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Die Freuden der Faulheit!

Sodeli, sagte ich, jetzt schreib ich noch ein bisschen Kolumne. Kolumne klingt einfach gut, es ist die Spitzendisziplin aller Schreibenden, die nicht gut schreiben können. Mit ganz winzigen Ausnahmen. Die finden sich nicht im Magazin des Tagesanzeigers, für den ich wieder mal ein Probeabo bestellte. Das dauert nur fünf Wochen, danach kann man aufatmend den Berg Altpapier verschnüren und fernsehen beim Morgenkafi, statt sich zu „informieren“, oder eben langweilige Kolumnen, u.a. von frisch emeritierten Profs lesen zu müssen, die von der Redaktion angeheuert wurden, weil so ein Prof dem Heftli akademischen Glanz verleihen soll. Believe me, keine gute Idee, denn Profs, die an der Uni ihre Studis gelangweilt haben, sollten nicht einen Freibrief erhalten, nach der Berentung selbiges via Zeitung zu tun. Aber ich schweife ab. Ich möchte heute über die Freuden der Faulheit sprechen.

Ich war schon immer faul, ich war ein faules Kind, eine faule Teenagerin, eine faule Hausfrau, eine faule Journalette & Autorin. Ich hatte jedoch die Fähigkeit, das gewünschte Pensum in letzter Minute meist glänzend hinzukriegen. Und während ich dieses oder jenes erledigen musste, träumte ich mich dabei vor ein spannendes Buch, in die Luft guckend auf dem Sofa. Das ist immer noch so. Gerade heute ertappte ich mich, wie ich auf der Fitnessmatte, nach einer flüchtig hingelegten Staffel Beckenbodenübungen, fröhlich an die Zimmerdecke guckte und dachte, ahh, ist das schön, einfach hier zu liegen. Ich wusste gar nicht, dass ich so eine schöne Zimmerdecke habe. Gut, dort in der Ecke könnte man mal die Spinnweben entfernen, doch wieso eigentlich, denn dort wohnt ja eine Spinne. Eben.

Am schwersten ist die Verteidigung gesunder Faulheit im Sommer. Am Wochenende. Da muss man nach draussen, ins Freie. Ich war mal an so einem Wochenende draussen, im Dörfli, dann am See. Dort traf ich alle, die an Frischluft glauben. Millionen wälzten sich von da nach dort. In der Luft wabberten Schweiss und Bratwurstschwaden. Als ich aufatmend zuhause auf dem Sofa lag, verstand ich die Hasstiraden von Barcelonesen und Venedigerinnen, die ihre Städte gegen Freilufttouris verbarrikadieren wollen. Aber irgendwie war ich auch froh, dass es hier auch so rammelvoll ist, denn so kann ich getrost sagen: Am Wochenende an diese Stampede an den See, in die Stadt?, ich bin doch nicht lebensmüde! Ich bliibe lieber fuul dihei!!

Daheim kann man so schöne Dinge machen. Das erklärte ich neulich einem befreundeten Paar, das gerade eine Japanreise plant. Er wills, sie eigentlich nicht. Sie will in ihrer Freizeit auch lieber nichts tun, doch wenn man paarweise lebt, kann man sich oft nicht verweigern. Man müsse doch etwas erleben, Kultur tanken, sagte er. Ich winkte ab, sicher nöd! Eine Bekannte schickte mir einige Zeit lang, Dutzende von Links zu schönen Reisezielen, man müsse sich aufraffen, die Tapete wechseln, das tanke einem auf. Ich fand das Ansehen der Links schon so anstrengend, dass ich mir das Hinreisen frohen Mutes ersparte. Ja, ich weiss, ich bin total gegen den Trend. Alle wollen aktiv sein, verreisen, Neues ausprobieren. Ich nicht, ich glaube, ich habe alles schon mal erlebt. Drum muss ich nicht ausschwärmen und mich für für nichts nochmals anstrengen. Alles, was ich kann, habe ich längst gelernt.

Zum Beispiel Konfitüre machen. Während aktuell alle in der Sonne kochen, kochte ich zuhause gemütlich ein einziges Glas Aprikosenkonfitüre. Aber erst, nachdem ich auf der Fitnessmatte an die Decken geguckt, einige Folgen „Marcella“ (Krimi auf Netflix) angeschaut hatte. Und sehr bedauert hatte, dass ich einen klitzekleinen, aber sehr hübschen Ring verloren hatte. Den hatte ich nämlich am Morgen aus der Dusche geworfen, weil ich ein Peeling auftragen wollte. Ja, keine gute Idee, das Werfen, denn natürlich vergass ich, ihn gleich nach dem Abtrocknen, aufzuklauben. Und so war er weg. Ich kroch mit der Taschenlampe ein wenig im Badezimmer umher, äugte unter den Waschturm, nichts. Also sagte ich mir, dass dieses Ringlein nun eben irgendwo unter einer Staubmaus ruhe. Die nächsten hundert Jahre. Und da könne man nichts machen.

Ausser nun einige Aprikosen ziemlich klein zu schnetzeln, mit zwei Esslöffeln braunem Zucker langsam aufzukochen, etwas Zimt drüberzustäuben, gemütlich vor sich hin köcheln zu lassen, dann wenn der sogenannte Breitlauf entstanden ist (auf einem Tellerchen sollte ein Klacks Probekonfi gleich dicklich werden), sie in ein gebrauchtes Einmachglas füllen (aber keins, in dem vorher Cornichons waren!), gut verschliessen, sich auf den Sonntagszopf mit dieser Konfi freuen, oder sie schweren Herzens verschenken, wenn man auf Besuch, den man nicht mehr absagen konnte, geht. (Ja, das war jetzt ein Rezept, geschickt im Text versteckt)

Zum Schluss noch die Sensation des Tages. Tatatata! Ich habe das Ringli gefunden. Sie glauben es nicht, in meinem Mini-Garten. Ich hatte nämlich, obwohl ich ja angeblich sehr faul sein will, nach dem Duschen die Badematte nach draussen gehängt, daran das unschuldige Schmuckstück verhängend, das dann neben dem Gartenschlauch landete. Und als ich nach dem Konfikochen noch ein wenig den Garten spritzen wollte, sah ich es. Ein Schritt weiter, ich hätte es womöglich in die Erde gebodigt. Nun weiss ich nicht, ob ich es gefunden hätte, wenn ich nicht Mitleid mit dem welkenden Feigenbaum gehabt hätte und in einem Anfall von Aktionismus diesen wässern wollte. Oder hätte ich es etwa gar nie verloren, wenn ich nicht wie eine fleissige Hausfrau die Badematte nach draussen zum Trocknen schleppe? Oder sollte ich doch einfach aufhören zu hirnen und mich freuen, dass es wieder an meinem Finger steckt?, neben mir ein schönes Glas Konfi steht, jetzt gleich ein fröhlicher Freund anvelölen wird, mit dem es sicher sehr lustig wird. – Ja wurde es. All das hab ich daheim erlebt. Ist das nicht wundervoll?

www.marianneweissberg.ch

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Marianne Weissberg

Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

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