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Strannyy oder In der Nacht kommt alles zurück

«Sie sollte schon längst tot sein, sie blutet wie ein Schwein», sagte der Sanitäter und versuchte herauszufinden, wo er mit der Versorgung anfangen sollte. Er versuchte, ihren Körper abzutupfen, aber da war immer noch zu viel Matsch. Das Innere der des brandneuen Ambulanzwagens sah aus wie ein Raumschiff. «Pass auf, sie ist wach», sagte der zweite Sanitäter und fragte Duma, ob sie ihn hören konnte. Sie spuckte ihm einige Zähne vor die Füsse. Inzwischen waren neue nachgewachsen und sie hatte zu wenig Platz in ihrem Mund. Neben den Zähnen breitete sich eine Blutlache aus und der Ambulanzwagen sah plötzlich weniger neu aus. «Keine Ahnung, was wir machen sollen, sie hat fast alle Knochen gebrochen.» Sie fand den ersten Sanitäter ganz schnuckelig. Die Prinzessin der Träume stellte fest, dass es in ihrem Königreich ruhig zu ging. Die Traumatisierten und Perversen hatten gerade Pause.

Duma konnte sehen, dass Raul, der Sanitäter, oftmals von dicken Holzstämmen, die auf Flüssen trieben, träumte und von Bauarbeiten, die er nicht rechtzeitig fertig bekam. Er hatte Bilder von seiner Kindheit und seinem Vater, der hatte die Holzarbeiten offenbar immer schneller fertiggekriegt als sein Sohn. Der zweite Typ interessierte sie weniger, aber sie spürte, seine Träume waren schwieriger er war unzufriedener und hatte am Ende «Fifty Shades Of Grey» doch zu ernst genommen.

Aber das war auch harmlos. Der Fahrer vor ihr hatte Schuldgefühle wegen seiner Scheidung. Er träumte davon seinen Sohn in Einkaufszentrum St. Jakob-Park zu verlieren.

Die Typen fummelten an den Defibrillatoren herum, obwohl ihr Herz mächtig und langsam schlug. Sie wusste, dass sie stärker und stärker wurde. Duma fragte und hoffte, sie würden sie verstehen: «Habe ich vorhin jemanden umgebracht?» Als die Sirenen gekommen waren, hatte sie nur abhauen wollen. Der letzte Traum hatte begonnen und sie hatte nicht gewusst, ob es noch einmal gut ginge. Denn wenn der Traum begann, hörte die Welt auf zu träumen, wenn die Welt aufhörte zu träumen, hörte sie auf.

Raul antwortete: «Ich glaube nicht, dass sie in ihrem Zustand jemanden würden umbringen können, Sie haben viel Blut verloren.» Es war so eine Sache. Duma konnte meist mit ihrer Kraft gut umgehen, aber nach dem Sturz ins Basler Münster, hatte sie ihren Körper nicht unter Kontrolle gehabt. «Sie könnten doch funken, die Polizei fragen. Ob die alle in Ordnung sind. Die im Münster waren…»

«Beruhigen Sie sich, wir müssen zuerst schauen, ob Sie wieder in Ordnung kommen.» Dem Engel war klar, dass sie bald wieder würde springen können. Obwohl der letzte Sprung kein Erfolg gewesen war: Zuerst war sie in den Martinsturm und dann durch das Münsterdach geknallt. Woraufhin sie der Polizei eine Schlägerei geliefert hatte. Auf der Flucht vor dem letzten Traum hatte sie gehofft, in Basel Antworten zu finden und hatte es verkackt. «Ihr braucht die Dinger nicht, mein Herz ist in Ordnung», versuchte sie zu sagen, aber vielleicht verstand man sie immer noch nicht. Die Sanitäter wollten ihr eine Transfusion stecken, zögerten aber, weil es ihr besser zu gehen schien und sie keine Ahnung hatten, was sie tun sollten.

Der zweite Sanitäter dachte, es würde nicht schaden können, endlich eine Nadel in sie hineinzustecken. Duma wünschte sich Ruhe und fluchte ihn an: «Ihr seht doch, dass die Werte ganz gut sind. Da könnt ihr mich doch in Ruhe lassen.»

