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«Die grosse Plauderei»

August ‘17, 35 Grad im Schatten – the eastern south of germany. Ich sitze in einer Spritterkneipe in Dresden und schreibe Sexkolumnen für einen Blog aus der Schweiz. Natürlich lasse ich es höllenhündisch krachen, schließlich ist es der einzige Sex den ich derzeit habe. Die meisten meiner Beiträge nehmen sie nicht. Die Chefredakteurin Christiane Plenz hält mich für abartig. Außerdem lebte ich in Sachsen, was der Leserschaft nicht zu vermitteln sei.

Letzte Woche hatte Fräulein Plenz einen Text förmlich in der Luft zerrissen. Sie hätte beinahe einen Scheidenkrampf bekommen. (Hat sie so nicht gesagt, aber darauf lief’s wohl hinaus.) PENIS wäre maximal Schwanz, aber nie und nimmer Rohr! R-O-H-R …!  

Meinen Verweis auf gewisse Analogien, wie, zum Beispiel, hart wie ein Eisenrohr, heiß wie glühender Stahl usw. quittierte sie, indem sie mich grußlos wegdrückte. Dabei hatte alles recht vielversprechend angefangen, mit einer Geschichte über “extreme Sexualpraktiken”, wie Fräulein Plenz sich vorwurfsvoll ausdrückte, als wöllte sie mich für ihre Themenwahl verantwortlich machen. (Wenn sie sprach, konnte man immer ein leichtes Grummeln hören, als litte sie unter einer akuten Refluxösophagitis. Pausenlose Übersäuerung machte wohl auch vor den Schleimhäuten des Wirtes …, ich meine natürlich der Wirtin, nicht halt.)

Da ich, vom sich gegenseitig ankacken einmal abgesehen, keinerlei sexuelle oder sonstige Tabus kenne, bin ich zunächst natürlich komplett in die Vollen gegangen. 10000 Zeichen lang richtete ich – mich mit zirka 5 älteren Ladies gleichzeitig in Büffelblut suhlend -, ein totales Schlachtfeld im neunten Stock des Pullman Hotels auf der Prager Straße an. Das war vielleicht abartig, verehrte Madame PLENZ! Letztendlich scheiterte die Story jedoch daran, dass ich keinen Dreh fand schlüssig zu erklären, wie ich den Büffel unbemerkt ins Hotel geschmuggelt, beziehungsweise, wo ich ihn überhaupt her hatte. Mit militanten Tierschützern darüber zu diskutieren, ob das arme Tier noch gelebt habe, als ich es erbarmungslos massakrierte, erschien mir die Sache ebenfalls nicht wert. Da ich aber scharf auf die Kohle war – das muss man den Schweizern lassen, sie zahlen verdammt gut -, habe ich denen schlussendlich eins zu eins meine heimlichen Sehnsüchte aufgeschrieben …

1

wir fallen aus dem neunten stock und klatschen auf den asphalt. nicht genug: warum nicht aus dem sechzehnten?

komm, hilf mit. für die musik ist es doch auch ein kinderspiel, das mit den körpergrenzen. zack durch und weg, versenkt im herzen meines gegenübers. schweiß, blut – dein saft und mein sperma. ab in den mixer damit!

was daraus entsteht, fragst du? der leim, der für immer zusammenschweißt? manchmal. Den meisten leuten ist das scheißegal. können wir das später entscheiden, baby?

ich will dich. ich nehm dich. aber mehr als alles andere, will ich dich empfangen.

2

der klassische weg, miteinander zu verschmelzen?  besonders nur – weil du es bist. die kürzeste halbwertzeit auf erden – bei maximaler, nuklearer sprengkraft.

lass es uns öfter tun.    

früh am morgen, bitte renne ein einziges mal mal nicht ins bad. ich lasse es nicht zu! in deinen duft gehüllt, vergesse ich, was ich getan habe. was zu tun ich bereit bin. einfach so. nicht für irgendeinen sinn, der eh nicht existiert.

du, nah an mir – das ist alles. alles, was ich will.

doch mehr als alles andere, will ich dich empfangen.

