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AHOI KEVIN!

So. Nach ein paar, einem Paar, also zwei, zwei gescheiterten Beziehungen dachte ich, es wäre klug das Beuteschema zu ändern. Denn nicht nur ist der Zyniker mit künstlerischen Ambitionen bloß das männliche Gegenstück meiner Selbst, sondern ist eben dieser Typus Mensch auch anstrengend, sagte ich mir, wohl wissend mich selbst gerade als anstrengend bezeichnet zu haben.

Die Zyniker mit künstlerischen Ambitionen – also wir – wissen sowieso nicht genau, was sie – also wir – eigentlich wollen und wippen so ein bisschen durchs Leben, während die anderen mit vollem Körpereinsatz über die Tanzbühne namens Lebens gehen, kosten ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, nur um dann nasenrümpfend: «Jää, ich weiss halt nöd, ob das etz wüki das isch oder obi doch nöd lieber öppis anders will.», von sich zu geben.

Anstrengend.

Gut.

Auf meiner Schiffsfahrt durchs Liebesleben, das nun seit einem Weilchen etwas einsam war, kam mir ein Schiffchen entgegen. Nennen wir es Kevin, denn Kevin ist das Namensäquivalent des BWL-Studiums, welches besagtes Schiffchen absolviert hatte, bevor es in meine Richtung steuerte. Zuvor hätte ich meine Piratenfahne im Wind wehen lassen, hätte ich ein Kevin Schiffchen gesehen, doch wegen neusten Ereignissen blies ein anderer Wind. Kevin und ich verabredeten uns. Eine Quasselstrippe dieser Kevin. Nicht, dass er nicht nett oder gebildet gewesen wäre. Aber er war eben ein Kevin. Ein BWL Yogi. Ein Mathematik Enthusiast. Ein stolzer Wirtschaft- und Finanzteil der NZZ Leser. Ein Automobilfanatiker.  Einer, der Dinge wie:

«Weisch, wänn d än Wii im Resi bstellsch,» – ja, er sagte ernsthaft «Resti» – «musch en lang stah la. Das heisst, dass d Ahnig häsch. Dänn nimmsch en chlyne Schluck und bhaltsch en churz im Mul. Wänn er dir dänn uf dä Zungespitze süess vorchunt, also sehr süess, dänn isch er nahgsüesst worde. Was nöd guet isch. Das heisst nämli, dass de Garprozäss beschleu- labber, labber, labber», in einem leicht belehrenden, sich kurz in einer Reflektionsfläche sehendem und sich selbst zuzwinkerdem Habitus sagte.

Neues Beuteschema, okay? Neues Beuteschema!

Ein erster Kuss muss einfach passieren. Der Moment muss da sein. Nicht bei Kevin. Kevin war der Auffassung, sich seinen zweite Date Kuss einfach zu nehmen mit der netten Vorwarnung: «Ich küsse dich jetzt no.»

Aha.

Neues Beuteschema!

Gegenseitiges Einverständnis ist wichtig, ja. Sogar das A und O, klar. Aber kam ich mir vor, als würde ich ein Geschäft abschließen:

………..

Sehr geehrte Frau ________________________________________

bitte bestätigen Sie mit Ihrer Unterschrift Ihr Einverständnis zum ersten Kuss und kreuzen Sie unten Ihre bevorzugten Techniken an.

Mit freundlichen Grüssen
Kevin Justin Weingut

………..

Nach ein paar weiteren Verabredungen wusste ich über seinen Werdegang Bescheid, hätte problemlos seinen Stammbaum ausfüllen können, wurde über seinen trockenen Humor informiert und auf seine tollen Geschichten hingewiesen, in denen er sich oft als abenteuerlustigen Junggesellen beschrieb, die ich dem Schluck Holunderblüten Tee, der mir gegenübersass, nicht ganz abkaufte.  Die nun obligaten Begrüssungs- und Verabschiedungsküsse waren genauso leidenschaftslos und angekündigt wie der erste Kuss.

Auf der Nachhause Fahrt eines erneuten Dates parkten wir irgendwo im nirgendwo, er küsste mich – erneut mit Ansage – und schlug vor, die bis dato FSK 12 taugliche Kusssession auf den Rücksitz zu verlegen. Da er so nett fragte, mein Nacken doch auch ein bisschen weh tat und Knutschen, auch mit einem Kevin, nicht ganz übel ist, stimmte ich zu. Das Geschehen endete in einer FSK 16 Fassung, da ich aus dem Alter, in dem es auf einem Rücksitz gipfelt, raus beziehungsweise (wie er) nie drin war.

Jää, ich weiss halt nöd, ob das etz wüki das isch, oder ob i doch nöd lieber öpis anders will.

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Kenza Nessaf

Autor: Kenza Nessaf

Die 24-jährige Kenza Nessaf, alias Waltraud Glocke, alias Trudi G, verdient ihre Brötchen – vor Allem aber ihren Alkohol – als Regieassistentin am Theater. Ihr mütterliches Italien und ihr väterliches Marokko und ihr momentaner Wohnsitz in Deutschland halten sie nicht davon ab, sich als waschechte Winterthurerin zu verkaufen. Um ihrem Ruf als Gutmensch gerecht zu werden, lädt sie nur ganze Alben illegal im Internet runter und keine Singles. Ihren Geburtstag feiert sie mit Woody Allen, weil Pablo Escobar nicht mehr kann und fröhliche Menschen vor dem Kaffee bezeichnet sie als „ein bisschen schwieriger“.

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