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Ins endlose graue Nichts der Negativzone

Kurz bevor ich im Winterschlaf versunken bin…

Irrte ich noch durch die Stadt. Die Strassen, die Gassen waren beinahe verwaist. Nur eine betagte Dame ist mir entgegengekommen, mit Augen voller Verzweiflung, über die Verluste, die das Leben mit sich bringt.

Kurz bevor ich im Winterschlaf versunken bin…

Zog ich durch Läden und Geschäfte. Niemand war da. Ich hätte alles kostenlos mitnehmen können. Doch keine der Waren vermochte mein Interesse zu fesseln. Alles, was mir gefallen könnte, habe ich schon einmal gekauft, besessen und später wieder weggeschmissen, auf jenen wachsenden Misthaufen, der das Zeugnis jedes Menschenlebens darstellt.

Kurz bevor ich im Winterschlaf versunken bin…

Lief ich zum Stadtrand hinaus. In jenes rote Haus. Wo eine Frau wirkt, die dir Freude bereitet, wenn du ihr ein Geschenk bringst. Aus Gewohnheit bin ich hingegangen. Als Geschenk hatte ich ein Schaukelpferd mitgebracht. Wie es die Frau liebt. Sie hat sich wahnsinnig gefreut, gab sich die grösste Mühe, mir einiges zuliebe zu tun. Ich ging durch die Bewegungen, starrte auf die Schauwerte, vollführte den Tanz, alles mechanisch, ohne Vergnügen. Fremd erschien mir plötzlich der Gedanke, dass man diese Dinge für wünschbar erachten kann. So verabschiedete ich mich, leise und hastig. Ich sagte nicht Adieu.

Kurz bevor ich im Winterschlaf versunken bin…

Begegnete mir eine alte, unerwiderte Liebe, eine Göttin, die mir einst eine profunde Wunde ins Herz geschlagen hat, von der nun eine Tiefe Narbe zeugt. Sie hatte dies natürlich ohne Absicht getan, denn Göttinnen sind wie Naturphänomene. Sie tragen dich, in erhabener Weise. Wie das Wasser dein Boot trägt, im Rahmen einer morgendlichen Lustfahrt. Dann vernichten sie dich. Ohne Mitleid. Wie ein und dasselbe Wasser, wenn es sich plötzlich zu einer Monsterwelle aufbäumt, dein Boot ins Verderben reisst, dir ein nasses Grab bereitet. Im flackernden Neonlicht ist sie mir erschienen, meine alte, unerwiderte Liebe, in der letzten Bar, an der letzten Strasse, die ins endlose graue Nichts der Negativzone führt. Und es war, ja es war, als hätte ich niemanden getroffen. Eine Nicht-Begegnung. So stürzte ich meinen Schnaps runter und verliess das Lokal.

Kurz bevor ich im Winterschlaf versunken bin…

Habe ich noch schnell alle meine Freunde und Feinde ermordet, danach habe ich ihre Seelen aus diesem Universum verbannt, mit einem Ritual aus den finstersten Abgründen der schwarzen Künste, in eine anderes Zone geschickt, die keinerlei Verbindung zu irgendetwas hat, in eine Gummizelle des Multiversums. Ich empfand dabei keinerlei Vergnügen. Es war eine reine Sicherheitsmassnahme. Denn ich will meine Freunde und Feinde keinesfalls in meinen Träumen haben.

Kurz bevor ich im Winterschlaf versunken bin…

Schlug ich mir meinen Bauch mit Tannenzapfen voll, hüllte mich in die dicksten Daunendecken. So bin ich im Winterschlaf versunken. Wir sehen uns wieder. In einem oder zwei Aeonen.

Jenseits des Regenbogens. In einer besseren Zeit.

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Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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