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100

Wenn er nur dieses verdammte Zimmer abgelehnt hätte. 100. Die Zahl hatte Sid noch nie Glück gebracht. Als Nancy mit ihrer grellen Stimme „Mr. und Mrs. Ritchie“ rief und dabei mit spitzen Nägeln auf den Empfangstresen klopfte, hätte er ihr am liebsten die Fresse poliert. 100. Das Mädchen war fast erblindet, als er im Club 100 eine Flasche zerschmettert hatte und die Splitter sich in das Auge bohrten. Grün mit gelben Einsprengseln, Luchsigatorenaugen mit einem blendenden Weiß, aus dem plötzlich hellrote Tropfen quollen. Musste sie ihn wieder an diese Scheiße erinnern? Tack, tack, tack. Die Nägel hämmerten monoton auf das Holz. Am Mittelfinger ein schmaler Silberring mit einem spitzen, dunklen Stein. Von wem hatte sie ihn wohl: Johnny Thunders, Richard Hell oder von diesem Idioten von Aerosmith? Sie war eine Schlampe. Glassplitter spiegelten sich in ihrem Gloss, den sie um ihr Hundeschnäuzchen geschmiert hatte. Er beugte sich vor und leckte ihr die Unterlippe ab. Sie kicherte, tänzelte wie ein Lipizzaner-Pferdchen auf der Stelle und klimperte dabei mit den Zimmerschlüsseln. Stute, flüsterte er ihr ins Ohr, beäugte dabei den Portier, der sich gelangweilt wieder seiner Zeitung zuwandte. Stute, schrie er jetzt und schlug mit der flachen Hand auf Nancys kleinen Arsch. Ein bellendes Geräusch drang aus ihrem verschmierten Mund. Diese Hündin. Sie bellte, spürte wahrscheinlich noch den Schwanz des fetten Schwarzen, der sie von hinten bestiegen hatte. Sid saß breitbeinig dabei vor ihr und schaute ihr in die Augen, bis sie hechelte unter flatternden Lidern, die Wangen rot, die Hände in den Dreck gekrallt. Er zog sie an sich, die Gegenwehr war milde, und gab ihr einen Handkuss. Mr. und Mrs. Ritchie begeben sich jetzt zur Ruhe, sagte er gestelzt, im feinsten Oxford-Englisch, einen Freier seiner Mutter parodierend, der ihm mit seinem Gehstock einmal fast den Arm gebrochen hätte. Ja, Mr. und Mrs. Ritchie begeben sich jetzt, wiederholte sie lallend, machte eine kurze Pause, als habe sie eine Eingebung, wandte sich noch einmal zum Portier um und schrie: Mr. und Mrs. Ritchie, Mr. Sid Vicious, Mr. Sex Pistol, Seine Königliche Hoheit und seine Schlampe Nancy Spungen gehen jetzt ficken.

Sie schlang ihre Arme um Sids Hals und klammerte sich an ihn wie ein ertrinkendes Kind. Deshalb liebte er sie: Es war ihr scheißegal, was die Leute dachten, ob Johnny und Malcolm sie für eine durchtriebene Junkienutte hielten. Sid war ihr ein und alles, ihr Retter, ihr Gott. Als er den Schlüssel im Schloss drehte, starrten seine Augen in die beiden Ringe der vermaledeiten Zahl. 100. Nancy folgte seinem Blick und bohrte ihre Nägel in die Nullen. Zwei Löcher, zischte sie, unter schwarz getuschten Wimpern mit den Augen funkelnd. Er stieß die Tür auf, warf den Koffer auf das Bett und drückte sie an die Wand. Sie entwand sich seinem Griff, lachte und lief zur Balkontür. Sid erwischte sie am Ärmel ihres Shirts, dessen Naht mit einem Ratsch zerriss. Nancy zerrte am Stoff, stieß Sid mit ihrem hochhackigen Absatz in den Bauch und stolperte auf den Balkon. Sie schwang ein Bein über die Brüstung und drohte: Küss mich oder ich springe. Er lachte, es klang hysterisch, fasste aber schon nach ihrem Fuß. Hör auf, das kitzelt, rief sie, doch er leckte bereits an ihrem großen Zeh, ließ die Zunge über den dunklen, abgesplitterten Nagellack gleiten. Nancys Stimmung wandelte sich so abrupt wie der Himmel, der pissgelbe Tropfen auf ihr Gesicht entlud. Mit dem Handrücken rieb sie sich die Schminke in fetten Schlieren über das Gesicht und kletterte zurück auf den Balkon. Als müsse sie sich ihrer Bodenhaftung vergewissern, rieb sie die Fußsohlen auf dem rauen Beton. Sid schob sie ins Zimmer, die Hände auf ihren Hüften. Nicht schon wieder, dachte er, nicht schon wieder diese Suizidscheiße. Ja, Nancy, sagte er, ich liebe dich. L.O.V.E. Lust. Orgasm. Vagina. Ecstasy. Immer wieder ein ein neues Spiel. Vier Buchstaben, tausend Varianten. Es war wie mit diesen Hippie-Mantras seiner Mom. L.O.V.E., L.O.V.E., bis sie endlich die Nadel aus dem Arm zog und irgendwo auf seinen „Was-Nancy-so-toll-macht“- Listen dahinsegelte. Sid, hauchte sie, ihre Stimme fast erloschen, leg deine Hände um meinen Hals. Sie gab ihm Anweisungen, Gebrauchsanweisungen für ihren Schlampenkörper. Sid!, der Ton wurde schärfer. Es war ihm egal, er lehnte sich zurück und starrte in das Feuer, das plötzlich in kleinen, gierigen Flammen auf ihrem Bauch züngelte. Sid!, sie rüttelte an seiner Schulter. Kennst du den Film mit diesen beiden Skeletten? Gina und dieser Typ in Paris? Versprich es mir, dass du neben mir liegen wirst! Wovon redete sie? Die Flammen verbrannten schon ihr Fleisch. Er roch es, verkohltes Fleisch. Sid!!, sie schrie, hielt sich gequält die Ohren zu, die Augäpfel verdreht. Baby, sagte er, mein Baby, ich helfe dir, Sid wird dich retten. Wo ist es, diese verdammte Messer? Er robbte über das Bett, die Hände blind auf feuchten Laken umherirrend. Das Messer steckte in seiner Faust. Es glühte, versengte ihm fast die Hand. Nancy, Nancy, komm zurück, er tastete nach ihr, drängte sich an sie, das Messer in der Faust, in diesem Bauch, aus dem endlich helles, strahlendes Rot floss. Sid. Er flüsterte Sssh, Baby! Shhh!, die Hand auf ihrer warmen, weichen Haut, und schwor ihr:

„And you stop and you turn
And you go for a ride
Then you get to the bottom
Then you see me again.“

 

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Ute Cohen

Autor: Ute Cohen

„Langeweile ist eine Sünde, für die es keine Absolution gibt.“ (Oscar Wilde)

Aus gutem Grunde verlässt Ute Cohen nach dem Abitur das kleine fränkische Dorf, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Das Studium der Linguistik und Geschichte und eine Dissertation folgten. Schließlich
war es an der Zeit, den Elfenbeinturm zu verlassen. Amerikanische Unternehmensberatungen lockten. Business statt Beckett!
Dann von Düsseldorf nach Paris: Kinder, Küche und Arbeit für eine internationale Organisation. Zurück in die Welt der Wirtschaft mit Kommunikationsberatung und Ghostwriting in Paris, Frankfurt und Berlin. Im Februar wird ihr erster Roman im Septime-Verlag veröffentlicht.

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