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ICH SCHLAFE NIE – AUSZÜGE AUS MEINEN KETAMIN-NOTIZEN

Ich schlafe nie. Wie einst der grosse Fernandel. Deshalb freue ich mich am Morgen. Wenn die Vögel ihre Lieder singen. Wenn die Sonne ihr Licht in meine Stube wirft. Wie eine Tränengasgranate.

Dann wird es für mich allmählich Zeit, meine alten Augen mit einer Klappe zu bedecken, die extra für mich angefertigt wurde, von einem Meister aus Deutschland, meine Givenchy-Ohrenpfropfen reinzustecken. Und einige Stunden zu versinken, in der Welt meiner Gedanken, schwarz wie die dunkelste Nacht der Seele.

Dabei weht mir nicht einmal ein Hauch von Schlaf entgegen. Ja, Bruder Schlaf hat mit mir gebrochen. Jahre ist es her. Erst wenn dereinst Vater Tod auf den Plan tritt, werde ich wieder in jene tiefe Ruhe eintreten dürfen, die einst als Gegenstück zur unbegreiflichen-unerträglichen Hektik der Tage geschaffen wurde.

Von müden Gottheiten, die auch nicht gewusst haben, was sie damit anrichten.

So muss ich an James Booker (1953 – 1983) denken, den grossartigsten Pianisten, den New Orleans, Louisiana, die Heimat unzähliger Tastenwunder, wohl jemals hervorgebracht hat, diesen schrägen Vogel, diesen Junkie, diesen Knastbruder.

Im Geiste höre ich seine unvergleichlich rollenden Läufe der rechten Hand, seine rhythmisch vertrackt gesetzten Clusterakkorde der linken, seine knarrende, unverwechselbare Giesskannenstimme.

Ich muss an seinen Einfluss denken, der zwei Generationen Keyboarder aus dem tiefen Süden der USA zutiefst geprägt hat, und an seine Augenklappe, die mit dem Stern.

Dann kommen mir sein zutiefst ungerechter Status des grossen Unbekannten in den Sinn, seine bittere Armut, sein elender Tod. Er verblutete, weil er als Afroamerikaner nicht in die Notfallaufnahmen mehrere Spitäler eingeliefert werden konnte. Und weder die Krankenwagenfahrer, noch die Polizisten, noch die Schaulustigen wussten, dass sie gerade dem Tod eines – mindestens – Halbgottes beigewohnt hatten, der da seine Seele aushauchte. Vor ihren Augen.

Das Krankenauto fuhr gleichsam wie ein Totenwagen durch die Nacht jenes unseligen 8. Novembers. Unter bleichen Sternen. Während Papa Legba auf dem Friedhof tanzte und Baron Samedi um die Häuser schlich.

Ja. Die Welt ist ein kalter Ort, der noch die schönste Liebe zu ersticken weiss, auch – und eben gerade – jene, die am allerheissesten brennt.

So schleichen mir all diese traurigen Geister durch den Kopf, die jämmerliche Tode erleiden mussten.

– Jene Schönheitskönigin, die eines Nachts von einer Horde schwachsinnsgetriebener Testosteronmonster in einer Baugrube stundenlang geschändet, dann elend zu Tode gemartert wurde, während alle Anwohnerinnen, Anwohner ihre Schreie hörten – und die zuckersüsse Schlagermusik, die aus ihren Radios sickerte, lauter drehten, um diese Notsignale furchtbaren Leidens da draussen in klebriger Musiksülze zu ertränken.

– Die Künstlerinnen und Künstler, die verhungert, verdurstet oder erfroren sind, und nun von der Nachwelt mit Inbrunst verehrt werden, was ihnen zu Lebzeiten nicht einen einzigen Brosamen, nicht ein einziges Glas Bier eingebracht hat.

– Die stillen, einsamen  Selbstmorde, von niemandem beklagt, ausser von den Dienstleuten, die jene blutversauten Wohnungen putzen mussten, damit sie an neue Selbstmörderinnen und Selbstmörder vermietet werden konnten.

