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Ich habe keinen Fernseher mehr und bin froh darüber – meh oder weniger haut

Ich habe keinen Fernseher mehr und bin froh darüber. Weil ich so mega elitär bin, versteht sich. Ich lese Zeitung. Sicher nöd online, gaht s no? Gedruckt auf Papier. Als Abo. Zu Weihnachten habe ich ein weiteres Abo geschenkt bekommen. Ein Abo einer linksautonomen Zeitung, geschenkt von meiner linksautonomen Mutter. «Einisch im Monet – meh oder weniger haut.», erwiderte meine berndeutsch sprechende, linksautonome Mutter auf mein Erfragen, wie oft diese linksautonome Zeitung nun kommendes Jahr bei mir im Briefkasten landen werde. «Lässig», antwortete mein zürideutsch sprechendes Ich, «freu mi uf die meh oder weniger zwölf Zytige», und das tue ich wirklich – meh oder weniger haut.

Zugegeben, ich vermisse das Fernsehen gelegentlich. Vor allem die Arte Dokus, was anderes habe ich nie geguckt. «10vor10» manchmal, aber nur, wenn ich die Zeitungen, die ich gewissenhaft lese, schon gelesen hatte. Vielleicht zappte ich, wenn ich ganz müde war, kurz vor dem Einschlafen mein Hirn unterfordern wollte, auf Pro7. Aber nur selten. Sehr selten. Kaum. Fast nie. Und wenn ich fast nie Pro7 geschaut habe, dann habe ich meistens während der Werbepause ausgeschaltet. Meistens. Sehr oft. Ja, fast immer. Und wenn ich fast immer während der Werbepause ausgeschaltet habe, habe ich ganz selten eine Media Shop Werbesendung erwischt. Dann habe ich immer ausgeschaltet. Und wenn ich immer ausgeschaltet habe, habe ich manchmal, sehr selten, kaum, doch geguckt.
Aber jetzt nicht mehr. Ich habe keinen Fernseher mehr. Stattdessen habe ich Netflix. Genau genommen hat mein Bruder Netflix, aber das ist dasselbe – meh oder weniger haut. Netflix ist ganz okay. Auch wenn es keine Arte Dokus oder «10vor10» gibt. Dafür gibt es andere Dokus, keine Werbeunterbrechungen und für News habe ich sowieso meine Zeitungen. Ausserdem schlägt Netflix mir Sachen vor, die ich mögen könnte, anhand der Sachen, die ich schon mag. Letztens schlug es mir «Rocco», eine Dokumentation über Rocco Siffredi, vor.

Ich bin ganz froh, dass ich keinen Fernseher mehr habe. Seit der Erfindung des Internets ist dieser obsolet geworden. Gut, manchmal bricht die Verbindung ab. Und manchmal, wenn ich gleichzeitig eine Word- und eine Exceldatei, zwei, maximal drei Wikipedia Seiten, meinen Mailaccount, Skype, Facebook, Instagram, Twitter, YouTube, Amazon, Spotify und Tumblr geöffnet habe, kann es vorkommen, dass mein Laptop an Geschwindigkeit verliert. Massiv. Und ab und zu muss er Updates machen. Aber die kann man verschieben. Es kommt dann halt eine Erinnerung, dass er ein Update machen muss. Genannte Erinnerung kann man nicht einfach schliessen, man kann nur erlauben, dass man in drei Stunden nochmal daran erinnert wird, dass der Laptop ein Update machen muss und dass er einen, wenn man das Update jetzt nicht installiert, in drei Stunden erneut eine Erinnerung kommen werde. Das Spiel kann man ungefähr zwei Tage lang spielen. Dann verkürzt sich die Zeit. Irgendwann bekommt der Laptop seinen Willen. Entweder, weil man unvorsichtigerweise den Computer neustartete und er diese schwache Stunde ausgenutzt hat oder man sich an den Erinnerungen satt sah und nachgegeben hat. Mein Fernseher hat das nie getan.
Das Fernsehen ist überflüssig geworden. Wie Platten und CDs. Ich habe zwar noch Platten und CDs aber nur weil ich Musik Streamen nicht mag. Musik streamen ist wie «Wir treffen keine anderen Leute, verbringen jeden Sonntag gemeinsam im Bett. Aber lass es uns nicht Beziehung nennen.», wie «Ich möchte mich nicht binden». Wie Urlaub in Indien, aber das Kreuzfahrtschiff nicht verlassen. Musik streamen ist wie E-Zigarette rauchen und alkoholfreies Bier trinken, wie ein Liebesbrief verfasst von Pablo Neruda, gesendet auf WhatsApp, wie eine Orchidee aus Plastik. Wie «Das Kapital» auf einem iPad lesen. Wie ein Musiker ohne Talent, der sich ins DJ Sein flüchtet, ein «Mr.» und ein schlechtes Wortspiel in seinem DJ-Namen hat, wie Elvis Presley: ist okay, aber trotzdem nur ein Abklatsch von Chuck Berry.

