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My name is Mahadeva, Shiva Shankara Mahadeva

Langsam – fast im Schritttempo – fährt der uralte Zug durch jenes Hochland, aus dem der Ceylon-Tee stammt. Der Treibkopf scheint mit den ganzen Bergauf-Bergab-Geschichten seine liebe Mühe zu haben. Draussen erstreckt sich eine schier unendliche Landschaft aus Teebüschen. Teilweise streng in komplexen geometrischen Mustern angelegt, welche aus Alice im Wunderland stammen könnten – oder von einem alten Genesis-LP-Cover, „Selling England by the Pound“ oder so.

Immer wieder stehen böse, alte Teefabriken mit rostigen Dächern in der Landschaft, Boten aus dem 19. Jahrhundert, aus der Zeit einer besonders schmerz- und pionierhaften Industrie, da und dort rückt ein Weiler ins Bild: Häuser im britischen Kolonialstil… Und du fragst Dich: Sind wir hier überhaupt noch in Sri Lanka – oder auf einer Zeitreise ins Herz des englischen Commonwealth – auf den Spuren des Märzhasen und des spinnerten Hutmachers…?

Hart, kurz und schmerzhaft

Und in den Feldern arbeiten Frauen in buntgefärbten Saris, die sich freundlich vom unendlichen Grün der Büsche abheben. Jede von ihnen muss Tag für Tag 22 Kilo Tee pflücken, von Hand, bei Wind und Wetter, dafür gibt’s am Abend einen Lohn von etwa einem Franken und fünfzig Rappen. Kein Wunder, dass Schwarztee bei uns so billig ist. Die Arbeiterinnen wohnen mit ihren – an Nachwuchs reichen – Familien in Massenbehausungen, eine Wohneinheit hat in etwa die Grösse einer Strandkabine. Alle leiden sie schon in jungen Jahren an Rheumaerkrankungen, Arthrose, Gicht. Ihre Männer schuften entweder in den staubigen Teefabriken oder rackern sich auf Gemüseplantagen ab. Für den gleichen minimalen Lohn. Am Abend betrinken sich die Herren mir Arrack. Wer will es ihnen verübeln…? Die Frauen kümmern sich nach Feierabend um die reale Seite des Lebens. Wer würde sie nicht dafür bewundern…? Das Leben ist hier nämlich hart, kurz und schmerzhaft, komplett ausgefüllt mit einer Art von undankbarer Arbeit, welche die Briten im 19. Jahrhundert so erfunden und eingeführt haben.

Es ist keine singhalesische oder tamilische Gemeinschaft, die den Ceylon Tee hier oben, auf über 1000 m.ü.M. erntet, fermentiert, verpackt, es ist eine genuin indische Bevölkerungsgruppe. Deshalb stehen viele Hindutempel in den Hügeln. Einer davon ist der Göttin Sita gewidmet, die hier mehrmals leibhaftig erschienen sein soll, deshalb zieht das kleine Sakralgebäude viele Religionstouristen aus Indien an. Überhaupt prägt der Hinduismus diese Region eines ansonsten buddhistischen Landes. Der Gedanke, dass man halt von den Kräften des Karma in dieses harte, entbehrungsreiche Leben gestellt wurde – und es im nächsten Leben einmal besser haben wird -, beinhaltet gewiss ein gerüttelt Mass an Trost. Ausser in jenen dunklen Stunden – wenn die ganze finstre Welt über einem zusammenbricht…

Obwohl es eigentlich nicht gestattet ist

Ich sitze also im Zug, lese wieder einmal in der Bhagavata Purana – ich habe mir kürzlich eine hervorragende neue englische Studienausgabe besorgt, mit vielen Fussnoten -, nuckle an einer Flasche Lions Beer und rauche, obwohl es eigentlich nicht gestattet ist. Die anderen Passagiere, allen voran ein Polizeioffizier, der gleich vor mir sitzt, haben mich dazu aufgefordert. Die Männer rauchen hier nämlich alle. Kette. Wir sind auf dem Weg nach Nuwara Eliya, der „Stadt des Lichts“…

Ein ganz schlauer Bursche

Ich stecke gerade mitten in der Geschichte über Shiva und seine beiden Söhne Ganesha – das ist der mit dem Elefantenkopf – und Kartikkeya. Der grosse Gott Shiva Shankara Mahadeva stellt seinen Junioren eine Aufgabe: „Ihr werdet nun beide das Universum umrunden, der Schnellere wird dereinst mein Nachfolger sein.“ Sogleich rast Kartikkeya los, auf dem Rücken seines Reittiers, einem riesigen Pfau. Der massige Ganesha hingegen ist verärgert, hat er als Reittier doch nur eine winzige Maus zur Verfügung – sein traditionelles Begleit- und Wappenviech. Beim Rennen hat er also keinerlei Chance. Er setzt sich auf den Boden und denkt nach. Da kommt ihm ein zündender Gedanke. Er geht zurück zu seinem Vater – und umrundet diesen rasch, mit zügigem Schritt. „Was soll denn das nun?“ Fragt der Weltenzertrümmerer seinen Sohn. „Vater“, antwortet der Sohnemann, „ich habe gewonnen. Als mächtiger Gott stellst Du ja gleichsam das ganze Universum dar, indem ich Dich umrundete, habe ich also gleichzeitig das ganze Universum umrundet. Und mein Bruder auf seinem Pfau ist immer noch unterwegs…“ Da freut sich der Vater und sagt: „Du bist ja ein ganz schlauer Bursche, deshalb gebe ich Dir eine spezielle Stellung unter den Göttern, Du sollst unser Schreiber sein und unser Bote, durch den allein die Menschen in unsere Bahnen gelangen können…“ Seither bekommt Ganesha von seinen Jüngern immer das erster Opfer des Tages.

