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Ich denk an sie – von KULT-Gastautorin Kris W. Tell

«Was, du hast den Müll wieder nicht hinausgebracht?», schrie sie mich an.

«Tut mir leid», murmelte ich. So oft hatte ich diese Worte benutzt, sie hatten jegliche Bedeutung eingebüsst. Als wären sie zu Beginn kräftige, ehrenhafte Gebilde gewesen, denen der Gebrauch wie Schmirgelpapier zugesetzt hatte. Jetzt waren sie bloss noch bröckelige Sandsteinhügel.

Ich wandte mich im Sitz des alten Volvos etwas weiter von ihr ab. Ihre Beschimpfungen drangen nur noch schwach zu mir durch. «Wieso bist du immer so vergesslich?»

«Weshalb muss ich alles selber tun?»

«Hast du das Gefühl, ich mach das…» Die Watte zwischen uns, auf diesem halben Meter Platz, wurde noch dichter.

Beinahe 14 Jahre ist es nun her, seit ich in jene Bar hineinlief und sie mit dem ersten Blick sah. Ich wusste gleich, dass ich mich in sie verlieben könnte. Nie zuvor hatte ich sie gesehen und doch schaute ich sie an, und sie schien mir vertraut. Es war, als wäre sie genau so, wie ich sie mir gedacht hatte, nur – ich hatte sie mir nie wirklich gedacht.

Als wäre es seit Anbeginn der Zeit unvermeidlich gewesen, dass ich sie irgendwann treffen würde. Und dass diese Vorbestimmung so fest in meinem Sein verankert war, dass ich sie kannte, obwohl sie mir völlig fremd war. Im Nachhinein, als ich mir diese erste Begegnung wieder vorspielte, war ich sicher, dass auch sie erlebt hatte, was ich erlebt hatte.

Wie war es so weit gekommen, zwischen uns? Früher mal, hab ich an sie gedacht, von ihr geträumt, als sie nicht bei mir war. Von ihrem langen dunklen Haar, den gleichzeitig ernsten und neckisch funkelnden Augen. Aber an ihren Mund dachte ich am meisten. Das satte Mattrot schien umso intensiver gegen die blasse Haut ihres sommersprossigen Gesichts. Und in meiner Vorstellung lachte sie immer. Doch jetzt nicht mehr. Jetzt dachte ich an sie und anstatt der Lebensenergie einer jungen Frau sah ich die erdrückende Hoffnungslosigkeit einer vom Leben müden.

Die Strasse wand sich bereits durch den dichten, saftigen Wald, den ich so mochte und ich merkte, dass ich eingenickt war. Sie hatte nicht bemerkt, dass ich wach geworden war und ich war froh darum. Die Watte zwischen uns hatte sich mittlerweile auf das ganze Fahrzeug verteilt und so wirkte sie nicht mehr erstickend, sondern vielmehr sanft einhüllend. Komisch, was Dichte ausmacht. So war es auch bei uns gewesen. Es war seit dem ersten Tag immer intensiver zwischen uns geworden, bis die Intensität so dicht war, dass kein Raum mehr geblieben war. Und irgendwann kam dann die Explosion.

Als es explodierte, sah ich in Zeitlupe zu. Ich hatte einen Seitenhieb hier, gekonnt den anderen da gesetzt. Und gewartet. Fasziniert, dass ich mich an der Zerstörung meiner Beziehung so aktiv beteiligen würde, nachdem ich nur noch ein passiver Teil darin gewesen war. Gespannt, wie es nun eskalieren würde. Erlöst, als ich die Sicherheit hatte, dass da nichts mehr zu retten war. Trotzdem blieb ich bei ihr. Weshalb auch sie nicht ging, fragte ich mich nicht. Wahrscheinlich fühlte sie gleich wie ich.

Ich wende den leeren Blick vom Fenster ab und schaue auf meine Hände. Gleichgültig, wie ich geworden bin, fühlt sich der Anflug von Panik, als ich feststelle, dass der Ring an meiner linken Hand fehlt, überhaupt nicht fremd an. Den Ring hatte ich ihr zuvor an den Kopf geworfen, als sie mir noch so viel mehr vorwarf. An der Geburtstagsfeier später, wird sein Fehlen zweifellos auffallen. Ich werde sagen müssen, dass ich ihn zum Streichen der neuen Wand abgenommen und ihn dabei verlegt habe.

Wenn ich dabei lache, wird vielleicht niemand die Lüge erkennen. Ich sehe auf zu ihr, nur ganz kurz, doch unsere Blicke treffen sich und ich merke, dass sie meinen Gedanken gefolgt ist. «In meiner Tasche», sagt sie mit heiserer Stimme. Und ich danke ihr. Es fühlt sich an, als hätte ich zehn Jahre nicht gesprochen. Ich schliesse die Augen und zeichne in meinen Gedanken nach, wie sie damals, in jener Bar ausgesehen hatte. Wenn es etwas von ihr gibt, das ich nie verlieren werde, dann ist es dieses Bild.

Unsere Gastautorin Kris W. Tell kämpft mit Gaia gegen das Chaos, sonst schreibt, reist und designt sie, wenn sie nicht gerade schwer am Studieren ist.

 

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Autor: Gastautor

Kult.ch lädt in regelmässigen Abständen Gastautoren ein, ihre Geschichten zu teilen. Weil sie spannend sind; weil sie zum Nachdenken anregen; weil es eine Schande wäre, sie nicht lesen zu dürfen; weil sie Lücken füllen; weil sie unseren Alltag bereichern; weil sie unerhört sind; weil sie nicht ins Schema passen...

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