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Duma VIII: Erinnerungslücken

Immerhin. Sie machte sich keine Sorgen wegen der Wohnungseinrichtung mehr. An manchen Tagen schlief die Ärztin einfach im Spital. Seit der Pressekonferenz wurde das Haus am Aeschenvorstadt von der Presse belagert, der Eingang von der Polizei bewacht. Eveline Martin sprach am I-Phone mit ihrer Mutter. Sie wollte sich durch den Garten davonschleichen. Sie hatte die Einladung abgelehnt, die Eltern in Frankreich zu besuchen. Die Versuchung dem ganzen Rummel zu entkommen war gross. Zudem war sie mit ihren Untersuchungen von Duma keinen Schritt weitergekommen. Sie hatte sich verabschiedet und kletterte über einen kleinen Zaun im Hinterhof. Die BBC-Reporterin Sara Hall kannte sie schon. Seit Tagen versuchte die Frau ein Interview zu bekommen. Irgendwie hatte sie sogar ihre Handynummer herausgefunden

«Frau Martin, Frau Martin, haben Sie einen Moment?» Die Ärztin schwenkte abweisend ihr Mobiltelefon und ging einfach weiter. Eveline Martin sah sich gehetzt um, hoffte, sie würden kein Aufsehen erregen. Es war beängstigend von einer Horde Reporter eingekesselt zu werden und von allen Seiten Fragen zugebrüllt zu bekommen. «Hören Sie, ich will nur kurz mit ihnen reden. Warten Sie.» Die Reporterin ging neben ihr her, drückte auf ihren Autoschlüssel, um den Mietwagen zu verschliessen.

«Ich kann Ihnen nichts sagen. Und ich darf es auch nicht, sonst bekomme ich Ärger.» Die Reporterin sagte ziemlich leise: «Vielleicht kann ich Ihnen ja helfen. Ich bin sicher, die sagen Ihnen auch nicht alles.» Sara Hall trug Jeans, eine zerknautschtes Hemd und wirkte erschöpft, wahrscheinlich hatte die Engländerin die ganze Nacht vor dem Haus gewartet. Eveline Martin hasste sich dafür, dass sie Mitleid hatte, aber sie zog die Reporterin etwas weiter weg vom Haus hin zu einer Bank in der Grünanlage zwischen den Tramgeleisen und der Strasse. Hier schien es sicher, eine ältere Dame ging mit dem Hund spazieren. Mit Regenmantel und Schirm war sie für jedes Wetter vorbereitet.

«Was wollen Sie, ich bin schon spät dran?», sagte Eveline Martin. Die Reporterin suchte in ihrer Jacke nach irgendetwas. «Das hier ist alles <Off The Record>, sie müssen es nicht aufschreiben. Aber Hall hatte nur nach Zigaretten gesucht. «Wir haben die Polizeiakten, die sie auch gelesen haben. Ihren provisorischen Bericht haben wir auch. Sie sagen, sie können bei der Frau keinerlei Anzeichen einer pathologischen psychischen Störung finden. Es gebe allerdings Anzeichen dafür, dass der <Engel> Erinnerungslücken habe.» Die Journalistin zündete sich eine Zigarette an. «Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe einfach die Untersuchungen gemacht, sie haben nichts Aussergewöhnliches gezeigt.» Die Ärztin musste nicht genau hinsehen, um zu bemerken, dass ihr Hall nicht glaubte.

Die Untersuchungen waren nicht nur seltsam gewesen, weil sie die Befunde hatte grösstenteils hatte alleine durchführen müssen. Ihr Studienkollege und jetziger Chef, Spitaldirektor Karl Saner wollte, dass die Behandlung diskret stattfände. So hatte sie wieder selbst Röntgenuntersuchungen durchführen müssen. Ganz einfach war das nicht gewesen. Für die Scans des Schädels und die Messungen der Hirnströme hatte es dann aber natürlich doch Spezialisten gebraucht. Einen erfahrenen Psychologen zuzuziehen, hatte sich Karl aber geweigert. Offensichtlich sass dem Spitaldirektor die Regierung im Nacken. Der Gesundheitsdirektor Christian Wassermann geriet mehr und mehr unter Druck, da sein Departement nicht erklären konnte, wie die Frau den Sturz aus mehr als dreissig Metern durchs Münsterdach hatte überleben können.