«Sie haben viel Blut verloren, sie … Es ist nicht möglich.» Sie fand Raul wirklich den netteren von den beiden. Dann steckte die Nadel in ihrem Arm und sie spürte, dass Ruhe sie durchströmte. Drogen begeisterten die Prinzessin der Träume immer wieder. Und das hier erinnerte sie an Koks. Sie war zufrieden. «Sie ist ruhiger jetzt», sagten die Sanitäter zu den Polizisten. Die beiden Typen, die sie bewachen mussten, waren keine schlechten Kerle. Der eine war vielleicht unsicher, was seine Männlichkeit anging. Aber eigentlich war er nicht von der schlimmen Sorte.

Sie packte den netten Sanitäter am Handgelenk und versuchte, so deutlich wie möglich zu sprechen: «Habe ich jemanden gekillt, das könnt ihr doch rausfinden.» Sie versuchte, den Typen energisch anzusehen, aber das zweite Auge war immer noch mit Blut verklebt. «Wir wissen nichts Schlimmes, Sie haben sie wohl mehr erschreckt. Was auch ein Wunder gewesen wäre, sie haben fast alle Knochen gebrochen.» Duma fand die Drogen hervorragend und wusste auch nicht, ob sie wirklich diskutieren wollte. Die Geschichte mit ihren Knochen war nun nur noch eine Frage von Minuten. Sie würde eigentlich bald wieder springen können. Aber sie mochte die Schmerzmittel.

Die Ambulanz fuhr behutsam los. Der Weg vom Münster bis zum Spital wäre nicht weit. Duma hätte sich eigentlich entscheiden müssen. Die beiden Polizisten zogen ihre Helme aus und legten die Schlagstöcke auf den Gitterboden des Fahrzeugs. Eine Frau, die in ihrem Blut lag, machte ihnen keine Angst. «Das ist ein Rätsel, warum wir die jetzt bewachen müssen. Sie ist zerschmettert.»

«Sie hat trotzdem ein paar von uns noch erwischt. Wir haben den Auftrag und den ziehen wir jetzt durch.»

«Da haben wir schon schwierigeres gemacht. Sie sieht nicht gut aus.»

Die Prinzessin der Träume hasste Gewalt und war gleichzeitig zum Schlimmsten fähig. Aber sie kannte die Träume der Menschen. Sie kannte sie schon viel zu lange. In der Nacht kamen die Geräusche zurück. Die brechenden Knochen. Das Gefühl, wenn das Messer durch die Haut stiess. Der Knall einer Waffe. Es ging nie gut. In der Nacht kam alles immer zurück und wurde schlimmer. Egal, ob du schlägst, stichst oder schiesst, egal, ob du geschlagen, erstochen oder erschossen wirst in der Nacht kommt es zu dir zurück. Immer.

Auf dem Basler Notfall hatten die Ärzte die Rapporte der Sanitäter. In den frühen Morgenstunden gab es auch schon Meldungen im Radio. Polizeieinsatz. Kaputtes Münsterdach, Schäden am Martinsturm. Eine Frau wurde eingeliefert, die den Rücken, beide Beine und Arme gebrochen hatte und trotzdem noch ein paar Polizisten verprügelt hatte. Im übers Alarmsystem verfügbaren Polizeibericht war von ziemlich viel Blut die Rede und davon, wie man es in der Rittergasse Richtung Wettsteinbrücke gefunden hatte. Irgendwo sei die Frau, deren Identität ungeklärt sei, dann zusammengebrochen.

Notfallärztin Eveline Martin hatte eigentlich gedacht, es würde sie nicht mehr viel überraschen können. Als sie auf die Intensivstation gerufen worden war, hatte sie einen zerstörten Körper erwartet. Sie sah aber nur eine Frau, die mehr oder weniger friedlich dalag. Gott mochte wissen, wovon sie träumte. Man hatte sie schon in der Ambulanz sediert. Provisorisch die Knochenbrüche gerichtet und versucht, ihr Leiden zu lindern. Mehr konnte man nicht machen, weil man Schäden an den Organen beim Transport vermeiden wollte. Auf dem Weg waren die Werte von Herz und Atmung schon besser geworden. Vor der Operation hatte man sich um die Blutwerte gekümmert. Dieses verdammte Weib war ein Junkie. Sie hatte fast alles intus, was man intus haben konnte und noch mehr. Bevor sie gemacht hatte, was auch immer sie gemacht hatte, musste sie einen halben Berg Koks gesnifft haben.