„Ich bin Agnostiker“

…da tippt mir plötzlich jemand auf die Schulter. Ich fahre zusammen und drehe mich um. Hinter mir sitzt ein magerer indischer Herr in einem braunen Anzug. „Entschuldigen Sie“, sagt er in einem leicht altertümlichen Englisch, wie es viele Inder pflegen, „Sie lesen die Bhagavata Purana. Interessiert Sie das?“ Ich antworte: „Ja. Seit vielen Jahren…“ Er: „Verstehen Sie die Geschichten überhaupt?“ Ich: „Immer besser, ich gebe mir Mühe…“ Er: „Ich bin Agnostiker, ich bin aber als Hindu aufgewachsen.“ Und dann – ganz unvermittelt: „Interessieren Sie sich für James Bond? Wer war der beste James Bond?“ Ich gebe ihm zu verstehen, dass wir jetzt wohl in eine ernsthafte Diskussion geraten würden. Für mich, Jahrgang 1965, ist nämlich Roger Moore der eigentliche James Bond. Der erste Streifen, den ich einst im Kino gesehen habe (damals liefen Bond-Filme noch nicht am Fernsehen), ward nämlich „The Spy Who Loved Me“. Deshalb ist es für mich und für immer Moore – und eben nicht Connery…. Da ich den indischen Herrn für einiges älter halte, würden wir nun wohl gleich den alten Moore-versus-Connery-Streit führen müssen….

In den Büchern ist er ein Antiheld

„Sehe ich so alt aus?“ Fragt der indische Herr etwas pikiert. „1965 sagen sie? Dann sind wir Brüder. Ich habe nämlich den gleichen Jahrgang. Moore? Connery? Das interessiert mich nicht. Ian Fleming’s James Bond ist für mich der einzig richtige James Bond. Haben sie die Bücher gelesen?“ Ich bejahe. Ich haben sie nämlich alle gelesen. Einige davon sogar mehrmals. Ich liebe Fleming. „Sehen Sie“, sagt mein neuer Bekannter, „Bond wurde immer falsch verfilmt. In den Büchern ist er ein Antiheld, ein Alkoholiker, ein Zweifler, einer der nicht gerne tötet und es doch tun muss. Commander Bond hat eine massive Narbe im Gesicht. Zudem ist er ein Waisenkind und kann seine Abenteuer nur unter allergrössten Mühen bestehen – meistens ist er am Ende der Geschichte schwer verletzt. Er ist wie die Figuren aus ihrem Buch da, aus der Bhagavata Purana. Obwohl ich Agnostiker bin, erkenne ich den psychologischen und edukativen Wert dieser Geschichten übrigens an – sie sind aber auch nicht besser und nicht schlechter als Ian Flemings Geschichten. Denken sie nur an die Szene aus „On Her Majesties Secret Service“. Da kommt Mister Bond auf diesem Piz Gloria an und sieht die vielen Skier herumstehen. Und da denkt er an seine Jugend, in der er einige Mal Ski gelaufen ist – er weiss, dass er es nicht besonders gut kann und hofft, dass dieser Kelch an ihm vorüberziehen würde. Am Ende muss er aber doch auf diese Bretter stehen und um sein Leben fahren. Aber er muss sich dazu überwinden. Das ist ganz wichtig. Das ist für mich ein wahrer Held. Einer, der sich überwinden muss. Und nicht so ein Moore oder ein Connery, Männer, die in feinen Anzügen, die niemals schmutzig werden, um die Welt reisen und Leute töten. Das sind für mich bloss mörderische Touristen. Ein echter Held muss schlau sein und muss seinen inneren Schweinehund besiegen, sich überwinden eben, so wie Flemings Bond es tut. Sonst ist die Geschichte in psychologischer und edukativer Hinsicht völlig wertlos…“

Eine saubere Angelegenheit

„Da haben sie einen Punkt“, sage ich – und denke an Ganesha, der seinen Vater per List austrickst und am Ende dafür noch belohnt wird. Mit einem edlen Sonderposten. Er: „Ich heisse Dikendra. Darf ich mich neben Sie setzen?“ Natürlich darf er. So fahren wir also weiter durch die surreale Welt der Teeplantagen. Dikendra schwärmt von Ian Fleming und der alten Welt der kolonialen Engländer, zum Beispiel vom britischen Hängen – der Sache mit der Falltür: „Das ist eine saubere Angelegenheit, Sir, die Seillänge und die Fallhöhe werden exakt dem Körpergewicht des Mannes angepasst, der exekutiert wird“, doziert er, „das ist nicht so eine Barbarei wie dieser elektrische Stuhl der Amerikaner.“ Ich hingegen, versuche ihm profunde Aussagen über die Bhagavata Purana zu entlocken.

Da sagt Dikendra plötzlich: „Wissen Sie, diese tausenden von Göttinnen und Göttern des Hinduismus, die verkörpern meiner Meinung nach eigentlich nur einen einzigen Menschen und seine vielen verschiedenen Impulse, die auf einem inneren psychologischen Schlachtfeld ein Leben lang kämpfen. Eins ist nämlich sicher, der Mensch ist ein hochkomplexes Wesen, um einen einzigen Menschen in seiner ganzen Komplexität, seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu beschreiben, muss man halt tausende von Göttinnen und Göttern erfinden – und vielleicht reicht das dann immer noch nicht aus. Der Hinduismus ist immerhin eine Religion, die diesem Umstand Rechnung trägt… Trotzdem bin und bleibe ich Agnostiker – und Ian Fleming-Bewunderer! Der echte James Bond hat dieses Jahr eben auch nicht seinen 56. Geburtstag…“

OM!

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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