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Duma III: Wenn Engel träumen

Die Sirenen kamen näher, gerade als die Glocken der Kathedrale in den Türmen Mitternacht schlugen. Irgendjemand hatte der Polizei den Krach gemeldet, als sie gegen den Martinsturm gedonnert und die Brüstung durchschlagen hatte. Nachdem die Prinzessin der Träume übers Dach abgerutscht war, war sie in den Innenraum des Basler Münsters gefallen. Ihr Körper war zerschmettert und sie hatte erst vor einigen Augenblicken aufhören können, Blut herauszuwürgen. Die Sigristin des Münsters, die sie nach dem Sturz gefunden hatte, war Wasser holen gegangen. Ihr Körper war daran, sich zu erholen. Allmählich konnte sie an einer Hand wieder ihre Finger bewegen, da sie noch immer Blut in den Augen hatte, konnte sie das Loch das sie im Dach hinterlassen hatte nicht sehen.

Der Versuch aufzustehen, war vergeblich. Sie hatte nicht die Kraft dazu und ihre Knochen fühlten sich immer noch wie Matsch an. Es war nicht das erste Mal, dass sie einen Sprung versaut hatte. Ihre schlimmste Erinnerung war diejenige, als sie nach einer langen Nacht in Los Angeles mit Wodka und weissem Pulver und einem Trip an den Rhein hatte zurückspringen wollen und vor einem Zug gelandet war. Aber bei diesen Sprung hatte sie weder wegen Drogen noch wegen Parties versagt, sondern weil sie Angst gehabt hatte. Seit einigen Tagen war da draussen jemand, der den letzten Traum träumte. Immer wieder tauchte er jetzt als Fragment in anderen Träumen auf. Es war der erste Traum, der Traum, der alle anderen Träume überflüssig machte.

Duma hustete, spürte, dass sie langsam wieder atmen konnte, ohne gleich loszukotzen. Die Bilder schossen durch ihren Kopf nicht anders als sonst. Ihr fiel nichts Besonderes auf. Sie wusste nicht, ob es war, weil sie an ihren Sprung von LA gedacht hatte. Aber da waren Bilder von Dealern, die sich eine Schiesserei geliefert hatten. Und das erlebten sie jetzt bei einem Nickerchen wieder und wieder. Die Knallerei, das hässliche, saugende Geräusch, wenn die Kugel in deinem Oberschenkel klatscht. Das Zucken der Waffe in deiner Hand und den verdutzten Gesichtsausdruck des Typen, den du gerade killst und dessen Gesicht du nie mehr vergessen wirst.

Duma kannte das. Sie kannte es schon viele, viele Jahre lang. Der Schrecken von dem sich die Seele entlasten musste, die Schuld oder die vermeintliche Schuld, die in den nächtlichen Bildern immer wieder zurückkam. Als Prinzessin der Träume gab es eigentlich nichts, was sie nicht tun konnte. Aber sie wusste, dass sie den Menschen irgendwie half, die Träume zu ertragen. Sie trug sie mit ihnen. Das war ihr Ding. Sonst hätte es keine Prinzessin der Träume gebraucht. Ihr Körper war immer noch dabei zu bluten. An so einen Scheisssprung konnte sie sich wirklich nicht erinnern. Bis jetzt hatte sie Glück, dass die Basler Polizei offenbar nicht so richtig schnallte, was los war. Sie hatten die Sirene abgestellt und suchten die Umgebung rund ums Münster ab. Sie konnte die Stimmen von draussen hören. Was Sigristin Emilia so lange machte, konnte sie sich nicht vorstellen, aber vielleicht kostete es auch einige Überwindung zu einer aus dreissig Metern zu Boden gefallenen Frau zurückzukehren, die in ihrem eigenen Blut lag.

Es ist ja nicht so, dass es eine Engelsschule gibt, sagst du zu dir selbst. Seit du dich erinnern kannst, bist du ein Waisenkind, dass niemand behalten wollte. Ein schönes, aber etwas seltsames und unheimliches Mädchen. Es ist ja nicht so, dass du je gewusst hättest, was du wirklich tun solltest. Nicht so, als hätten dich am Anfang die Träume nicht schlicht und einfach fertiggemacht. Du hast ja nicht gewusst, dass es nicht deine eigenen sind. Du bist einmal ein kleines Mädchen gewesen. Einfach ein paar hundert Jahre lang.