Im OP1 des Kantonsspitals war alles vorbereitet. Duma war bereit. Sie kannte die Albträume von Eveline Martin. Sie hoffte, die Ärztin würde sie in Ruhe lassen. Denn Martin hasste ungeklärte Fragen und diese Fragen quälten sie jede Nacht. Duma hätte ihr sagen können, sie solle es loslassen. Es mal gut sein lassen und auch, dass eine Ärztin nicht jeden retten können würde und sie nicht zu streng mit sich selbst sein müsse. Aber sie hoffte, einen Moment bleiben zu können. Nur noch ihr Rücken brauchte etwas Zeit, bis er wieder in Ordnung wäre. Aber sie mochte die Medikamente. Sie war wirklich high. Mochte sein der Chef dachte, man kann die Menschen für nicht viel brauchen, aber das mit den Drogen bekamen sie ganz gut hin.

«Wir werden nur den Rücken stabilisieren. Ich kann zwar nicht sagen, was hier vorgeht, aber die Patientin erholt sich schnell», sagte Martin. Eine Schwester holte Schaumstoffelemente, die man an ihren Oberkörper drückte, bis sie sich nicht mehr bewegen konnte. Das EKG zeigte, dass das Herz der Frau stark und sicher schlug. Unmöglich eigentlich bei diesem Blutverlust. So gut es ging, wuschen die Krankenschwester Blut, Knochensplitter und Hirnmasse von ihren Gliedmassen ab. Den Rest der Kleidung hatte man ihr einfach weggeschnitten. Vorsichtig befühlte Eveline Martin den Kopf. Der Schädel wirkte stabil, die Haare waren zwar dreckig und verschleimt, aber sonst schien nichts zu fehlen. «Irgendjemand will mich doch verarschen», dachte Martin. Sie überprüfte die Angaben auf ihrem I-Pad. Die Sanität hatte mehrfache Brüche an Armen und Beinen aufgezeichnet. Eine schwere Fraktur des Schädels. Davon war nichts mehr zu sehen. Zum Dossier gehörten Fotos und Scans, der ganze moderne Kram eben.

Sie wird mich in Ruhe lassen, ich bin ihr heutiges Rätsel, dachte Duma und lehnte sich zurück. Sie würde sich und Eveline Martin den Gefallen tun. Sie würde einfach ruhig daliegen und die Träume der Welt würden wie Wellen über sie hinweg waschen. Für ein paar Stunden würden sie ihre Heimat sein müssen, ihre Erinnerung, ihre Jugend und Kindheit, die sie ja nie gehabt hatte. Die Drohung des letzten Traumes hatte ihr gezeigt, was ihr alles fehlte. Die Dinge, von denen sie nicht einmal träumen konnte. Hätte die Prinzessin der Träume träumen können, so hätte sie von all den Kinderheimen geträumt, von den Pflegeeltern, die sie immer wieder weggaben, weil sie so seltsam war. Es hatte einfach zu lange gedauert, bis sie gemerkt hatte, dass die die Bilder und Visionen, mit denen sie nicht klarkam, nicht ihre eigenen waren, sondern die Träume der Welt.