Um Duma war es etwas ruhiger geworden. Noch immer tauchte sie überall im Spital auf. Ihr Lieblingsort schien immer noch oberste Stock im Klinikum zwei zu sein. Kurzerhand hatte Karl den Stock schliessen lassen. Auch der Hubschrauberlandeplatz wurde nur noch im äussersten Notfall benutzt. Der Spitaldirektor wollte unbedingt vermeiden, dass die unvorsichtige Frau von Rotoren zerfetzt wurde. Der Engel half immer noch bei der Essensausgabe und tröstete die Senioren. Es geschah allerdings unauffälliger und seit am Spitaleingang Besucher und Personal mit Metalldetektoren nach elektronischen Geräten abgesucht wurden, hatte es weniger Fotos gegeben.

Die Begegnungen mit Duma waren seltsam. Eveline Martin wusste nicht, warum die Frau einfach im Spital blieb und sich geduldig wie ein Versuchskaninchen, allen Untersuchungen unterwarf. «Ich schlafe nie», hatte sie gesagt, als ihr die Ärztin vor dem Ganzkörperscan Beruhigungsmittel anbot, da es in der Röhre eng werden könne. Aber sie möge das Morphium, dass fände sie vor allem am Abend eben «beruhigend». Duma grinste: «Ihr habt guten Stoff hier. Den Besten. Ich erzähle es aber nicht weiter.» Mit solchen Dingen konnte die Ärztin nicht viel anfangen. Doch nur ein Junkie mit einer Psychose? Allerdings zeigte die Patientin keinerlei körperliche Beeinträchtigungen durch die Drogen. Die Blut- und Organwerte der Frau erholten sich beinahe sofort wieder.

Unterdessen waren ihr die medizinischen Untersuchungen ausgegangen. Viel hatte sie nicht mehr zu tun. Die Gespräche mit Karl waren eine Zumutung. Er wollte Resultate, etwas, was er der Öffentlichkeit in den gierig geöffneten Schlund werfen konnten. «Ich weiss nicht, was wir finden könnten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass sie sich sehr schnell regeneriert. Sie verträgt Anstrengungen sehr gut. Aber sonst gibt es nicht viel Auffälliges.»

Der Spitaldirektor lockerte dann immer seine Krawatte, so als würde sie ihn würgen und schliesslich sagte er: «Wir müssen dranbleiben, da muss etwas sein. Die machen mir die Hölle heiss.»

Es blieb noch der psychologische Befund. Aber Eveline Martin spürte, dass ihr schon die Distanz zu ihrer seltsamen Patientin fehlte. Duma erschien ihr kindlich, irgendwie unfertig und trotzdem schien ihr nichts Menschliches fremd. Zwar hatte die Patientin gesagt, sie kenne ihr Alter nicht. Martin schätzte das Alter aufgrund des körperlichen Zustandes auf etwa 34 Jahre ein. Duma hatte dazu nur gesagt, sie sei jetzt schon ziemlich lange so, wie sie jetzt sei. Die Ärztin war aber nicht näher darauf eingegangen. Denn als sie über Erinnerungen gesprochen hatten, war ihr schon aufgefallen, dass sie gesagt hatte, sie sei lange ein kleines Mädchen gewesen. Darauf angesprochen, dass sie kaum jahre- oder jahrzehntelang ein Baby oder Kleinkind hätte sein können, da dann ja die Eltern zu schnell alt würden, war es Eveline Martin so vorgekommen, als wolle die Frau flüchten, sie wirkte, als fürchte sie sich. Schliesslich hatte sie nur gemeint, sie könne sich nicht erinnern.

«Frau Martin, haben sie sich schon einmal überlegt, dass wir es mit einer Massenpsychose zu tun haben könnten. In ihren Berichten haben Sie ja nichts Auffälliges gefunden». Durch die St. Alban-Anlage kam die ältere Dame mit dem Pudel wieder auf sie zu. Die Reporterin, die etwas kleiner und etwas älter als Martin war, sah neugierig zu ihr auf. Ihr Blick war klar und direkt. Es lag etwas Hungriges in den bläulichen Augen. Die Ärztin kannte einige Berichte aus der Fachliteratur. Da gab es etwa Fälle in Schulen, bei denen es nach einer Falschmeldung wegen Erdnussbutter zu körperlichen Vergiftungssymptomen kam, obwohl es sich schnell herausstellte, dass die Erdnussbutter in Ordnung gewesen war und das Bauchweh eingebildet war.

