Kürzlich sagte eine Freundin: Wenn du findest, etwas ist nicht gut, dann ist es garantiert gut, immerhin finden es alle anderen gut (und kaufen es). Hm, das brachte mich ins Grübeln. Längst finde ich nämlich, dass es wahnsinnig anstrengend ist, meist neben dem Mainstream zu denken oder gar zu leben. Immer daneben zu liegen. Wie froh wäre ich, wenn ich, sagen wir mal, Martin Suter, toll und lesenswert fände. Schliesslich finden den fast alle gut, und so verkaufen sich seine erweiterten Werbetexte, wie ich seine Werke klassifiziere, wie warme Weggli. Auch Stephan Eicher, den ich vor einiger Zeit in einem Interview im Fernsehen sah, muss dieser Einschätzung, also dass einer, der sich so gut verkauft, eben gut sei, erlegen sein.
Eicher mochte ich früher nie besonders, doch das Interview war dermassen lustig und geistreich, weil er die üblichen, langweiligen Fragen eines faden Befragers mit beredtem Schweigen oder genau dem Gegenteil dessen, was der Langweiler hätte hören wollen, konterte, dass ich ganz überrascht und hingerissen war. Dazu machte er einen richtig netten Eindruck. Nett sein ist eine sehr unterschätzte Eigenschaft. Ich finde sie gut. Anyway, Eicher hat sich nun mit Suter zusammengetan, der für ihn Songtexte schrieb. Das kann nicht gut herausgekommen sein. Das ist doch so, wie wenn man einen guten Wein mit Aldi-Glühwein verpanscht. Aber ich bin sicher, sowas kommt gut an.
Was ich sonst noch nicht gut finde: Viele Serien, die dauernd irgendwo gesendet werden, und denen man nur mit energischem Klicken auf der Fernbedienung entkommen kann. Es gibt Serien, die sich quasi ein Wohnrecht in den TV-Apparaten und sonstigen Devices erschlichen haben. Etwa „Downtown Abbey“ oder „Der Bestatter“. Wer schaut sowas und langweilt sich freiwillig zu Tode? Ganz viele, würde jene Freundin versichern, denn schliesslich gefallen sie allen. Mir scheissegal. Mir gefallen Serien wie „Bankerot“, woher wohl, ja, aus Dänemark. Dem Land, in dessen Serien die Leute noch schiefe Zähne und schräge Klamotten haben dürfen. Momenten bin ich „Rita“ verfallen, auch aus Dänemark. Beides sind Serien, in denen niemand das tut, was einem gut tun sollte. In „Bankerot“ kochen, saufen und scheitern sich zwei Halbhelden durch ihr Restaurantprojekt, das regelmässig floppt, weil sie dermassen alles falsch machen. Und die äusserst ansehnliche Lehrerin Rita hat genau diese mühsame bis schreckliche Familie, die wir alle haben, und die wir gerne loswerden würden, um im Leben vor den Anderen gut dazustehen.
Und so schauen, lesen, erleben wir lauter Dinge, die uns dieses Bessere vorgaukeln, und finden es total gut. Eigentlich logisch. Das würde ich wie gesagt auch gerne können. Doch immer, wenn ich eine Zeitlang mich bemühte, meinen doch eher absurden Geschmack loszuwerden, indem ich Gutes tat, wie täglich sehr achtsam zu meditieren (gähn), nun auch die Radiesliblätter mitzuessen (würg), weil das vegetarischmoralisch korrekt ist, Joachim Meyerhoffs Tagebuchromane, die man heuer einfach gelesen haben muss, zu lesen (gähn) – ja dann merkte ich, dass ich immer hässiger wurde. Das ist ja schon sehr schade, denn solches, was allgemein für gut befunden ist, auch gut zu finden, ist nicht besonders anstrengend. Man kann sozusagen das Leben auf Sparflamme laufen lassen. Einfach gucken, was alle anderen gucken, alles kaufen, was die anderen auch kaufen, das erspart doch jede Menge Mühe und Zweifel!
Oh, Gott, ich habe mich, wie ich soeben realisiere, durch diese letzten Sätze überzeugt. Vom Gegenteil, was ich hier darlegen wollte. Meine Freundin hatte also völlig recht. Sobald ich mit den vier Staffeln von „Rita“ durch bin, werde ich das Thema nochmals aufgreifen, in ihrem Sinne. Was gelogen ist, immerhin etwas, was alle tun, aber niemand so richtig gut findet.
Foto: Szenenfoto aus „Bankerot“, Thomas (Martin Buch) ist der beste Loser der TV-Welt.

