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Kann das endlich weg?

Ich bin eigentlich eine begeisterte Negativistin. Ich sehe bei allem schon das Disaster. Das ist ja sehr gegen den Trend: Man sollte positiv denken. Und das erstreckt sich mittlerweile auf den ganzen Tag, ja das ganze Leben des modernen Menschen. Und wenn er oder sie das nicht befolgt, droht Krankheit und der Tod. Was ja, wie ich meine, normal wäre. Kürzlich las ich also ein kleines Buch eines dänischen Philosophen, das mir gefiel, weil es das negative Denken anpries. Dies hätten die Stoiker der Antike auch so gehalten, denn sie waren überzeugt, dass das konsequente Andenken von möglichen Disastern glückliche Fügungen als schöne Überraschungen erst möglich machten. Denn: Was ist besser: Ui, das kommt Scheisse raus, ups, doch nicht ganz, na sowas, so nett? Oder, ui, das muss einfach gut ausgehen, denn ich bin ja eine Optimistin, ups, das kam jetzt aber Scheisse raus! Fakt: Ich wähle ersteres.

Ich bin aber ausgerechnet im tricky Feld der Freundschaft eine unverbrüchliche Positivistin. Weil ja stets geraten wird: Du musst Freundschaften knüpfen und pflegen, sonst hockst du im Alter alleine da. Was ja auch normal ist, glaube ich. Da konnte einer oder eine sich jahrelang noch so mies benehmen, ich zergrübelte mir den Kopf darüber, wie ich das Ganze retten konnte. Ich bin auch eine, die das zerschlagene, uralte Tablett zum xten Mal zusammenleimt, die kaputte Schale mit grosser Sorgfalt von Hand abwäscht, damit sie noch lange bei mir weilt. Ich könnte jetzt einige Beispiele von Freunden und Freundinnen aufzählen, die sich nie meldeten, ich brav schon, die, wenn ich für sie arbeitete (was man NIE tun sollte, das kommt immer schlecht heraus), mich kaltärschig beschissen, die mich mit ihren familiären und sonstigen Nöten stundenlang volljammerten, die an Verabredungen viel zu spät eintrudelten, dann empört abrauschten, wenn ich, die pünktlich dasass, äxgüsi schon mal einen Kafi bestellt hatte.

Und immer, wenn mir sowas passierte, dann war ich natürlich auch sauer, doch gleich kam der „Das klebe ich schon wieder intakt“-Mechanismus – denn im Grunde meinen wir alle es ja gut miteinander, gäll? – in Gang. Dabei hätte ich bloss negativer denken müssen: Dann hätte ich eher konstatiert, dass die oder der schlicht ein Schmock oder eine Profiteuse ist. Und ich notabene ebenfalls meine Agenda hatte. Also, natürlich nicht so mies wie die anderen, aber auch ein klein bisschen mies. Oder, also gut, ziemlich mies. Stattdessen redete ich mir die anderen oder mich selbst gut. Aber Menschen sind eben keine Tabletts oder Müeslischalen mit Sprüngen. Man kann etwas, was nie passte oder längst kaputt ist, nicht schönflicken. Oder schönficken, aber da schweife ich jetzt in sogenannte Liebesbeziehungen ab. Ein Thema, das längst nicht so diffizil ist wie Freundschaften.

Ich werde also künftig weiterhin konsequent negativ denken, neu auch in Sachen freundschaftlicher Beziehungen. Und mich hie und da nett überraschen lassen. Aber sicher nicht oft. Und jetzt stehe ich auf und haue die kaputte Müeslischale auf den Boden. Und das grusige Tablett auch gleich. Und dann bereue ich das sicher umgehend, denn es kommt ja sicher nix Besseres nach!

www.marianneweissberg.ch

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Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

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