmel, keine Hölle, kein Gericht, keine Metempsychose gibt, dass nach dem Tod einfach nichts mehr ist. Und die Natur wird sich ganz alleine erholen, bis die Sonne erlischt – und dieser Umstand alles einfrieren lässt. Im Dunkeln.

8. Ohne Menschen hätten die Eichhörnchen allen Freiraum, den sie brauchen!!!!

9. Soll ich mir jetzt Jackson Pollock zum Vorbild wählen? Oder Prince? Elvis? Paul McCartney? Hazy Osterwald? Vader Abraham? Darth Vader? Beethoven? Richard Strauss? Justin Bieber? Micky Maus? Mao? Hitler? Bob Crumb? Verehre ich nun die Monroe? Oder die Garbo? Oder vielleicht die Dietrich? Oder Linda Lovelace? Haji? Cristina Rinaldi? Laura Kravitz? Nadita Aditan? Es gibt ja auch jene, die behaupten, dass es Madonna sein könnte, während andere die Venus von Milo immer noch für den Massstab aller Weiblichkeit nehmen. Mit was soll ich mich beschäftigen? Stallone oder Schopenhauer? Harry Potter oder Sigmund Freud? Doris Lessing oder Miss Marple? Charlie Chaplin oder Jeff Mills? Jane Campion oder Josef von Sternberg? John Coltrane oder Peach Weber? Louisiana Blues oder Oberkrainer? Raga oder Polka? Samuel Beckett oder Astrid Lindgren? Kant oder cunt? Kultur ist doch nur da, um unsere angekokelten Nervenstränge gehörig einzusalben. Und dann ist sie auch noch selber vollkommen nervig. – Nie ganz so gut, wie sie sein könnte. Wenn wir uns abschaffen, schaffen wir auch die Kultur ab. Und es gibt keinen nervenschonenderen Zustand als die Nicht-Existenz.

10. Ohne Menschen hätten die Eichhörnchen Freiraum zum versauen!!!!!

Die Krokodile natürlich auch – und die mögen das Ferkel bekanntlich am liebsten roh, nicht mal einen Span brauchen die. Und die niedlichen kleinen Krokis zermalmen sowieso am liebsten zuckersüsse Eichhörnchen-Babys zwischen den Zähnchen. Gaaanz langsam.

Ich denke, Sie haben es nun alle begriffen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, sie haben es sicher gemerkt, das hier ist ein Vortrag, kein Text, der gelesen werden will. Was sage ich? Es ist nicht nur ein Vortrag, es ist ein Appell, ein Notruf! Lassen Sie uns dem unwürdigen Schauspiel, welches da Menschheitsgeschichte heisst, wenigstens ein ordentliches Ende machen. Heben Sie all Ihre gottverdammten Penunzen vom Konto ab – und feiern Sie sich und Ihre geschätzte Familie am 31.12 direkt in den Tod. Ich habe Ihnen sehr gute Gründe dafür gegeben. Zehn an der Zahl. Und da Sie ja alle viel gescheiter sind als ich, werden Ihnen noch viel bessere Gründe einfallen. – Über zehn sogar.

Ich selbst bleibe dann aber bis zuletzt auf der Welt – und passe auf, dass niemand bescheisst.

Danach gebe ich mir die Kugel. Ehrlich!
Bitteschön. Mach ich doch gern!!
Lupenreines Dienstleistungs-Denken halt…
Ich nenne mich von jetzt an nämlich “Dienstleister”.
Und Sie alle da draussen, ja Sie und Sie – und Sie gerade auch noch -, nenne ich: “Kunden”.

Ich habe bei der Aufzählung weiter oben übrigens absichtlich zweimal die Nummer 5 hingesetzt und die 4 weggelassen. Ich wollte Ihnen das Gefühl vermitteln, dass Sie einen richtig dicken Fehler meinerseits bemerkt haben, mal ganz abseits von meiner gewohnt hilflosen Orthographie. Das ist doch ein schönes Gefühl der Überlegenheit. Nicht? Es ist mein verspätetes Weihnachtsgeschenk für Sie!

P.S. – Noch einen Feler entdeckt? – Das war die Schlaufe um’s Weihnachtsgeschenk…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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