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Duma VI: Schlafwandlerin

Seit dem Studium war sie es gewohnt, unvermittelt aus dem Schlaf gerissen zu werden. Aber die Zeit als Assistenzärztin am kleinen Spital in Biel lag eine Weile zurück. Ihr Festnetz klingelte, gleichzeitig vibrierte das I-Phone auf dem Nachttisch und scheinbar lehnte jemand an die Türglocke, keine gute Zeit, um sich an das kleine Spital in dem kleinen Park zu erinnern. Eveline Martin wurde aus einem kurzen Schlaf gerissen, der wie eine Glocke aus Blei über ihr gelegen war. Sie hatte gerade einmal zwei Stunden geschlafen.

Die Ärztin kannte die Orientierungslosigkeit, das rasende Herzklopfen mit dem der Körper gegen den Zwang aufzustehen rebellierte. Sie kannte die Angst der jungen Notärztin, Entscheidungen zu treffen, obwohl der Geist nur träumen und der Körper nur schlafen wollte. Die Verzweiflung und die Panik, die Hoffnung, die Hände würden nicht zittern und das innere Flehen darum, dass nichts schiefgehen möge.

Offensichtlich hatte sie, als sie heimgekommen war nicht mehr die Kraft gehabt, die Vorhänge zuzuziehen. Sie taumelte mit dem Handy in der Hand auf ihr Festnetztelefon zu und fragte sich, welches Arschloch ununterbrochen an ihrer Wohnungstür klingelte. Sie erkannte die Nummer auf dem Display nicht und raunzte ungeduldig «Martin» in den Hörer.

«Die Warnung kommt vielleicht etwas spät», sagte sie zu Julien, der am Empfang ihres Appartementhauses den Tagdienst versah. Julien meinte aber nur trocken, gegen die Polizei könne man nicht viel machen. Sie knallte den Hörer wieder hin und stolperte durchs Wohnzimmer zur Türe und rief die Nummer auf ihrem I-Phone zurück. Irgendwie schaffte sie es zu denken, dass sie nach mehr als fünf Jahren ihre Wohnung immer noch nicht mochte. Sie es nicht hinbekommen hatte, sich besser oder gemütlicher einzurichten. Zwar kaufte sie manchmal nach einigen Tagen Nachtdienst in wahnhaften Schüben, Kissen, Geschirr, Pfannen und andere Einrichtungsdinge, aber diese standen dann meist ziemlich lange unausgepackt herum. Sie riss die Türe auf und auf und ihr I-Phone sagte ihr, dass sie warten sollte, bis der Spitaldirektor Zeit hätte. Unterdessen drängten sich zwei uniformierte Polizisten durch die Türe und sie kam sich im Slip und im alten Jurassic Parc T-Shirt allzu nackt vor.

Allmählich kehrte die Nacht zu ihr zurück. Da war doch die Münstersache gewesen. Die Sanität hatte ihr eine Frau gebracht, die eigentlich schon tot gewesen war und die sie nicht hatte entlassen können. Dann war die Schwerverletzte verschwunden gewesen und sie hatte in den Aufwachraum zurückgemusst. Da war am Ende der Schicht die Frau, die durchs Münsterdach gefallen war und nach dem Sturz offenbar noch einige Polizisten verprügelt hatte, aber bis dahin war sie schon wieder friedlich in ihrem Bett gelegen. Eveline Martin erinnerte sich daran, dass sie sich ziemlich nackt gefühlt hatte, als ihr die Psychopathin gesagt hatte, sie könne ihr sagen, wovon sie träumte.

Da standen zwei Typen in ihrer Wohnung rum. Einer schien ganz schnuckelig zu sein, der andere dagegen hatte wohl etwas mehr Probleme mit seiner Männlichkeit. Aber er glaubte noch immer, seine bis obenhin zugeknöpfte und überkorrekt sitzende Uniform würde eine andere Geschichte erzählen. Aber sie war ja Ärztin, sie konnte ja nicht sehen, wovon diese Trottel träumten. Eveline Martin sah sich in ihrem Wohnzimmer um, sie versprach sich selbst, sie würde bald umziehen. Das war doch Quatsch hier. «Wenn Sie uns kurz ihre Aufmerksamkeit schenken könnten? Dann gehen wir auch gleich wieder», sagte der schnuckelige Bulle. Das I-Phone wärmte ihr Ohr, sie stand in Unterwäsche vor zwei Polizisten in voller Montur und ihr fiel nur ein, sie mochte ihr Wohnzimmer nicht und auf die Aeschenvorstadt hätte sie auch scheissen können. Hier war nichts. Nicht einmal ein Tante Emma-Laden.