– Die Alkoholbesessenen, die ihre zerfetzten Mägen in die kotverschmierten Toiletten irgendwelcher Bars am Ende der Nacht gekotzt haben.

– Die Revolutionärinnen und Revolutionäre, die im Strassengraben verblutet sind. Weil sie ein kleines bisschen Licht, ein Mikrogramm Gerechtigkeit in diese unsere finstre Welt tragen wollten…

Sie alle bilden meinen imaginären Freundeskreis, meine Blutsverwandtschaft, meine Privatarmee.

Nein. Ich glaube nicht an Euren Gott, nicht an das Gute im Menschen. Ich glaube weder an die Macht des positiven Denkens, noch an die zehn Gebote und schon gar nicht an die Zwergpredigt.

Ich glaube überhaupt nicht.

Höchstens an Magtech Guardian Gold .357 Ammo, 125 Grain…

Ich weiss vielmehr, dass diese Welt ein tiefes dunkles Tal ist. In dem wir alle verrecken werden. Ohne Aussicht auf Erlösung. Wir werden uns in der Dunkelheit auflösen. Wie Zuckerwürfel im Kaffee sich auflösen. Die einzige Verlockung am Tode liegt im Umstand begraben, dass er uns Ruhe bringt. Eine Ruhe, die wir leider nicht geniessen können.

Aber immerhin beendet sie jenes Leiden, das wir so selbstbewusst auf den Namen Leben getauft haben.

Nein. Ich bin meinen Urahnen, Ahnen, Eltern keineswegs dankbar dafür, dass sie jene Kette der Kausalitäten erzeugt haben, die mich in diese Welt gezwungen hat. Ungefragt. Unvorbereitet. Unverantwortlicherweise. Ich bin in diesem Moment vielmehr der Nacht dankbar. Dafür, dass sie nun übers Land zieht, die Unerträglichkeit des Tages endlich erstickend, wie eine weiche Decke oder ein Kissen, das man der Erbtante aufs Gesicht drückt, bis sie das Zeitliche segnet. Und uns ihr hart erarbeitetes Vermögen hinterlässt, auf dass wir es sinnlos verprassen können.

Meine  Göttinnen verlangen Blut und Schmerz, sie sind nicht lieb, dafür sind sie real.

Deshalb reisse ich mir jetzt die Augenklappe runter und die Ohrenstöpsel raus. Ich sehe mit grosser Befriedigung, dass es dunkel geworden ist. Nun stecke ich meinen rasiermesserscharfen Dolch in seine Scheide, die an meinem Gürtel hängt, so ziehe in die Nacht hinaus. Heute wird es Blutwurst geben. Ich freue mich darauf. Und später werde ich singen. Traurige Lieder. Über Kopfschmerzen, Zahnweh und Herzeleid. Dann will ich saufen, will ich raufen, will ich spinnerte Satansweiber die Tonleiter rauf und runter bumsen; Ladies, die noch wahnsinniger sind – als ich selbst.

Um zu vergessen. Endlich vergessen.

Bis ich am Ende wieder nicht schlafen kann. Und dann wird ein weiterer verlorener Tag folgen, der auch wieder gleich sein muss wie der heutige.

Das Karussell des Schreckens dreht sich. Bis die Sekunde des Abschieds kommt. Und dann muss man konstatieren, dass alles wirklich keinen Wert hatte, keinen einzigen Funken Sinn. Alle Hoffnungen wurden enttäuscht, alle Liebe ist kläglich verendet, alle Klänge haben sich zu einer unerträglichen Kakophonie vermischt. Alle Talente haben dir nichts eingebracht. So lasse ich mich in meinen alten Sessel fallen, dessen Haut genauso vernarbt und zerknittert ist wie meine eigene.

Da sitze ich also. Wach und wirr. Denn ich schlafe nie. Niemals! Eigentlich bin ich ja nur auf dieser Welt, um eine unglaubliche Menge Zigaretten zu rauchen…

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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