Die Glocken hatten schon wieder aufgehört, sie suchte nach dem Traum. Es war ihre schlimmste Angst, aber immerhin wäre sie darauf vorbereitet. Die Kraft zu springen würde sie noch eine Weile lang nicht besitzen. Neben ihrer Niere steckte ein Holzsplitter. Sie hatte die Kirchenbank komplett ruiniert. Langsam spürte sie aber immer mehr Teile ihres Körpers. Die Finger waren fast alle wieder da. Ihre Beine waren gebrochen. Der Rücken auch. Aber das alles käme alles wieder zusammen. Was sie brauchte, war Zeit und viel Wasser, um das verdammte Blut abzuwaschen.

«Du musst einen Moment weggetreten sein», sagte Emilia und betupfte ihre Stirn ganz vorsichtig. Die Sigristin wusch Dumas linkes Auge sorgfältig aus. Duma sah das Loch in der Decke nicht besonders scharf, aber es sah nicht klein aus. «Ich habe manchmal gesehen, wie du auf dem Dach sitzt und auf den Morgen wartest. Aber ich habe geglaubt, es sei eine Täuschung, ein Traum.» Aus Emilias Träumen wusste Duma, dass Emilia Kinder hatte, sie gerne wandern ging und Freude an Musik hatte. Sie war eine gute Frau. Jemand, auf den man sich verlassen konnte. Sie sagte und spuckte einen Zahn raus: «Ich wollte dir keine Angst machen.»

«Ich habe über diese Dinge gelesen. Ich musste nochmal nachsehen.» Aber dann sah sie das Blut auf dem Boden und war kurz wieder besorgt. «Wir sollten einen Krankenwagen rufen.»

«Das wird schon, das wird schon. Ich muss hier weg.»

Emilia fragte: «Kannst du schon wieder trinken?» Die Sigristin zeigte ihr ein Glas Wasser. Duma, die sich nach einer Linie Koks sehnte, wusste, darum sollte sie in einer Kirche wirklich nicht bitten. Emilia hatte aber anderes im Sinn: «Es gibt nur einen ersten Traum.» Der Prinzessin der Träume fehlte die Kraft zu ächzen. Sie machte sich Sorgen wegen der Polizei. Die würden bald reinkommen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung. In der Mitte der Nacht fehlten im Moment die Sex-Träume. Aber die würden noch kommen. Da war sie sich sicher. Das Wasser lief über ihr Gesicht, sie schaffte es nicht zu schlucken. Seltsamerweise fühlte sie sich aber doch ein bisschen stärker.

Emilia gab sich Mühe, aber sie konnte sich nicht wirklich zurückhalten. «Die Engel sind gefallen und darum gibt es die Träume. Ist es diese Geschichte? Wer sonst könnte einfach da auf diesem Dach sitzen?» Duma lallte mehr schlecht als recht: «Es ist nicht so, dass wir diese Dinge wüssten oder ein Memo geschickt bekommen hatten.» Eigentlich hatte sie Emilia rausschicken wollen, um die Polizei davon abzuhalten ins Münster reinzukommen. Sie wollte ihr das sagen. Aber Duma spuckte nur Blut.

Es ist so, du kennst alle Träume, alle Rätsel. Du kennst Miltons Träume. Die Rebellion der Engel. Den Absturz in die Hölle. Du kennst den ersten Traum. Denjenigen, den Eva hätte träumen sollen. Ein Traum von einem Apfel. Ein Apfel an einem Baum der Erkenntnis. Aber ein Engel hatte ja nicht gereicht. Nicht einmal der Chef. Es war eine Schlange gewesen. Du liegst blutend am Boden auf dem Basler Münster. Für dich ist es eine kleine popelige Stadt. Aber du magst es, wenn der Morgen dämmert hier. Dort oben auf diesem Dach. Jetzt musst du hier raus. Sonst gibt es Ärger mit der Polizei.

Du kannst Emilia nicht erklären, dass klar ist, dass Engel nicht träumen sollten. Dass vielleicht so viel wahr sein könnte. Träume der Engel sind das Ende aller Träume. Vielleicht weil ein Engel den ersten Traum geträumt hat. Obwohl du keine anderen Engel kennst, ist dir seit langem klar, du bist einer der schwächeren. Deine einzige Kraft ist es, die Bilder der Menschen mit ihnen zu ertragen. Ihnen zuzuhören, wenn sie sich selbst nicht mehr zuhören können oder wollen.