«Eveline Martin?», fragte der Direktor. Die Stimme klang aggressiv. Selbstverständlich kannte sie den fortwährenden Schwanzvergleich zwischen Ärzten, Verwaltung und Direktoren. Sie war dem gewachsen. «Guten Morgen, Karl.» Sie hätte gerne etwas Schlaues darüber gesagt, wie etwa, dass sich Notfälle und Notfall OPs nicht budgetieren liessen, aber sie war zu müde und die Polizisten wurden ungeduldig. Obwohl sie sich darauf hätte konzentrieren sollen, was der Boss sagte, dachte sie daran, dass sie ihre Titten eigentlich gut fand. Sie waren klein, aber dafür wurden sie nicht müde. Ganz im Gegensatz zu ihr selbst.

«Schadensbegrenzung», sagte die Stimme aus dem I-Phone, aber jetzt dachte sie über ihren Arsch nach. «Wir haben die Presse im Haus, diese schrecklichen Leute suchen irgendeine Frau, die irgendwas beim Münster gemacht hat.» Eveline Martin fand, dass ihr Arsch gar nicht so schlecht sei. Naja, ihr Hintern war überarbeitet, er war ausgetrocknet manchmal, sie hätte ihn gerne manchmal gerne mehr zum Glänzen gebracht mit diesem Zeug, das in der Werbung gerühmt wurde. Sie wusste auch, eine moderne Frau sollte sich nicht aufs äusserliche reduzieren, aber sie war schlicht zu müde, um über ihre Gedanken nachzudenken.

«Frau Martin, kann es sein, dass in unserem Universitätsspital ein – in Anführungszeichen – Engel hospitalisiert wurde. Frau Martin kann es sein, dass sie nicht mehr wissen, was man mit Verrückten macht?»

« Karl wir duzen uns, seit Studienzeiten. Und du weißt genau so gut wie ich, dass wir uns nicht um Engel kümmern können. Die Polizei ist selbst schuld … »

Jetzt fühlte sie sich doch verletzlich. «Die Polizei hat mich geweckt. Ich hatte Nachtdienst. Die stehen in meiner Wohnung. Ich rufe dich zurück.»

Sie drückte auf den leuchtenden roten Knopf. Die Sorgen, ob ihr Arsch Kosmetika benötigte, waren verflogen. «Was kann ich für Sie tun?», fragte sie die Männer. So hätte das nicht klingen sollen. Aber was soll’s? Eben hatte sie der oberste Boss wegen Engeln angerufen.

«Wir brauchen ihre Aussage. Wir haben Anfragen von den Medien. Offensichtlich glaubt man in ihrem Spital sei ein Engel gelandet. Wir müssen die medizinische Seite protokollieren.»

Papierkram, Protokolle, irre Fragen. Eveline Martin war bereit aus ihrem Slip zu fahren. Diese Typen weckten sie wegen diesem Scheiss. Sie sagte: «Sie wecken mich wegen diesem Scheiss… Vor drei Stunden hatte ich noch Nachtdienst…»

Die Details der Behandlung waren im System erfasst. Vom ersten Notruf an. Von der Anamese, also der Aufnahme, bis zur Diagnose und schliesslichen und endlichen Behandlung. Es hatte natürlich alles keinen Sinn. Sie machte Kaffee, fragte die Männer, ob sie auch eine Tasse wollten und beantwortete, was sie beantworten konnte. Etwas bleich und enttäuscht zogen die Polizisten ab. Übermüdet stand Eveline Martin unter der Dusche, während ihr Telefon klingelte. Das alles war ein teuflischer Scheiss, hatte aber etwas Gutes, sie fand trotz der erschöpften Überreiztheit ihren Hintern voll in Ordnung.

