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Meine Weisheits-Perlen: 2000%ige Toleranz!

Ja, doch, ich habe mir etwas für das soeben angebrochene Jahr vorgenommen: Einen guten Vorsatz. Das habe ich bis jetzt nie so gehalten, also musste ich auch nichts halten. Weder wollte ich weniger essen, noch weniger trinken, weder mehr Sport treiben, weder weniger Internetlen oder mehr gärtnern. Ich habe mir ehrlich einfach wenig Gedanken gemacht, was ich mehr oder was ich weniger tun sollte. Ich glaube, das halte ich auch weiterhin so. Mit einer Ausnahme:

Ich sitze nicht mehr langmütig Zeit mit Leuten ab, die in mir nicht das Gute wecken. Es sind diese Situationen, in denen das Gegenüber erwartet, dass ich in ein Lamento miteinstimme, denn gemeinsam schimpfen, verurteilen, kritteln bringt doppelte Tiradenpower. ODER!? Ich vermute, sowas ist auch ein wenig Spezialität von uns Frauen. Es ist quasi ein von ferne und damit konfliktfreies Dreinschlagen auf vermeintliche Probleme, an denen natürlich NUR die anderen, aber nie man selbst Verantwortung trägt.
Es ist so bequem, mit einer Freundin/Kollegin/Bekannten minutiös und detailliert über die gemeine Scheffin, die nie zufriedene Mutter, den unfähigen Doc, den faulen Hauswart, den intriganten Kollegen, den oberfiesen Lover, etc.etc. abzulästern, als sich vor ebendiesen Leute zu positionieren und da den vermeintlichen Streit auszutragen. Ich habe beim Abjammern eigentlich ganz automatisch mitgemacht, denn es war einfach einfacher so. Bis mir aufging, dass ich danach nicht etwa nun problembefreit nach Hause tanzte, sondern es war mir megamies. Ich hatte so ein Gefühl, dass ich gleich kotzen müsste.

So kürzlich, als eine nicht mal so eng Bekannte mich gleich fragte, wie es denn so ginge mit xxx. Ich hatte vor einiger Zeit mal erzählt, dass ich da so meine Probleme hätte. Bingo, wir sind Schwestern im Unrecht, das wir erleiden müssen. Privat, im Job, überall. Ojojoj.

Und so waren dann die Parameter gesetzt: Man lästert gemeinsam kräftig ab und fühlt sich dabei total überlegen. Seit einiger Zeit, sagen wir mal, seit den letzten beiden Jahren, die voller Stolpersteine waren, bin ich jedoch ein wenig (alters)weiser geworden. Ich kann mich endlich quasi im Verhalten anderer wiedererkennen. Und konstatieren: Ui, so mühsam und unsympathisch wie die/der wirke ich doch auch, wenn ich kein Fitzelchen Toleranz aufbringe. Das ist erstaunlich, dachte ich doch bislang meist: ICH hätte absolutestens Recht, und wenn ich mir das bestätigen liess, hätte ich eben sogar doppelt absolut Recht. Funktioniert nicht, kann ich Ihnen versichern.

Drum habe ich angefangen, so ein Treffen wie eine Übung zu absolvieren. Ich streiche erst mal alle Themen, über die ich nicht reden will. Und plane stattdessen konsequent Smalltalk ein. Ich kann gar nicht genug betonen, wie unterschätzt Smalltalk (das Wetter (hach so schön, heute), Klamotten (oh, du bist immer toll angezogen, Wohnen (wow, du bist sicher toll eingerichtet)) ist. Wenn losgelästert wird, kontere ich erst mit mildem Schweigen und meditiere an das Croissant vor mir. Wenn alles nichts nützt, lasse ich die Bad Vibes kurz einwirken, entschuldige mich im Stillen bei allen, die ich mit ähnlicher Miesmacherei belästigt habe. Dann gebe ich Gegenwind, sage weise, dass Menschen eben so oder anders seien, ja nix persönlich nehmen, halt mal Toleranz üben, am besten 1000%ig. Oohhhhhmmm. Jetzt käme in den allerbesten Fällen ein erstauntes: Ah so, wie meinst du das?, darüber könnte ich ja mal nachdenken. Also gut, auf diese Reaktion warte ich noch. Sowas erfordert Einsicht, nicht zuletzt ins sich selbst. Glauben Sie mir, das ist das Schwierigste im Leben.

Hier also mein einziger, guter Vorsatz: Nie mehr gemeinsam nörgeln. Weils hässlich macht. Innerlich und auch äusserlich. Und gerade letzteres kann ich mir als Vollreife nicht leisten. Und weil ich ein Ausbund an Konfliktscheue bin und in der verbleibenden Lebenszeit womöglich nicht mehr fähig sein werde, TOTAL gelassen und es überhaupt nicht persönlich nehmend, allerlei Probleme und Problemchen ohne zu jammern oder verbissen dreinzuschauen, anzusprechen, schreibe ich meine Toleranz hiermit auf 2000% herauf. Vor Augen jene Tausende Perlen der Weisheit, die ich an einem regnerischen Nachmittag an einem Alleebaum abfotografierte. Wenn die alle auf dem Baum Platz hatten, dann haben einige es auch in mir. Und alle, die das lesen und mich kennen, dürfen mich jederzeit auf diesen einzigen, perfekten Vorsatz ansprechen, versprochen!

www.marianneweissberg.ch

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Marianne Weissberg

Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

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