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Die YB Meisterfeier

Um 14 Uhr wurde abgesperrt rund um den Bundesplatz – begonnen hat aber die ganze Geschichte vorher. Alles was gelb-schwarz war, wuselte sich in der Berner Innenstadt um die Rednerbühne beim Bundeshaus herum und zog später in einem Zug die Altstadt herunter. Alt und jung, Frau, Mann und Kind. Heute am 20. Mai war die Meisterfeier: ein Datum worauf wahre Fans lange warten mussten. Höchstleistung – den alles blieb friedlich, obwohl Unmengen von Leuten aus der Stadt und Umgebung gekommen waren und auch Ultras im Fanzug mitliefen, um sich immer wieder mit gelbem Rauch und Knallerei zu inszenieren. Natürlich war auch der Pokal mit dabei. Spieler auf einem YB Mobil in der Kolone tauchten die Trophäe während des Umzuges in die Masse der danach greifenden Hände ein.

Das alles wäre ja ok gewesen, aber: Da meine Wohnung sich Mitten im Fangelände der Altstadt befand, blieb mir an diesem Sonntag nichts anderes übrig, als die Flucht aus dem Bett heraus und die Notfall-Suche einer Alternative zu den ganztägigen Gesängen, Tröten, Knallfröschen und sich überschlagende Musik aus den Lautsprechern. So einfach sollten mich diese 25`000 YB Fans nicht aus meinem trauten Heim verscheuchen – Angriff war wohl die beste Verteidigung, sagte ich mir und ging mit einem der letzten Trams vom Ziitgloggen aus (das noch fuhr) ins Stade de Suisse: „Wenn ihr sozusagen durch meine Wohnung latscht, dann besetzte ich halt euer Stadion“.

So einfach würde das aber nicht werden, und so liess ich diesen beherzten Plan nach einem Lagecheck auch gleich wieder fallen. Den ich hätte lügen müssen, wenn ich gesagt hätte, dass noch niemand im Fussballstadion gewesen wäre. Ein paar Frühe hatten schon Plätze reserviert, und die ArbeiterInnen bauten die Bühne auf. Wenige Kinder rannten über das mit Plastikplatten abgedeckte Spielfeld – mal rollte auch ein Spielball vorbei. Ein kühler Wind zog durch die Betonkonstruktion, wo sonst auch die Sonne vom Himmel brannte. Etwas Erholung bot sich hier schon und so setzte ich mich in die Nähe einiger YB-Wurst kauenden Fans mitten in die Klappstuhlmeile auf der Tribühne. Als einziges vegetarisches Mitglied der Truppe hatte ich mal selber hier in einem der Container gearbeitet und Würste auf Pappunterlagen getischt. Es gibt Leute die sind „seven years in tibet“, und andere schuften Jahre in der Wurstbranche. Ich erinnere mich bildlich an die sieben Weihnachtssessen der Firma für ihre Mitarbeiter, wo sich auf meinem Teller immer nur ein Peterliröschen und ein Klecks Kartoffelbrei befanden, die anderen links und rechts neben mir schleckten sich das Fleischfett ab von ihren zehn Fingerchen. So war das, aber der Job war richtig Gold wert während der Studentenzeit.

Die YB Wurst und den YB Fussballclub kenne ich zwar, doch mir waren vor allen in der Vergangenheit die Fussball- Ultras einen Begriff – damals als das YB Stadion noch im Neufeld stand. Wir wohnten da in einem Abbruchblock an der Strasse in der Länggasse, wo die Radikalfans jedesmal ihren Zug in Richtung Reitschule fortsetzen wollten und beim Kreisel von einer Familienpackung Bullen mit Gitterwagen und in Vollmontur scharf rechts ins Innere des Quartiers abgelenkt wurden. Natürlich nicht kampflos. So aus dem dritten Stock aus mit einer Cola und einer Handvoll Pop Corn beobachtet, sah dieses Manöver dann ziemlich sportlich aus. Besser als im Fernsehen (obwohl ich in der Tiefe meines Herzens Pazifist bin und solche Gewaltexzesse gefährlich und überhaupt scheisse finde), der sowieso das nächste WG Mitglied beim Auszug mitnehmen wird. Wir hatten damals in unseren arbeitslosen Zeiten eh nichts Besseres zu tun, als um einen verfaulten Kopfsalat im Kühlschrank zu pokern oder uns in die zweite Halbzeit im Kino zu schleichen, um halbe Filme zu schauen. Bern ist zu einer Art Bilderbuch für mich geworden: in jeder Ecke finden sich Erinnerungen an geile oder weniger geile Zeiten, in die ich versinken kann, wenn ich an ihr vorbei gehe. Draussen vor dem Stadion kündet sich schon die erste Tranche des Fan Mobs  an. Zeit zu gehen – sicher ist wieder Ruhe in der Altstadt eingekehrt, so dass ich zurück endlich ausschlafen kann. Good night later, alligator.

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Autor: Sabine Hunziker

Man behauptet, dass Katzen sieben Leben haben. Nacheinander. Manchmal glaube ich, dass ich auch sieben Mal lebe, dies aber nebeneinander und immer wenn ich einen chinesischen Glückskeks breche und esse, dann seht da auf dem Zettel: „machen Sie jetzt nicht den gleichen Fehler!“

Was ist zwischen Geburt und Tod eingeklemmt? Nach einer Schneiderlehre, einem Uni-Studium und ein paar geschriebenen Büchern später ist mein nächstes Ziel eine Boxschule in Mexiko zu eröffnen.

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