«Ich denke schon, dass Freud recht hatte», sagte Eveline Martin. Der Pudel zog die Dame zu einem Busch rüber und hob das Bein. In der Anlage waren nicht viele Leute unterwegs. Die Leute waren alle schon bei der Arbeit und die Kinder in der Schule. «Da ist die Hysterie der Frauen, die unter der sexuellen Unterdrückung litten …»

«Ja, ja das habe ich alles gelesen. Es ist auch nur eine Theorie. Aber haben Sie von der Arjenyattah-Epidemie gehört. Fast tausend Schüler in Palästina bekamen innerhalb von kurzer Zeit massive Symptome. Sie hatten einfach Angst gehabt.» Hall erklärte, es gebe auch immer wieder Phänome einer «moralischen Panik», diese entstehe, wenn eine besondere Gruppe von den Medien in den Fokus genommen werde und ein Spiraleffekt entstehe, obwohl nicht klar sei, was geschehen war. «Und hier haben wir es jetzt mit Engel und Christen zu tun.» Hall erklärte, dass die Geschichte immer unwirklicher werde.

Eveline Martin roch den Braten, sie sagte: «Sie meinen, wenn wir den Engel allen zeigen würden, so würde die Geschichte an Schwung verlieren. Das Mysterium wäre weg?»

«Sie schreiben ja selbst, da ist nichts Auffälliges. Es könnte nicht schaden. Dann könnte ich mich endlich wieder um richtige Stories kümmern. Mein Chef muss mich wirklich nicht mögen. Engel, du meine Fresse!»

«Das tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass ich so viel zu sagen habe.» Weder Hall noch Martin wussten, dass der PR-Guru Klaus J. Stoelker aus Zürich schon im Zug sass. Er war auf dem Weg zu einer Besprechung mit Gesundheitsminister Christian Wassermann und Polizeidirektor Hausi Schweizer. Die beiden Basler Regierungsmitglieder wollten von dem Medienberater wissen, wie sie sich selbst und die Stadt endlich aus den Schlagzeilen herauskommen würden.

Klaus J. Stoelker hatte keine gute Laune, als er in der St. Alban-Vorstadt eintraf. Der Ausblick über den Rhein war im Sanitätsdepartement zwar herrlich, aber der teuerste Kommunikationsberater der Schweiz ärgerte sich. Der kleine dicke Mann war gut über siebzig. Den Mercedes liess er unterdessen lieber zuhause stehen. Er fühlte sich im Zug sicherer. Selbstzweifel kannte er eigentlich nicht. Den Medienrummel hatte er natürlich mitbekommen. Eine Fähre kreuzte langsam über den Rhein. Die Regierungsräte liessen ihn warten. Das Wasser glitzerte träge in der Morgensonne.

Sein Blutdruck war immer etwas zu hoch, aber heute leuchtete Stoelker richtig. Für einmal war er nicht sicher, ob er sich auf die Sache hätte einlassen sollen. Auf der Zugreise war ihm klargeworden, dass die Lage verfahren war. Ein Engel, ein beschädigtes, historisches Gebäude und dann der Medienrummel. Stoelker wusste auch, dass man gegen die Frömmler, die an einen Engel glauben wollten, nichts ausrichten konnte. Gegen das Mysterium des Glaubens konnte man nie viel ausrichten. Sagte man, dass sei alles Quatsch, würden die Frömmler einfach entgegnen können, dass man von Ungläubigen schlicht nicht erwarten konnte zu glauben.

Die Frauen tauschten ihre Mobilnummern aus, es war schwer zu sagen, ob die Englische Reporterin je mit einem Anruf der Ärztin rechnen durfte, aber sie sagte: «Natürlich bin ich auch schon falsch gelegen, aber ich denke, sie wollen auch aus der Sache raus. Und vielleicht kann ich Ihnen ja helfen.» Eveline Martin nickte, sie sagte: «Es tut mir leid. Ich kann Ihnen wirklich nicht viel mehr sagen.» Die Ärztin realisierte, dass sie das erste Mal seit Jahren nicht genau wusste, was sie tun würde, wenn sie ins Spital kam. Normalerweise war ihr Alltag genau durchgetaktet. Meist war sie ein bisschen verspätet. Es fehlten immer einige Minuten bis zur Visite. Notfälle, Nachuntersuchungen oder Sitzungen auf der Station. Jetzt hatte sie nur eine Patientin und dieser ging es nicht einmal schlecht. Sie fühlte sich etwas ratlos. Es war das gleiche Gefühl, das sie manchmal hatte, wenn ihr Urlaub vor der Türe stand, dann wusste sie auch nicht genau, was sie machen sollte. Die Reporterin steckte sich noch eine Zigarette an, nickte Eveline Martin zu und ging schliesslich zu ihrem Mietwagen zurück. Die Ärztin ging an der Frau mit dem Pudel vorbei, grüsste sie und hatte es nicht eilig ins Spital zu kommen.

