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Der letzte Traum

Der Engel donnerte gegen den Martinsturm, brach fast durch die Wand der Brüstung der Aussichtsplattform. Sie fiel. Steine und Mörtel regneten neben ihr herunter, sie klatschte auf die farbigen Ziegel des liebevoll und teuer renovierten Basler Münsters. Das Dach hatte ein Loch und Duma glaubte, ihre Knochen seien gebrochen. Keuchend hing sie an der Regenrinne, die bald nachgeben würde. Sie schaute in die Tiefe. Zwanzig, dreissig Meter bis aufs Pflaster. «Billiger Mist», dachte sie. Sie rutschte weiter runter. Sie brachte ihre zweite Hand nicht neben die Erste und konnte nichts machen.

Duma schwankte im Wind ihre Finger waren stark, ihr Griff fest, doch die Rinne trug ihr Gewicht nicht. Sie hatte schon viel kaputtgemacht, sie brachte den zweiten Arm hoch und versuchte, sich aufs Dach zu schwingen. Durch ihren Kopf jagten die Träume: Da war die Frau, die davon träumte, dass sie Blumen bei der Hochzeit bekam. Das Wimmern des Hundes, der mit einer Metallstange zu Klump geschlagen wurde. Ein Perverser, der Babyfleisch kochen wollte. Da war der Traum des Mädchens, das sich verirrt hatte, weinte und nicht nach Hause fand. Das war alles normal. Körperschwerpunkt, schaukeln, dann reicht es vielleicht bis auf den nächsten Vorsprung. Duma verschätzte sich erneut, sie fiel schneller als berechnet und krachte stattdessen durch eine der mit bleieingefassten Scheiben ins Innere des Münsters.

Sie fiel in die Dunkelheit des Münsters. Einen Augenblick blendete sie alles aus. Der Strom der Bilder versiegte und sie wusste, sie hatte wirklich alles gebrochen. Das Blut strömte aus ihrem zerschmetterten Körper. Aber das alles war besser, als was noch kommen würde. Die Sprünge um die ganze Welt. Sie hatte schon seit einer Woche keine Drogen mehr genommen. In Amsterdam ein Bier. Das war’s, aber da wusste sie nicht wie lange es her war. Die Kirchenbänke um sie herum lagen in Trümmern. Die Blutlache breitete sich warm unter ihr aus.

Die Prinzessin der Träume blieb ruhig liegen. Die Verletzungen, das Blut machten ihre keine Angst. Aber da draussen war irgendjemand, der den letzten Traum träumte, jenen Traum, der alle anderen Träume überflüssig machte. Immer wieder tauchten in anderen Träumen Spuren, Fragmente dieses Traumes auf. Aber er war immer mehr eine Ahnung gewesen, ein Echo aus der Unendlichkeit der Zeit.

Duma kotzte und spuckte Blut. Da war keine Engel-Schule, da waren keine Antworten. Sie wusste, es gab andere wie sie, aber konnte nicht mehr über sie sagen, als dass die anderen nicht träumten. Bis jetzt. Sie versuchte still auf dem Münsterboden zu liegen. Sie fragte, ob jemand kommen würde, um nach ihr zu sehen. Am Tag manchmal sah sie den Chören in der Kathedrale beim Proben zu, beobachtete Gläubige, wie sie sich für einen Moment der Stille auf die Bänke setzten Sie wusste, da war eine nette Sigristin, die nebenan wohnte. Vielleicht hatte der Krach sie aufgeschreckt.

Aus Träumen wusste sie, wie es war, wenn Menschen starben. Wie Menschen sich den Tod vorstellten. Da waren immer Erinnerungen. Ein Teddybär aus der Kindheit. Eine gelungene Mahlzeit. Da war auch ein Erlöschen, bei alten Leuten – das stellte sie sich vor – eine Zufriedenheit gemischt mit Angst vor dem langsamen Erlöschen der Flamme des Bewusstseins. Sie wusste, dass sie keine Erinnerungen hatte. Ihr blieb kein Bild davon, wie sie ihr erstes Chapatti mit der Mutter gemacht hatte. Keine Erinnerung an die Umarmung des Vaters, wenn er abends nach Hause kam. Sie konnte nicht einmal über den lauten Hip Hop ihres Bruders durch die Wände der zu kleinen Wohnung fluchen.

Wenn die Menschen einen Sinn suchten, sie verzweifelt waren, fingen sie an ihren Ursprung zu suchen. Das konnten Dreck und endloses Getrommle im Kreis sein, es konnte die Erinnerung an zu lange Abende an kerzenerleuchteten Tischen sein, über die man kaum mit dem Kinn drüber kam. Am Anfang hatte sie nicht einmal springen können, sie war umhergeirrt und immer wieder waren die Bilder, die Träume in sie hineingefallen. Sie hatte nur langsam gelernt. Sie hatte immer weitergesucht, früher. Gesucht. Nach eigenen Bildern, nach eigenen Träumen vielleicht. Aber niemand hatte sie gewollt. Wirklich gewollt.