3

du erklärst dich: morgenurin, gleich eigenurin, gleich entzündungshemmend. jedoch nur für die besitzerin des wasserspeichers, vielleicht auf dem dach des kleinen hotels am calis beach, nahe fethiye …  

freut mich für dich, darling. alles in mir ist enzündet, nichts wird sich hemmen lassen: also mach! gib es mir. Lass mich dich trinken. jetzt oder später. morgen, nächstes jahr, eines tages – so wie damals, draußen im garten von freunden, in der wuhlheide bei berlin, die ansonsten nur grau und grau und grau. nein – jetzt: du hattest den besten spanischen brut, der für geld zu haben war – also her mit dem besten brut, den ich mir vorstellen kann.

kein frieden, keine scherze, keine vergangenheit. auf dir, in dir, unter dir.

endlich:

du über mir.

in zeitlupe, lange, endlos lange – warum nicht für immer? – langsam,  “slow e-motion” … sprichst du deutsch?

du willst mich. du nimmst mich. mehr als alles andere, will ich dich empfangen.

4

jeder millimeter deines gewebes, jede zelle, jedes scheiß blutgefäß voll aggressiver demut, mein glühender kolben (mal sehen, was die Plenz dazu …) weiter: mein glühender kolben aus stahl … (hat sie am ende recht, die verklemmte kuh?)

sag mal, hast du deinen thesaurus dabei? stört’s dich, wenn ich einfach schwanz sage?

mein schwanz voll mit sperma und anerkennung und respekt und was weiß denn ich … am ende ist es doch nur wilde begierde – auf jeden fall droht  explosionsgefahr: dass es wahr ist, dass du lebst, dass du diese öffnung hast, dass es JETZT passiert, dass du mir zu lebzeiten vergönnt bist.

eine. eine von ihnen. da drüben, am ufer … du(!), die mich einlässt.

ob einander nah oder fremd – alles gleich gut: du, ich, du, ich – blatt für blatt das gänseblümchen gerupft – verlieren ist kein thema – solange wir uns beide wollen.

mehr als als alles andere, will ich von dir empfangen werden.

5

komm. komm mit. weg hier.

nein heißt nein – der justizminister vögelt seine schöne schauspielerin.

der jack und die marilyn unter den mücken? warum nicht? ist nichts von belang, geschweige denn das außenamt.

JA!

mein schwanz ist ich. meine zunge, die einmal nicht reden will. nicht warten – alles jetzt. alles gleichzeitig:

tief in dir. endlos. bis du genug hast. meine zunge hat niemals genug.  sie saugt deine achseln aus, gibt keine ruhe, bis sie zu knochen und knorpeln vordringt. an deinen brüsten tarnt sie sich, wird zur babyzunge, will belohnt werden. die eine, die größer ist, fühlt sich schnell im stich gelassen. auch den schönen frauen steht es zu, angesprochen zu werden. wenn die kerle nur nicht solch elende feiglinge wären! die kleinere, mit der hervorstehenden brustwarze in form der kuppel der frauenkirche – lebt die demut der ewig übervorteilten. wie eine katze – des nachts aus dem regen ins warme geholt –  wird sie mir geben, was immer ich haben will.

deine ohrlöcher, so klein, so empfindlich für das, was ich jedem einzelnen loch an dir antun will.  vordringen – in dein fleisch, dein hirn, in immer tiefere erdschichten – ist fracking wirklich so schlimm? du ziehst mich rüber – endlich tanzen wir einmal, auch wenn es nur – immer wieder und immer noch – unsere zungen sind.

dein mund: er soll sich ausruhen dürfen, frei sein: zu gurren, mir von sich zu erzählen, vorbei an unseren hirnen, die zu nichts taugen: sag mir, wohin die reise gehen soll.

ein großes ja. wir wollen uns. mehr noch,

will ich in dir aufgehen.