Zum Eingang des Universitätsspitals führten zwei geschwungene Einfahrten. Verbotenerweise waren sie vollgestellt mit Übertragungswagen und Kamerafahrzeugen. Ein Mediensprecher ging von Kamera zu Kamera. Die Zeitungsleute sprachen jeden Passanten an, der vorbeiging und fragten, ob sie etwas von dem Engel wissen würden. Eveline Martin zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie an der Medienkonferenz, die der Direktor abhalten wollte teilnehmen sollte. Ihr war klar, dass er sie zwingen wollte, die Patientin auf die Psychiatrische zu schicken. Aus den Augen, aus dem Sinn. Sie spielte unentschlossen mit ihrem I-Phone. An der Spitalstrasse war nicht viel Verkehr. Ums Spital herum wurde aber noch immer sehr viel gebaut. Die Sonne wärmte angenehm ihren Rücken.

Eveline Martin war sich nicht sicher, ob sie die Patientin schützen konnte. Zwar waren Ärzte fast allmächtig, was Fragen anging, die die Behandlung betrafen. Gleichzeitig hatte sich die Verrückte unmenschlich schnell erholt und brauchte eigentlich keine Behandlung mehr. Die lokale Online-Portale meldeten schon Breaking News, obwohl sie vor dem Spital kaum viel erfahren hatten. Die Basler Polizei sei sich nicht sicher, ob sie gestern im Münster nicht einen Engel gefasst hatte, einen schwer verletzten allerdings. Darum sei er ins Spital gefahren worden. Sicher war dagegen, meldeten die Webseiten, dass es am Martinsturm und am Dach des Münsters hohe Schäden gegeben habe.

Der Martinsturm sehe aus, als sei er mit einem Raketenwerfer beschossen worden. Die historische Brüstung sei durchschlagen worden und der Turm gesperrt. Auch im Dach mit den bunten Ziegeln mit dem berühmten Biberschwanzmuster klaffe ein riesiges Loch. So als hätte jemand einen riesigen Felsbrocken aus grosser Höhe auf das Münster fallen lassen. Ein Experte von der Münsterbauhütte, der nicht namentlich genannt werden wollte, habe geschätzt, diese Schäden würden in die hunderttausende gehen.

Im Innenraum musste etwas Schweres auf die Kirchenbänke und Stühle gedonnert sein. Diese seien zerschmettert und nicht mehr zu retten. Allerdings seien diese aber auch von geringem historischen Wert. Glücklicherweise. Mehrere Fotos zeigten eine riesige verschmierte Blutlache. Nicht ganz geglückt fotografiert dann eine Spur, die sich bis zu schweren Porte nach vorne zog. Einige Polizeidreiecke markierten die Orte, wo es gemäss Polizeiprotokoll zur Auseinandersetzung mit der Verrückten gekommen war. Die Reporter und der Mediensprecher vor dem Spital schienen leicht genervt. Eveline Martin zögerte noch immer, überlegte einen kurzen Moment, ob sie selbst ins Münster gehen sollte, um nachzusehen, was dort losgewesen war.

Vor dem Universitätsspital entstand plötzlich Bewegung. Eine Limousine war vorgefahren. Mit einem päpstlichen Winken grüsste Mike Shiva mit Sonnenbrille, einer langen Halskette, Kopftuch und einem kleinen Pudel im Arm die Reporter. Sofort drehten sich die Kameras, grinsten die Journalisten. Der Hellseher war in den letzten Jahren der lokalen Presse kaum mehr eine Schlagzeile wert gewesen. Mehrmals hatte er sich versucht, sich vor die Kameras zu drängen. Aber es war dem immer überschminkten Mann seltener und seltener gelungen. Aber heute war die Meute hungrig. Sie brauchten Soundbites, da spielte es keine Rolle, dass ein Fernseh-Hellseher nicht unbedingt eine Ahnung von Engeln haben musste. Niemand hatte eine Ahnung von Engeln, weil es keine Engel gab, dachte sich Eveline Martin als sie das Schauspiel aus sicherer Entfernung betrachtete. Die Welt war einfach verrückt.

Shiva strahlte die wartenden Reporter an. Das Hündchen in seinem Arm bellte schwach und röchelnd. Den Patienten, die zur Behandlung ins Spital kamen, wurde heute etwas geboten. Immer mehr Menschen verstopften die beiden Einfahrten. Das I-Phone der Ärztin fing an zu vibrieren. Sie war nicht überrascht, dass der Direktor erneut versuchte, Druck zu machen. «Karl, ich bin auf dem Weg», sagte sie, war sich aber schnell bewusst, dass ihre Stimme unsicher klang. «Um etwas Definitives sagen zu können, muss ich aber zuerst die Patientin nochmals sehen.»