Die Haare von Eveline Martin rochen fruchtig und doch nach Heu. Irgendeine Öko-Haarspülung. Überrascht hatte sich die Ärztin über sie gebeugt, so dass ihr Haar genau auf ihre Nase gefallen, etwas atemlos flüsterte sie: «Sie können schon wieder sprechen, nach allem, was wir in sie hineingepumpt haben? Verdammte Scheisse». Auch die Schwestern standen nun um die OP-Station herum. Sie wussten vielleicht nicht genau, was gerade lief, spürten aber die Überraschung der erfahrenen Operationsärztin. Duma sagte und spürte, dass sich ihr neuer Mund noch etwas fremd anfühlte: «Danke, dass sie mich in Ruhe gelassen haben, es geht schnell jetzt. Ich brauche nur etwas Ruhe.» Die Prinzessin der Träume dachte erneut daran, dass Eveline Martin Rätsel hasste. Sie versuchte zu beruhigen: «Ich kann manche Dinge schon erklären, ich brauche nur noch einen Moment. Ich werde gerne mit ihnen sprechen.» Eigentlich hätte sie jetzt schon springen können. Aber sie getraute sich nicht so richtig. Und sie dachte daran, wovon sie träumen würde, wenn sie hätte träumen dürfen. Und sie mochte die Drogen. Sie war richtig high. Sie sagte: «Ihr habt guten Stoff hier, ich mag ihn. Davon hätte ich gerne mehr.»

Dumas Erinnerungen waren immer gebrochen. Oft überlagert von unzähligen anderen Bildern und Eindrücken, die nicht zu ihr gehörten. Was das Kinderheim etwas ausserhalb von St. Petersburg anging, war sie sich aber ziemlich sicher. Noch heute hatte Duma den Geruch von Kohl in der Nase. Die Orientierungslosigkeit des kleinen Mädchens im Labyrinth der Strassen, die alle gleich aussahen. Im Vorort waren die Häuser normiert, acht Stockwerke, Erdgas, Strasse um Strasse, um Strasse, alles gleich. Als wolle man sagen: Kleines Mädchen, hier bist du noch kleiner. Im Heim hatten sich die Mädchen viel geprügelt. Es waren zu viele Kinder, als dass die Betreuer sie daran hätten hindern können. Duma dachte, sie sei vielleicht sechs Jahre alt gewesen.

Du weißt, dass du seltsam warst, du weißt nicht, wie du in Russland gelandet warst. Aber es kam dir wie eine lange Zeit vor. Das Wort «Strannyy» fandest du schön, es machte dich speziell, aber die Bilder überrollten dich oft, so dass du meist nicht genau wusstest, wo du warst. Der Schlaf war damals noch ein Geschenk. Noch erschien es dir nicht gefährlich zu schlafen und zu träumen. Und während du daran denkst, denkst du auch daran, dass du vielleicht auch zu Eveline Martin bald sagen müssen würdest, dass es keine Engelschule gibt.

Sie schieben dich durch lange Gänge, am Boden ist das Linoleum grün, die Wände sind in beruhigenden, aber lebensbejahenden Rottönen gehalten. Du warst «Strannyy» gewesen und wurdest irgendwann zu stark. Du hast nie viel geredet. Auch, weil du nie gewusst hattest, ob du darüber redest, was du erlebt hattest oder, ob es nur ein Traum war. Du bist ziemlich sicher, dass Darja zuerst auf dich losging. Du versuchtest gerade zu zeichnen, was du sahst, mit einem Bleistiftstummel auf der Rückseite eines Papiers einen Ort zu schaffen, an dem du sein konntest.

Du hattest Darja nicht einmal gehört. In deinem Kopf waren die Perversen, die nackten Hintern, die Schreie, die du nicht verstehen konntest, die Furcht vor Hunger und Tod, und immer wieder die Explosionen. Darja hatte natürlich keine Chance. Sie sprang auf dich drauf, und als du sie weggeschmissen hattest, krachte sie durch die Wand. Das Blut und ihr kaputter Körper waren so schlimm, dass du zum ersten Mal springen musstest.

Die Prinzessin der Träume rührte sich nicht, als sie ihr weitere Kanäle in die Venen steckten. Sie öffnete ihre Augen nicht, als das Bett endlich anhielt. Sie hoffte, die Medikamente würden noch mehr reinhauen. Dann würde es vielleicht leichter werden. Leicht werden würde es allerdings nie, denn die Prinzessin der Träume hatte sich gerade an ihren ersten Mord erinnert und daran, wie einsam sie gewesen war. Zwei Schwestern überprüften die Geräte, notierten die Werte. Alles war in Ordnung. Der Engel weinte schreckliche Tränen. Aber dafür waren die Apparate nicht zuständig.

Foto: Pixabay

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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