Das war jetzt scheiss-viel Blut unter ihr. Sie wusste nicht, warum sie sich die Jacke vom Oberkörper riss und damit über den Boden wischte, sie hätte sich wohl besser das Blut aus den Augen gewischt. Immerhin, sie wusste, sie würde schon bald wieder besser sehen können und sie hatte die eine Hand bewegen können. Die Kraft kehrte wie ein Fluch zurück. Duma fühlte sich optimistischer. An einen Sprung war aber immer noch nicht zu denken. Aber es wäre cool gewesen. Raus aus diesem Swimming-Pool aus Blut.

Ihre Geschichte war schlecht, aber sie erzählte sie sich trotzdem gerne. Sie war immer zwölf oder fünfzehn oder irgendetwas gewesen. Sie hatte keine Geschichte gehabt oder zu viele. Man hatte sie immer geschnappt. Sie war immer in diesen Kinderheimen gelandet. Man hatte immer gemeint, sie sei aus Rumänien oder von einer Zigeuner-Bande. Immer hatte sie bleiben wollen, immer hatte sie die Träume gekannt und nie hatte sie jemand verstanden.

Sie musste den Scheiss aus ihren Ohren kriegen. In ihrer Ohrmuschel steckten wahrscheinlich Blut, Gehirn und alles Mögliche drin. Aber ihr ging die Zeit aus. Sie wurde stärker, irgendein Arschloch hatte schon wieder einen Traum und wollte alle möglichen Vibratoren in seine Freundin hineinstecken. Ein Mami weit weg träumte von einem Ausflug mit einer Kutsche. Es nahm einfach kein Ende. Ihre Augenlider waren verklebt und wenn sie versuchte zu fluchen, kotzte sie schon wieder.

Der erste Sprung. Das Schifferkinderheim in Kleinhünigen. Die Glocke im Gang, ein paar Tage, ein paar Wochen vielleicht, in denen sie eine Heimat gehabt hatte, ohne, dass jemand sie verurteilt hatte. Duma, die alle Sprachen sprechen konnte, hatte ausgerechnet hier angefangen zu sprechen. Schnell hatte sie hier auch gemerkt, sie kannte alle Bücher, die Quantenphysik und die Computercodes mühelos, da das alles schon einmal jemand geträumt hatte. Auch ein Rheinschiff hätte sie recht mühelos steuern können.

Duma war sprachlos gewesen, die Bedrängnis, endlich alles richtig zu machen. Für Frau Rickenbach hätte sie alles getan. Aber damals war sie stärker geworden, die Bilder mehr. Sie konnte sich nicht wehren, sie verschlief eben als Schülerin manchmal, fast hatte sie geglaubt, sie könne ein normales Mädchen sein. Sie wollte nur normal sein. Aber Frau Rickenbach wurde strenger. Frau Rickenbach sagte: «Weißt Du, vielleicht kann ich dich nicht behalten, ich kann dich nicht für immer beschützen, obwohl ich weiss, dass du es versuchst, glaub mir.» Duma war damals nicht aus Wut gesprungen. Als sie sprang hatte sie Frau Rickenbach aufgegeben, die Hoffnung jemals ein normales Mädchen zu sein. Das war ihre ganze Geschichte.

«Was zum Teufel?» Die nette Sigristin hatte sie gefunden und kotzte sofort neben ihre Kotze.

«Nur einen Moment», flüsterte Duma. Sie sah, dass Emilia einen tollen Schal hatte und sie spürte, sie hatte einen guten Arm. «Verzeih mir», meinte sie und putzte und spuckte für einen Moment.

«Ich bin gefallen, aber ich habe das nicht gewollt», sagte Duma und versuchte die Frau anzusehen. «Hier drin redet ihr immer von diesen Dingen und ich bin schlecht gesprungen und der Chef … ».

«Sie müssen ins Spital, spielt doch keine Rolle, wer sie sind, sie müssen doch nicht solche Ausreden bringen.»

Ganz neu war das für Duma jetzt nicht. Sie konnte ein bisschen besser reden: «Hör’ mal Emilia, ich muss hier raus, sonst ist klar, dass ich das alles kaputtgemacht habe. Aber ich bin etwas, dass es für euch nicht gibt. Hilf mir einfach, es geht noch ein bisschen, bis ich wieder springen kann.» Die Prinzessin der Träume hatte Angst. Sie war schwach. «Ich hole Wasser», sagte Emilia und Duma wusste, die Sigristin hatte vor dem Einschlafen einen Krimi gelesen und von Chicago geträumt. Sie musste aufstehen. Da waren Glockenschläge von den Türmen und dann käme der Traum. Mitternacht. Der letzte Traum. Und sie konnte nicht einmal springen.

Bild: Gaston Roulstone/Unsplash

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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