Karls Büro lag mehrere Stockwerke über dem von ihr. Es war auch einiges grösser. Sie schätzte, dass unterdessen 6’000 Leute im Uni-Spital arbeiteten. Kein Wunder war er etwas arroganter als früher. Schon als Student hatte ihn die administrative Seite mehr begeistert als die Medizin. Kosten und Tarife waren ihm schon in Biel wichtig gewesen. Aber sie wollte sich nicht beklagen, sie setzte sich die Kante seines riesigen Schreibtisches. Er telefonierte hektisch und wedelte mit den Händen. Lange her, seit er jemanden operiert hatte. Eveline Martin fühlte sich müde. Der Blick über die Altstadt war höchstens ein kleiner Trost.

Die Begegnung mit Duma war ganz und gar kein Trost gewesen. Sie war ihren Fragen ausgewichen, hatte dabei aber offen und wach gewirkt. Keinesfalls wie eine Verrückte. Noch immer bekam sie allerhärtestes Morphium gegen die Schmerzen und einen ganzen Cocktail von anderen Medikamenten, aber dies schien sie keine Sekunde aufzuhalten. «Deine Träume sind grau, du hast zu wenig geschlafen, zu wenig Zeit gehabt, sonst hätten sie mehr Farbe.» Dafür blieben einfache Fragen, wie diejenige, wer sie war unbeantwortet. Duma hatte gesagt: «Einmal, bevor sie mich aus dem Kinderheim rausgeschmissen haben, haben sie mich Stranny genannt.» Auf Nachfrage hatte sie gesagt, dass sei russisch. Sie habe sich daran erinnern können, in einem Heim ausserhalb von St. Petersburg gewesen zu sein. Aber dort habe sie nicht bleiben können. Sie glaube, sie habe im Kinderheim in St. Petersburg ohne es zu wollen ein anderes, kleines Mädchen umgebracht.

«Wahrscheinlich konnte ich mich erinnern, wegen dem guten Zeug, das ihr mir hier reinlässt, da habe ich etwas mehr Raum für meine Träume, meine eigenen Erinnerungen. Das habe ich sonst nicht so viel.» Eveline Martin hatte nach einem Ausweis gefragt. Nach den Eltern. Duma schüttelte auf dem Bett traurig den Kopf. Martin überprüfte die Medis. Die Werte auf der Konsole, Herz- und Pulsfrequenz. Irgendetwas stimmte nicht. Niemand war nach all dem so fit. Niemand. Zudem hatte Duma kaum mehr geschlafen als sie selbst und ihr Herz raste. Sie spürte die Anstrengung. Sie fragte, ob sie wisse, wie alt sie sei. «Ich war lange eine Kind, jetzt bin ich schon ziemlich lange eine junge Erwachsene. Ich kann das nicht so richtig sagen. Aber Frau Rüdisuehli ist schon lange gestorben. Das ist traurig.» Diese Frau sei die Leiterin des Schifferkinderheims in Kleinhünigen gewesen. Wegen ihr möge sie Basel, obwohl die Leute auf der ganzen Welt träumen würden und sie eigentlich nicht hierbleiben müsse.

Eveline Martin war eine erfahrene Ärztin. Sie wusste, Widerspruch gegenüber einer Patientin brachte nichts. Sie musste einfach Geduld haben. Vertrauen aufbauen. Aber sie war müde. Der Direktor wollte Antworten. Sie brauchte Antworten. Duma sagte: «In Kleinhüningen hat mir Frau Rüdisuehli einen Namen gegeben. Sie nannte mich Duma, weil ich immer von Träumen redete. Damals war ich noch klein und die Träume haben mich so müde gemacht. Ich habe nicht verstanden, dass es nicht meine Träume sind, sondern die von den anderen. Die von allen anderen. Das habe ich nicht gewusst. Wenn ich nicht so müde gewesen wäre, hätte sie mich vielleicht nicht rausgeschmissen. Sie haben mich damals als ich noch ein Mädchen war immer rausgeschmissen.»

