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Generation Mimimi

Lange Zeit war Politik uncool, das hat sich im Laufe der letzten Jahre geändert. Heute ist Demokratie geil, Abstimmen hip, und wer nicht wählt doof. Mitreden heisst die Devise – Sach- und Detailkenntnis: irrelevant. Denn schliesslich hat man Recht und Unrecht irgendwie im Gefühl. Recht ist, was mir in den Kram passt und zu einem Vorteil verhilft. Unrecht, was ich nicht brauche, was anderen einen Vorteil verschafft. So hat sich jeder mal eben ganz schnell eine eigene Meinung gebildet. Würde es dabei bleiben, hätten wir dadurch einfach eine höhere Wahlbeteiligung als damals, und Volksentscheide wären damit etwas breiter abgestützt und legitimiert.

Ho, Ho, Hoooligans!
Aber nein, so einfach ist es nicht. So richtig spannend ist nämlich nicht das Spiel auf dem Grün, sondern das Geschehen abseits vom Spielfeld. Längst hat sich um die brisanten Themen unserer Gesellschaft ein wahrhaftiger Demokratie-Hooliganismus entwickelt. Zwar finden die meisten „normalen“ unter uns erwachsene Männer doof, die sich im Rahmen eines Fussballspieles vor dem Stadion gegenseitig verprügeln. Sich hingegen im Vorfeld einer Abstimmung bar jeglichen Anstandes verbal auf die Rübe zu geben, ist längst zur Normalität geworden. „Ist doch spannend, wenn die Emotionen etwas hochgehen!“ Ist es schon. Dabei aber einfach drauflosbrüllen und Andersdenkende mit Schimpftiraden einzudecken, ist einfach nur erbärmlich und hat rein gar nichts mit gelebter Demokratie zu tun.

Ein Beispiel, das uns allen noch in den Knochen steckt, war die No-Billag Initiative. Landauf, landab, sogar bis weit über unsere Landesgrenzen hinaus wurde die Abstimmungsvorlage zur Glaubensfrage hochstilisiert. Hinz und Kunz hatte endlich die Gelegenheit sich dazu zu äussern, was die Sendung Glanz & Gloria doch für ein Schund sei, und dass man sein geliebtes Geld ganz bestimmt nicht für diesen Boulevard-Pseudojournalismus zum Leutschenbachfenster hinausgeschmissen sehen wolle. Ungeachtet dessen, in welcher Relation die Produktionskosten für ebendiese Sendung zu den SRG Gesamtausgaben stehen. Item.

Wir brauchen Platz!
Während es ziemlich ruhig ist um die beiden kommenden eidgenössischen Abstimmungsvorlagen (Vollgeld-Initiative: Hier kommt schlicht keiner draus worums geht; Geldspielgesetz: Das finden lediglich die Jungfreisinnigen blöd), brodelt es in der Stadt Zürich ordentlich. Und zwar dann, wenn über den Sechseläutenplatz diskutiert wird, rsp. über die Initiative, die den heissen Steinplatz von lästigen Veranstaltungen befreien will. Die Initianten wünschen sich eine öde Steinwüste, die Gegner weiterhin lebhafte Events. Ganz leer soll der Platz aber schon nicht sein. Typisch schweizerisch ist „es Bitzeli“ ganz okay, und das eine oder andere dürfe trotzdem noch stattfinden. Und hier geht nun die Zankerei los: Die Wurstbude unter dem Deckmantel „Wienachtsdorf“ soll verschwinden, niemand brauche diesen Kommerz, und obendrein sei der Glühwein viel zu süss, heisst es da in den Kommentarspalten. Veganen Aktivisten ist der Zirkus Knie mit seinen Tieren ein Dorn im Auge, anderen Spassbremsen die Street Parade oder Linksträgern die rechtsbürgerliche Zunftpfadiübung mit Bööggexplosion. Die Devise heisst heute einfach: Nimm dir eine Abstimmungsvorlage, packe alle deine Frustrationen und Wünsche rein, und dann schlage blind vor Wut wild um dich und mache alle nieder, die sich dir auf deiner Vernichtungspromotour in den Weg stellen.

NEIN.
Oder: Überlege dir, ob du dich mit deinen Befindlichkeiten einfach mal hinten anstellen könntest. Vielleicht gibt es ja Menschen, denen die Veranstaltungen auf dem Sechseläutenplatz gefallen. Vielleicht gehst du einfach nicht hin, wenn etwas stattfindet, das nicht deinem Geschmack entspricht. Vielleicht setzt du dich, falls an einem Ich-möchte-mich-heute-auf-einen-Platz-setzen-Tag gerade das Zürcher Filmfestival über die Sechseläutenbühne geht, oder das Wienachtsdorf, oder die Street Parade, oder der Zirkus Knie, ganz einfach mit einer Picknickdecke, losgelöst von jeglichem Kommerz auf den Rosenhof, auf den Lindenhof, in die Stadthausanlage, auf die Rentenwiese, an die Seepromenade, auf den Turbinenplatz, auf die Pestalozziwiese, in den Chinagarten, in den Platzspitz Park, an den Schanzengraben, in den Friedhof Sihlfeld, in den Rieterpark, in den Alten Botanischen Garten, in die Bäckeranlage, auf die Kollerwiese, ins Kasernenareal, auf die Fritschiwiese, in den Unispital Park, in den Irchelpark, auf die Josefwiese – oder auf einen der anderen zig wunderschönen Flecken, die dir Zürich zu bieten hat. Und möglicherweise wirdst du es plötzlich als eine pure Selbstverständlichkeit empfinden, am 10. Juni ein NEIN für die unsinnige „Freier Sechseläutenplatz“ Initiative in die Urne zu werfen.

Sechseläutenplatz – Vielfalt bewahren!

 

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Pete Stiefel

Autor: Pete Stiefel

Pete konnte pfeifen, bevor er der gesprochenen Sprache mächtig war – und an seinem ersten Schultag bereits schreiben. Trotzdem ist er da noch einige Jahre hingegangen. Danach schrieb und fotografierte er fürs Forecast Magazin, für Zürichs erstes Partyfoto-Portal stiefel.li, fürs 20 Minuten, MUSIQ, Q-Times, Party News, WORD Magazine, war Chefredaktor vom Heftli, lancierte das Usgang.ch Onlinemagazin – und er textete für Kilchspergers und von Rohrs Late Night Show Black’N’Blond und Giaccobo/Müller. Er trägt (vermutlich) keine Schuld daran, dass es die meisten dieser Formate mittlerweile nicht mehr gibt.

Irgendwann dazwischen gründete er in einer freien Minute seine eigene Kommunikationsagentur reihe13, die seit nunmehr 13 Jahren besteht. Er ist mittlerweile in seiner zweiten Lebenshälfte, Mitinhaber vom Interior Design Laden Harrison Spirit, schreibt für seinen Blog Living Room Hero und Pointen für Giacobbo / Müller und jetzt auf dem Planeten Kult gelandet. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser Schritt für Pete.

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