Regierungsrat Wassermann kam gross und hager als erster ins Sitzungszimmer mit Rheinsicht hinein. «Es tut mir leid, dass Sie warten mussten, aber die Sitzung zur Spitalfusion ging etwas länger.» Die Männer schüttelten sich die Hand. «Sollen wir anfangen, Kollege Schweizer kommt in einigen Minuten dazu.» Stoelker setzte sich sorgfältig an den Tisch und wartete erst einmal ab. Wassermann sagte: «Wir haben ein Problem. Das Bild der Stadt leidet. Basel-Stadt soll ein moderner Wissenschaftsstandort sein. Jetzt werden wir von religiösen Spinnern überrannt, die wollen, dass in unserem Spital ein Engel gelandet ist.» Der Regierungsrat schien zu spüren, dass seine Worte nicht entschlossen, sondern ratlos klangen. Inzwischen war auch der Polizeichef mit einem kurzen Nicken zur Begrüssung ins Sitzungszimmer gekommen. Er legte gleich los: «Wir müssen nur die Untersuchungsresultate veröffentlichen, dann wird schnell klar, dass sie eine ganz normale Frau ist.»

«Das Problem ist, dass deine Polizisten den Polizeibericht nicht für sich behalten konnten und die Welt glaubt, das «Pandämonium» stehe bevor, weil ein Engel sagt, ein anderer Engel würde träumen. Damit haben wir es sogar auf CNN geschafft.»

Stoelker wischte sich über die Stirn. Die Geschichte mit dem Pandämonium musste er verpasst haben. Seine Sekretärin würde sie aber leicht für ihn heraussuchen können. Der PR-Berater glaubte aber sich daran erinnern zu können, dass das Pandämonium der Kampf zwischen Gott und abtrünnigen Engeln war. Vielleicht waren es sogar die Engel gewesen, die Eva den Apfel angedreht und der Welt die Unschuld gekostet hatten. Unterdessen warfen sich die Regierungsräte noch immer gegenseitig Vorwürfe an den Kopf. Stoelker sagte: «Meine Herren, diese Vorwürfe bringen uns nicht weiter. In jeder Krisensituation geht es darum, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wir müssen endlich zeigen, dass die Regierung von Basel-Stadt in der Lage ist den Lead zu übernehmen.» Stoelker fand, dass er das ganz gut gesagt hatte. Allerdings hatte er im Moment auch noch nicht die leiseste Ahnung, wie das der Regierung gelingen sollte.

Polizeichef Schweizer, zu spät gekommen, aber makellos gekleidet, richtete sorgfältig seine Krawatte. Er sagte, die Regierung habe schon sehr viel ausprobiert. Jetzt brauche man den Rat von einem Profi. In diesem Moment fühlt sich der Kommunikationsfachmann aus Zürich etwas ratlos. Er sah nachdenklich aus dem Fenster, die Fähre war auf dem Rückweg. «Schönes Büro hier», meinte er. Wassermann nickte nur abwesend. Er erklärte: «Wie gesagt, wir haben die Frau auf Herz und Nieren durchgecheckt, ihre DNA analysiert. Bis jetzt ist da noch nichts ausserordentliches zu Tage getragen. Ein erster psychologischer Check hat nur gezeigt, dass sie manchmal ein bisschen Konzentrationsschwierigkeiten hat.»

Schweizer ergänzte mit müder Stimme: «Es ist uns bis jetzt nicht gelungen, ihre Identität zweifelsfrei abzuklären. Bei den russischen Behörden läuft ein Amtshilfeverfahren. Sie scheint da als kleines Mädchen in einem Waisenhaus in St. Petersburg gewesen zu sein. Wie sie nach Basel kam, ist noch nicht geklärt.»

«Meine Herren, das hilft uns alles nicht wirklich weiter. Wenn ich Sie recht verstehe, ist der Wunsch der Regierung, dass wieder Ruhe einkehrt. Die Medien von der Pharma-Industrie sprechen, wenn sie auf Basel kommen und nicht von einem gefallenen Engel.» Es wurde still um den grossen, aber schlichten Sitzungstisch herum. Jeder der drei Männer sah in eine andere Ecke des Raumes. Die Blicke verfingen sich vielleicht an einer Jugendstil-Decke, vielleicht an einem der in der Stadtverwaltung omnipräsenten USM-Haller-Möbel. Es war Klaus J. Stoelker, der als erster wieder sprach: «Wir müssen die Informationshoheit zurückgewinnen. Dazu brauchen wir mehr Informationen. Wenn die Frau keine Geschichte hat, dann müssen wir ihr eine Geschichte geben, ein Gesicht. » Er machte eine Kunstpause und meinte dann: «Wir müssen mit den Wölfen heulen, nur lauter. Wir werden die Medien mit Informationen füttern müssen, bis sie erschlagen davon sind. Das wird von den ganzen esoterischen Theorien und die Verschwörungstheorien ablenken und diese hoffentlich entkräften.»