Karl legte den Hörer abrupt auf, schwenkte in seinem Sessel herum, versuchte sie mit einem energischen Blick zu beeindrucken: «Was tun wir? Dieses Affentheater kann nicht mehr lange so weitergehen.» Seine markanten Gesichtszüge erschienen etwas ausgemergelt von zu viel Fitness, es gelang ihm nicht die Ratlosigkeit zu verbergen. Ungewissheit war nicht sein Ding. Fallzahlen, Tarife, Optimierungen im Ablauf: Das war etwas, da war er dabei. Eveline Martin stellte sich ihre eigenen Gesichtszüge vor, die Augenringe, die feinen Linien, die die Übermüdung hinterlassen hatte. Sie wusste vom Licht in ihren blauen Augen, zweifelte allerdings daran, ob es gerade nicht erloschen war.

«Ich habe keinen Grund meine Ratlosigkeit zu verstecken, ich weiss nicht, was mit der Frau los ist. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie noch lebt. Aber sie lebt nicht nur, ihr geht es körperlich eigentlich besser als dir und mir.»

«Sie hat Schmerzmittel, sie bekommt das ganze Programm, ich habe es gelesen, es kann nicht sein, dass sie ansprechbar ist», Karl sah sie neugierig an. Er wollte klarmachen, dass er seine Hausaufgaben gemacht und die Krankenakte gelesen hatte und sich nicht verarschen lassen wollte.

«Karl, sie müsste eigentlich tot sein. Die Knochenbrüche, das Hirntrauma, das ergibt keinen Sinn. Darum die Worte: <Ratlosigkeit> und <tot>, ich will nicht ungeduldig erscheinen, aber ich verstehe es einfach nicht und kann nicht mehr sagen.» Eveline Martin sagte ihrem Boss nicht, wie sehr sie medizinische Rätsel mochte. Obwohl die Fakten dagegen sprachen, glaubte sie noch immer, dass die Frau, die sich Duma nannte, die Polizisten, die Sanitäter und sie selbst irgendwie hatte täuschen können. Es war nicht so selten, dass Psychopathen es schafften, andere in ihren Wahn zu verstricken. Das erschien wahrscheinlich. Aber sie hatte keine Ahnung, wie das mit so vielen Leuten hätte funktionieren sollen.

Aber dann war da noch die Sache mit den Medikamenten, die jeden anderen umgehauen hätten.

«Kannst du dich ordentlich hinsetzen, für einen Moment so tun, als würdest du meine Arbeit nicht verachten?», meinte Karl ungeduldig. Unwillig rutschte sie von der Tischkante. Sie sagte nachgiebig: «Ach Scheisse, das hat nichts damit zu tun, vor drei Stunden war meine Schicht fertig und jetzt hocke ich schon wieder hier, das ist einfach nicht so leicht.» Einen Moment lang fiel die Fassade. Karl schien sie verstehen zu können. In seinem Büro wirkte er sogar wieder jünger. Nicht mehr wie ein Direktor, der seinen Hintern in unzähligen Sitzungen flachdrückte, sondern mehr wie der junge Arzt, der etwas tun wollte. Und den hatte sie besser verstanden. Solange, wie sie den gleichen Traum geträumt hatten.

Sie versuchte, ihm so gut wie möglich zu erklären, was sie wusste. Sie sagte ihm, dass sie den Polizeirapport gelesen hatte. Die Aufnahme von der Sanität, erklärte ihm die Werte und sagte schliesslich, dass sie die Frau noch etwas behalten wolle. Langsam kam der Direktor um den Tisch. Er setzte sich gegenüber von ihr hin und stützte seine Ellenbogen auf seine Knie. Er sagte: «Können wir sie daran hindern, dass sie Unsinn macht? Sie soll verschwunden gewesen sein.»

«Sie war wieder da, als ich nachsehen ging.»

«Das ist nicht beruhigend. Es scheint so, als könnten wir sie nicht so leicht loswerden. Einerseits will sie die psychiatrische nicht einfach so übernehmen, andererseits, haben wir sie so oder so, so lange am Hals, bis die rechtliche Situation geklärt ist. Da die Polizei eine so schwerverletzte Person nicht in Sicherheitsverwahrung nehmen kann.» Irgendwie war sie erleichtert. So mühsam und verwirrend Duma war, so reizvoll war es herauszufinden, was mit ihr los war.