«Ich bin nicht gerade ein cooler Engel. Ich bin stark, aber nicht so stark, wie die anderen, du musst mir helfen», sagt Duma, aber Emilia versteht nicht alles, was du lallst. Unterdessen poltern die Polizisten an die Türe. Auch wenn sie nicht wissen, was los ist, spüren sie, dass etwas los ist. Das Handy in der Jackentasche der Sigristin klingelt. «Ich bin nicht gefährlich», flüstert Duma und ein weiterer Zahn landet in der Blutlache auf dem Münsterboden. Emilia muss sich entscheiden. Es ist schwierig. Duma weiss, sie wird die Bullen reinlassen. Ambulanz. Polizei. Den lieben Gott selbst in einer Kathedrale einen guten Mann sein lassen. Die Ordnung darf nicht dem Ominösen weichen.

Du hast keine Erinnerungen. Du warst nie ein Kind. Da war nie ein Sandkasten. Du hast nur die Träume. Und dir bleibt nicht mehr viel Zeit. Aber da ist ein kleines Körnchen. Die Erinnerung an Frau Rickenbach. Sie hat zur dir gehalten. Sie hat dich nie rausschmeissen wollen, sie wollte nur, dass du früher aufstehst. Für kurze Zeit warst du im Schifferkinderheim OK gewesen, weil jemand an dich geglaubt hatte. Du hast keinen Ursprung, aber unmenschliche Kraft. Aber du hast keine Geschichte. Nichts, was du dir erzählen kannst, wenn du am Boden liegst. Sie erinnerte daran, dass sie in Kleinhünigen im Sandkasten gespielt hatte. Sie brauchte einen Ursprung, den Trost zu wissen, woher sie kam.

Du hast keine Kraft, aber irgendwie musst du rauskommen.

Emilia tat, was sie konnte. Sie versuchte zu erklären, ein Polizeieinsatz sei nicht nötig. Aber es war halbherzig und da lagen zu viele Steine und denkmalgeschützte Ziegel auf dem Pflaster neben dem Münster. Da war die Ordnung, die gewahrt werden musste. Die Sigristin kam zurück zu ihr, schaute sie an und kotzte neben die Kotze von vorhin. «Wir müssen dringend eine Ambulanz holen.» Duma fürchtete sich davor, dass der Traum beginnen könnte. Heute hätte sie sich vielleicht sogar über einen Sextraum gefreut, obwohl sie das sonst banal fand. Emilia machte das Licht an. Die Dinge mussten geregelt werden, Ordnung musste her. Gleich würde sie den Polizisten die Türe öffnen müssen.

Ich weiss, dass ich nicht springen kann, also muss ich kämpfen. Es ist nicht schlimm, wenn mich die Polizei mitnimmt, aber es geht nicht, weil da dieser Traum ist. Der letzte Traum. Ich drehe mich um. Ich spucke noch ein paar Zähne aus. Ich muss mich daran erinnern, dass ich auf keinen Fall Emilia erwischen will. Ich werde die Männer zurückdrängen und brauche einfach etwas Zeit, weil ich gehen muss, solange bis ich sicher bin.

Ein halbes Dutzend Basler Polizisten standen ratlos um sie herum. Sie hatte in ihrem Körper nicht viel Gefühl. Sie richtete sich auf und versprühte rotes, kaltes Blut. Ihre Verzweiflung war kein Zorn und es tat ihr leid, dass die Beamten noch lange davon träumen würden. Der letzte Traum hatte begonnen. Immerhin sie hatte einen Arm ganz zur Verfügung und ungefähr eineinhalb Beine. «Das ist nur eine Frau», sagte einer und wenn sie schnell gewesen wäre, so hätte sie ihn erwischt. Am Ende reichten ein paar mittelmässig schnelle Moves, die Drohung und vielleicht der gruselige Anblick.

Sie packte einen jungen Mann energisch am Hemdkragen neben dem Funkgerät, sie hatte nicht die Kraft ihn wegzuschmeissen, aber weg war er trotzdem. Der zweite wollte sie packen, doch schon nur, wenn sie sich drehte, regnete es Blut von ihrem T-Shirt. Duma humpelte auf die Pforte des Münsters zu. Die Uniformierten blieben erstarrt. Sie konnten sich nicht vorstellen, die blutende Frau zu Boden zu ringen.