6

mein finger in deinem arsch: dein saft, meine spucke. ein lusttropfen mischt sich ein – zum beweis, dass es ernst ist, ernst wird –  der schlimme finger hat was im gepäck, schönen gruß und scheiß auf die vorhaut, die gibt’s nich’ mehr. apropos – mein speichel ist lediglich vorhut: für johnny rosellis trip ins hinterzimmer.  

ein dreilöchriges hoch auf die vorbereitung! es gibt mächtige gegner da draußen: jeder blödmann, der sich nicht genug zeit ließ, der dich dazu gebracht hat zu denken, “ich tue ihm nur einen gefallen. es tut weh.”

bullshit. tempelhof hat seine pforten für immer geschlossen – deine bekommen wir auf. die zuzahlung für eine armee schleimiger physiotherapeuten kannst du dir sparen – wirst es nicht nötig haben.

was nützen an jeder hand fünf finger? wer braucht die? warum ist mein schlund nicht direkt an den eiern, er ist es doch, der zu allem bereit ist: bereit dich zu trinken, alles aus dir aufzusaugen, ohne unterbrechung, ohne lästiges, anatomiebedingtes management, dermaßen lächerlich zappelnder extremitäten.

warum nicht drei schwänze? und zwei zungen, in der mitte fehlt doch eine!

jetzt, genau jetzt, für eine stunde oder zwei! ist es nicht gottverdammtes menschenrecht? gott–  was gäbe ich! aber gott hört nicht hin. er ist selten da, wo er gebraucht wird. scheiß drauf: der bärtige hat ewig zeit, ich nicht.  

du bist meine wölfin – dein haar glühend, angesengt – höllenhündisch.

wir zerbersten an- und ineinander, werden eins. werden wir’s überleben? wen scherts, wenn nicht?

ich will dich nicht kaputtmachen. oder doch? töte mich!

nein.

gut. aber mehr als alles andere will ich, dass du dich auf meinem kopf anders entscheidest.

Na, Alter, noch’n Müller Thurgau?

Ähem … ja, gern.

Du siehst aus wie Lou Bega.

Lou wer?

Lou B-E-G-A-!!!

Kenn’ ich nich’ …

Willst du mich verarschen?

Nein.

Du willst mich verarschen. Verarsch mich ja nicht!

Nein. Werd ihn gleich mal googeln …

Du siehst aus wie Cicero.

Na, den kenn ick. Der ist tot.

Du siehst aus wie Jan DeLay. Bist du Jan DeLay?

Nein. Der ist dünn, reich und berühmt. Ich bin dick, arm und nicht berühmt.

Was machst du da?

Ich schreib’ einen Text für ein Magazin, der vielleicht mal Teil eines Romans werden soll …

Worum geht es in dem Buch?

Schätze, um mein Leben. Wie ich zum Beispiel in ‘ner Bar sitze und schreiben will, aber leider nicht dazu komme, weil …

Hey, schon gut, hab’s kapiert!

War’n Scherz, Mann, alles ok.

Aha. Hast du schon mal ein Buch veröffentlicht?

Nein.

Aha. Du musst das alles erzählen, nichts darf verschwiegen werden! Das muss alles auf den Tisch …!

Ja. Ich glaube, ich nehme doch lieber einen Pinot Grigio, wenn ihr habt …

Fotos von Mirko Glaser (farbig) und René Gaens (schwarz-weiss) 

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Autor: Gastautor

Kult.ch lädt in regelmässigen Abständen Gastautoren ein, ihre Geschichten zu teilen. Weil sie spannend sind; weil sie zum Nachdenken anregen; weil es eine Schande wäre, sie nicht lesen zu dürfen; weil sie Lücken füllen; weil sie unseren Alltag bereichern; weil sie unerhört sind; weil sie nicht ins Schema passen...

weil sie kult sind.

Happy Birthday, Darkness on the Edge of Town!

ICH SCHLAFE NIE – AUSZÜGE AUS MEINEN KETAMIN-NOTIZEN