Eveline Martin hatte es nicht gewollt. Aber sie gaben um elf Uhr eine Pressekonferenz. Von Mike Shiva angestachelt, gingen alle Fakten unter. Der Polizeichef war auch keine Hilfe. Er meinte nur, es sei nicht Sache der Polizei «übersinnliche Phänomene» zu analysieren. Schliesslich und endlich habe man nur gewissenhaft protokolliert, was die einzelnen Protagonisten ausgesagt hätten. Und da sei halt vom «Pandämonium» und diesen «Dingen» die Rede gewesen. Karl hatte ebenfalls einen Plan. Er pries die Leistungen des Uni-Spitals, bat um Ruhe für die Patienten und wehrte alle Fragen ab und verwies auf die behandelnde Ärztin, die glücklicherweise trotz einem langen Nachtdienst zur Verfügung stehe.

Am Ende ging ihr Mike Shiva am meisten auf die Nerven. Nicht nur litt der schwächliche Pudel immer offensichtlicher unter Wassermangel, sondern Shiva wollte unbedingt etwas Übersinnliches rausholen. Sie wiederholte die Worte: «Persönlichkeitsschutz, Patientenrechte», wie ein Mantra und doch gab sie ihnen damit schon zu viel. Wenn die Frau menschlich und dann eben schwer verletzt sei, warum könne sie es nicht einfach auf den Tisch legen. Bei all den Fragen entstand eine Art «negative Logik», die zu immer wilderen Spekulationen führte. Aber wie Eveline Martin wusste, waren es genau die Fragen, die sie sich auch stellte. Sie selbst schloss dabei allerdings das den übersinnlichen Mist aus.

Obwohl im Konferenz-Zentrum des Uni-Spitals mindestens sechs Fernsehteams dabei gewesen waren, um zu filmen, ging alles zu schnell, um nachher klar sagen zu können, was genau geschehen war. Offensichtlich lagen Dumas Sprünge noch immer leicht daneben. Sie landete ausgerechnet neben Mike Shiva aus dessen schwachen Händen der Pudel gepurzelt wäre, hätte sie ihn nicht rechtzeitig aufgefangen. Mit einem kurzen Fluch und dem Pudel in den Armen sprang Duma zurück in ihr Zimmer. Da sie mit dem Vieh nicht viel anfangen konnte, wollte sie das Tierchen zurückbringen. Beim zweiten Sprung landete sie mit dem röchelnden Tierchen neben Karl, der auch nicht wusste, wie ihm geschah. Der Polizeidirektor war unterdessen auf den Beinen, bereit seine Sturmtruppen herbeizufunken. Einen Augenblick stand die Prinzessin der Träume mit dem am Rücken offenen Spitalhemd und dem Hund in den Armen da und musste sich erst einmal orientieren. Dann grinste sie, sah auf den Hund, sah auf Karl und legte ihm das Tier in die Arme.

Die Ausrede mit der technischen Panne, die sich der Polizeichef und Karl zurechtlegten, wurde durch den dritten Sprung schliesslich überflüssig. Duma hatte die erschrockenen Männer in ihren Anzügen auf dem Podium nicht wirklich beruhigen können. Aber als sie genau auf dem Bett gelandet war, fühlte sie sich selbstbewusst und sprang nochmals zurück, um die Eveline Martin zu umarmen. Sie flüsterte ihr ins Ohr: «Schmeiss mich nicht raus, alle schmeissen mich immer raus, aber hier kann ich mich erinnern.» Eine seltsame berührte Ärztin versuchte sich zu sagen, dass das alles Wahnsinn war, aber irgendwie verstand sie Duma besser, als sie zugeben wollte. Mit dem dritten Sprung endete die Pressekonferenz im Chaos. Die Polizisten des Polizeichefs räumten den Saal, Mike Shiva wollte seinen Pudel vom Direktor des Spitals zurück, den Kameramännern erschien ihre Arbeit plötzlich als irgendwie gefährlich ein.

Trotz Worten wie «Debriefing», «Standortbestimmung» und «Analyse der Lage» konnte Eveline Martin nicht mehr. Sie sprach kurz mit Karl und stolperte dann aus irgendeinem Taxi, das ihr irgendwer gerufen hatte, Julien, der sie nur noch mehr mochte, wegen ihren «Schwierigkeiten» mit der Polizei brachte sie in der Aeschenvorstadt nach oben. Sie war am Ende, konnte nur noch pennen, aber im Lift hatte sie Mal um Mal «kollektive Psychose, kollektive Psychose», gemurmelt. Aber auch dafür hatte sie der Portier bewundert. Oben war es Eveline Martin, die ihr Leben lang gerne geträumt hätte, egal. Sie fiel aufs Bett und wollte nur schlafen.

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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