Du darfst nicht ungeduldig sein. Es ist ihre Arbeit. Du darfst sie nicht zu hart schlagen. Aber sie nerven. Im Eingangsbereich stehen zwei Polizisten und ich schlage sie trotzdem. Mein linkes Bein ist scheisse. Aber ich will ja nur meine Ruhe. Emilia rennt mir nach und fragt, ob ich sie mir helfen könne. Der verdammte Engel träumt und ich hoffe, ich habe niemanden umgebracht. Das Pflaster auf dem Platz ist uneben, es macht mir zu schaffen. Ich darf das Gleichgewicht nicht verlieren, sonst muss ich davonkriechen.

In meinem Kopf ist das böse Flüstern des träumenden Engels. Die Bilder sind nicht klar, aber sie sind jede Nacht stärker geworden. Ich schleppe mich in Richtung Brücke, ich warte auf die Kraft springen zu können. Meine Knochen fühlen sich stabiler an. Ich blute etwas weniger. Gegen diesen Traum kann ich nichts tun, dieser Traum wird mich zerstören und alle anderen Träume beenden. Die Angst schüttelt mich und da ist nichts, was ich tun kann.

Duma spürte, sie fing auch an zu träumen. Das Pandämonium war wie ein Wind in ihr. Die Ahnung von der Heimat der gefallenen Engel. Die Ahnung einer Rebellion, die Ahnung von neuen Dingen und Engel, die sich um einen schlecht riechenden Tümpel versammelten und darüber sprachen, wie sie die Welt verändern würden. Da ist der Garten von Eden. Der Ursprung. Da ist die Schlange, weil Träume nicht gereicht haben. Der Verlust der Unschuld. Die Erkenntnis.

«Sie sind umstellt, nehmen Sie bitte die Hände hoch, Widerstand ist zwecklos», die Bullen hatten ja nur dem Blut folgen müssen. Du hast die Mauer aus Kastenwagen nicht gesehen. Die Polizisten tragen ihre Kampfmontur. Schwarz wie der Teufel. «Dumm gelaufen», denkst du und gehst erst einmal weiter. Über die Wände der alten Häuser gleitet hektisches, blaues Licht und du weißt noch nicht, was du tun sollst. Du gehst auf die Knie. Auf der Welt gibt es im Moment nur einen Traum. Alle Menschen träumen jetzt das Gleiche. Die Prinzessin der Träume ist machtlos. Du siehst, wie sich zwei Polizisten aus der schwarzen Mauer lösen. Alle Menschen träumen das Gleiche und du kippst vorneüber.

«Geht es ihnen gut?», fragte der Mann unter dem Helm. Duma spürte schwach die Spur eines kleinen Traums. Sie konzentrierte sich. «Sie ist voller Blut, wir brauchen eine Ambulanz.» Duma spürte, sie konnte sich irgendwo festhalten. Ein Mädchen träumte von Puppen und von Spielzeug, das irgendwo in ihrem Zimmer lag. Vielleicht auch von einer App über Einhörner. «Wir lassen sie liegen, wir dürfen sie nicht bewegen, das ist zu gefährlich.» Die Polizisten liessen sie liegen, einer brachte eine Decke. Die Sanitäter machten eine Menge von sinnlosen Dingen, die Duma egal waren. «Da sind sehr viele Knochen gebrochen. Es scheint, als wäre sie von weit oben heruntergefallen», sagte der Sanitäter. «Können Sie sprechen, was ist mit Ihnen geschehen?»

Die Prinzessin der Träume hätte gern noch einen Zahn ausgespuckt. Duma fühlte sich allmählich stärker. Vielleicht hätte sie sogar springen können. Aber sie hielt sich an dem kleinen Traum fest. Am Bild eines kleinen, rosa Einhorns. Das war alles, was sie hatte. Sie wurde auf eine Bahre geladen. Schwer bewaffnete Polizisten begleiteten sie, als man sie in die Ambulanz hineinschob. Es fing wieder an. Eine weibliche Brust, ein Albtraum von einer kleinen, schmalen Brücke und einem tiefen Abgrund. Der erste richtige Perverse war in dieser Nacht sogar ein Trost. Sie spielte mit der Zunge mit einem Zahn, ihre Zähne wuchsen jetzt schnell nach und jetzt hatte sie schon zu wenig Platz im Mund. Sie spuckte ihn aus und der Polizist, der sie bewachte, sagte: «Sie sind verhaftet.» Als die Ambulanz losfuhr, träumten die Menschen wieder. Aber der letzte Traum würde wiederkommen.

Foto: Carlos Dominguez/Unsplah

 

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Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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