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Super, ich bin ja soo gerne eine Frau!

Gestern sass ich bei meiner neuen Gynäkologin. Sie praktiziert in einer hochmodernen Lokalität in einer schönen Villa, gleich bei mir um die Ecke. Das finde ich super, ich achte heute darauf, wie ich wohin komme, ob eine ÖV-Haltestelle in der Nähe ist oder ob die Praxis gar einen eigenen Parkplatz hat. Doch zu Frau Doktorin kann ich bequem zu Fuss latschen. Die Praxisassistentinnen waren alle flott in violett gekleidet, die Räume klimatisiert und im Wartezimmer plätscherte leise Musik auf mich herab. Welch Gegensatz zu der Laufbandabfertigung in einem muffigheissen Spitalhochhaus, zu dem gestressten Gynäkologen, der in mir ohne grosse Erklärung mit seinem Laserschwert (Ultraschalldings) herumstocherte, darauf jene schusslige Gynäkologin, die sich hinter ihrem Computer verschanzte und nonstop eintippte. Schreibt sie etwa einen Roman, während sie so tut, wie wenn sie Sprechstunde hält, fragte ich mich. Nun also die Neue. Sie ist nett, kompetent, drum hat sie auch eine Warteliste für alle Frauen, die es satt haben wie ein Kotelett betastet und beurteilt zu werden. So wie ich.

Ich ging zu ihr wegen meiner Beckenbodensenkung. Nein, ich muss nicht xmal aufs Klo rennen, gottlob, aber das könnte mir auch noch blühen. Jedenfalls sagte ich zu Frau Doc: „Es ist schon ein Schmarren, da trägst du als Frau monatelang einen dicken Ranzen vor dir her, quetschst dann unter Schmerzen das Kind heraus. Nun folgen zwanzig Jahre, in denen du komplett gestresst bist, dann fliegt das Kind aus, und du hörst nie wieder von dem, ausser, wenn es etwas will oder dir Vorwürfe machen möchte. Und als Belohnung für all die Zores sackt im Alter dein Beckenboden runter. Super, ich bin gerne Frau!“ Wir lachten.

Oft stelle ich mir die Frage, was ich anders machen würde, wenn ich nochmals entscheiden könnte, Kinder ja oder nein? Eins bin ich mir sicher, ich würde auf jeden Fall erst eine hochkarätige Ausbildung und lange Karriere machen, als Kalte Mamsell oder als Englischprofessorin. Ich würde herrliche Buffets anrichten oder kluge Bücher schreiben (über noch unerforschte Gebiete aus dem Leben von Elizabeth l und deren Mutter Anne Boleyn) Und dann, erst dann würde ich überlegen, Kind ja oder nein? Mit oder ohne Mann? Statt mit nicht mal zwanzig zu heiraten und im Abstand von zweieinhalb Jahren zwei Kinder zu kriegen! Das habe ich gestern, als ich so auf dem Sofa sinnierte, ausgerechnet. Ich war eigentlich eine Heldin des Alltags. Ja, Buffets habe ich auch angerichtet, für die öde Kundschaft meines Ehegatten, der es normal fand, ein weibliches Serviceteil (ich) zu Hause zu haben. Ich war eine Heldin des Alltags, bloss merkte das niemand, ich schon gar nicht. Die Belohnung dafür habe ich ja oben erwähnt.

Die Vollreife bringt also Erkenntnisse mit sich. Auch, dass ich schon wieder was habe und kriege, wenn das soeben aufatmend Abgehakte kaum vorbei ist. Und so besichtige ich regelmässig mehr oder weniger nette Docs und deren Arbeitsräume. Heute muss ich zum Zahnarzt, die vermeintlich kleine Füllung entpuppte sich als aufwändige Sache, will heissen, ich werde in Eindreiviertelstunden Behandlung dasselbe Budget wie für einen schönen Hotelaufenthalt verbraten. Doch im Gegensatz zum Hotel kriege ich noch eklige Spritzen und tonnenweise Angst. Immerhin hat er einen Parkplatz vor der Praxis. Bloss keinen Unfall bauen auf dem Weg dahin. Wobei, mein Autöli hat einen Kühlerschaden und marode Bremsen, dafür müsste ich etwa soviel rechnen wie für eins dieser schönen, kleinen Notebooks, die ich nicht anschaffe, weil ich nicht weiss, wie meine Daten rübergebeamt werden können. Ja, doch mit einem USB-Stick, doch der will ein bestimmtes Datenformat erklärt haben, damit… ach, ein anderes Mal. Überhaupt ist mir langsam wurst, wieviel Geld ich brauche oder noch habe. Weg ist eben weg.

Und nach dieser Einsicht komme ich zum Rätsel des Tages. Was ist Elon Musk? Der Name geriet mir seit einigen Tagen irgendwie ins Hirn via Radio, TV, Zeitung? Ich abonniere ja jeweils wenigstens ein Printmedium, weil ich Journalismus honorieren will, damit ich ihn nutzen kann. Viele begreifen das nicht und sörfen mal hier mal dort. Gratis dänk. Doch, letzteres tu ich auch, aber ich will das Gefühl haben, ich lese, wofür ich bezahle, damit diejenigen, die schreiben, hoffentlich fair bezahlt werden (kleiner Scherz…). Momentan habe ich die WOZ abonniert zur Probe, dito den Tagesanzeiger. Ich vergleiche beide und entscheide dann, was mir besser gefällt. Nehmen wir an, ich habe Elon Musk in der WOZ gelesen. Wieso weiss ich nun immer noch nicht, ob das a) ein grusiges Parfum, b) ein Pop Star, c) eine Raumstation, d)etwas mit #metoo, e) eine neue Netflix-Serie ist? Ja, ich könnte googeln, aber warum nicht mal dieses quälende Gefühl wiedererleben, wenn man etwas nicht weiss. Früher musste man in die Zentralbiblithek pilgern, in den Stichwort-Zettelkästen nach Elon Musk suchen. Oder man fragte die kluge Nachbarin, die Eltern.

Heute müsste ich sowas meine Kinder fragen. Die sind doch modern. Sie sind allerdings so modern, dass sie zwar alles wissen, angeblich, aber diesbezüglich nie erreichbar sind. Mich womöglich längst geghostet haben. Undankbare Blagen! Aber muss ich überhaupt wissen, wer oder was Elon Musk ist? Moment hat der sich nicht mit jemandem aus der Neuen, Schönen Welt angelegt, also mit diesen Superkonzernen, die sich bekriegen, während die arme kleine Welt zu Grunde schrumpelt wegen zu viel Klima und Plastik? Nein, ich google nicht, ich setze mich aufs Sofa und lese die WOZ nochmals sorgfältig durch. Das musste ich erst wieder lernen, ab Blatt zu lesen, statt äs bizli da, äs bizli dort zu sörfen. Und dann den Kopf voller Datensalat zu haben, während besagte Konzerne meine Daten abschöpften. So, es reicht, ich brauche noch Zeit, mich vor dem Zahnarztbesuch mit Entspannungstropfen volllaufen zu lassen. Falls Sie wissen, wer oder was Elon Musk ist, bitte ich um baldigen Bescheid. Danke.

www.marianneweissberg.ch

 

 

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Marianne Weissberg

Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

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