Elvis Presley höre ich nicht. Gestehe dennoch, dass Musik streamen – entgegen Puristen – nicht der Untergang der Kultur darstellt, ich tue es selbst gelegentlich. Auch wenn mich dabei ein romantisch-nostalgisch gefärbtes Gefühl beschleicht. Während mir ein beliebiger Streamingprovider irgendwas vorschlägt, vermisse ich den Musiknerd vom Plattenladen und seine Anekdoten, das Durchschauen von gefühlt unendlichen, physischen Platten. Das ganze gipfelt in der Illusion einer milden Sommerbrise, die mir die Schweissperlen vom Nacken mit den Worten «früher war alles besser» trocknet. Manches Wesen könnte nun schlussfolgern, dass auch der Fernseher solche Nostalgie auslöst, dass das Rauschen einer Platte dem Fernsehrauschen doch sehr nah käme, doch liegt es falsch. Das Fernsehen ist viel mehr wie ein Exfreund. Der eine Exfreund, von dem die Trennung nur gelinde schwerfiel. Der Exfreund, von dem man nach einem Monat wusste, dass es nicht funktioniert: Irgendwie schön, dass jemand immer da ist, aber intellektuell nicht so wirklich stimulierend. Ganz nett, dass jemand von seinem Tag erzählt, aber irgendwie auch nervig. Ganz angenehm, Sonntagmorgen nicht allein aufzuwachen aber das Schlürfen, das Schmatzen, das peinliche Tanzen und die bescheuerten Tierwitze sind nach einem Monat nicht mehr auszuhalten. Die WhatsApp Nachrichten, das Augenverdrehen, die eine Falte; all das, was zu Beginn vielleicht Reiz ausübte, übt nur noch einen Reiz, den Brechreiz, aus bis man sich eines Tages dazu durchringt sich mit dem Worten: «Ich habe keinen Freund mehr. Weil ich so mega elitär bin, versteht sich. Ich lese Zeitung.», zu trennen.

Die Folgen beider Trennungen sehen in etwa gleich aus: Man verbringt den Sonntagmorgen zur Strafe etwas gelangweilt, vielleicht auch ein einsam. Um der Langeweile zu entgehen, lässt man den Laptop freiwillig Updates installieren und hört zur Überbrückung der Wartezeit Chuck Berry. Und wenn man sich so richtig einsam fühlt, guckt man was mit Rocco Siffredi und denkt dabei, dass der Sonntagmorgen auch ohne Fernseher und ohne Freund ganz schön sein kann – meh oder weniger haut.

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Autor: Kenza Nessaf

Die 24-jährige Kenza Nessaf, alias Waltraud Glocke, alias Trudi G, verdient ihre Brötchen – vor Allem aber ihren Alkohol – als Regieassistentin am Theater. Ihr mütterliches Italien und ihr väterliches Marokko und ihr momentaner Wohnsitz in Deutschland halten sie nicht davon ab, sich als waschechte Winterthurerin zu verkaufen. Um ihrem Ruf als Gutmensch gerecht zu werden, lädt sie nur ganze Alben illegal im Internet runter und keine Singles. Ihren Geburtstag feiert sie mit Woody Allen, weil Pablo Escobar nicht mehr kann und fröhliche Menschen vor dem Kaffee bezeichnet sie als „ein bisschen schwieriger“.

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