Die Regierungsräte Schweizer und Wassermann sahen sich an. Sie hatten gehört, was Stoelker sagte. Der Mann aus Zürich spürte, dass er Oberwasser hatte und genoss den Moment. Er sagte: «Ich wiederhole es gerne nochmals: Wir müssen die Frau der Öffentlichkeit zeigen. Wir können sie ihr nicht mehr länger vorenthalten. Sie müssen ihren Lebenslauf zusammenstellen. Keine Ecke ihres Lebens darf unausgeleuchtet bleiben. Wir brauchen einen Informationsvorsprung. Wir werden die Informationen dann häppchenweise an die einzelnen Medien verfüttern.»

Eine Stunde später war Klaus J. Stoelker fast heiser. In der Kunsthalle genehmigte er sich ein Bier, bevor er auf den Zug zurück nach Zürich gehen würde. Stoelker war zufrieden mit sich. Schweizer und Wassermann würden seine Vorschläge der Gesamtregierung unbreiten. Man hatte sich darauf geeinigt, weitere externe Profis hinzuziehen, um den Hintergrund von Duma zu ermitteln. Stoelker selbst würde von Zürich aus, die ganze Aktion steuern und gezielt erste Informationshäppchen und Indiskretionen an Journalisten streuen. Damit wollte er erst einmal Zeit gewinnen. Unter den Platanen der Kunsthalle war es an den Tischen noch ruhig. Hier war nichts um die Aufregung rund um den Engel herum zu spüren. Alles schien wie immer, aus den Büros kamen die ersten Leute zum Apéro in den Garten der Kunsthalle. Als er den Rest seines Bieres kippte, schüttelte den Stoelker innerlich noch den Kopf. Wie konnte eine ganze Stadt in den Bann von etwas kommen, was es nicht gab.

Eveline Martin verschob Aktenstapel von einer Seite auf die andere Seite ihres Schreibtischs. Die Diskussion mit ihrem Studienkollegen und Spitaldirektor Karl war ergebnislos verlaufen. Sie hatte ihn darum gebeten, den Fall von Duma abgeben zu können, schliesslich gebe es nichts mehr zu tun. Sie verstehe nicht, meinte ihr Chef. Sie müssten vorsichtig sein. Die Frau müsse im Spital bleiben. Wenn er den Fall einem anderen Arzt gebe, müsse dieser vielleicht die Frau entlassen. Und genau das wolle niemand. Die Anweisungen kämen von ganz oben. Schliesslich dankte er ihr dafür, dass sie nicht mit den Medien gesprochen hatte und schmiss sie aus dem Büro heraus.

Danach war sie kurz in ihr eigenes Büro gegangen, hatte schon da ein paar Aktenstapel verschoben und die Station angerufen, aber dort ging alles seinen gewohnt hektischen Gang. Dann konnte sie es nicht mehr aufschieben. Sie musste ihre einzige Patientin besuchen. Eveline Martin fand Duma auf der geriatrischen Abteilung. Sie sass neben einer alten Dame, die sich nur schwer von einer Hüftoperation erholte. Offenbar mochte Duma Jeans und ein übergrosses Holzfällerhemd. Die gleiche oder ähnliche Kleidung hatte sie schon gestern getragen. «Es ist nicht sicher, ob sie sich erholt. Ihre Träume sind ganz blass, sie sind weit entfernt. Scheinbar war sie einmal verliebt, aber die Vorstellung ist nicht mehr so stark.» Dumas Stimme war fast tonlos. Sie erklärte der Ärztin, dass in einem Spital die Träume ziemlich schwach seien, sie meinte, dass sei wegen der Betäubung, wegen den Medikamenten.

«Sitzen Sie viel auf dieser Station?», fragte die Ärztin. Duma nickte und erklärte, sie sei auch viel auf dem Dach. Duma blickte auf, legte die Hände auf ihre Knie und meinte: «Du glaubst mir das mit den Träumen nicht, oder?»

Die Ärztin schüttelte den Kopf, ging zum Bett der alten Dame. Die Werte in der Krankenakte waren allerdings wirklich nicht besonders gut. Aber vielleicht hatte Duma einfach eine gute Intuition. Eveline Martin entschloss sich ehrlich zu sein, sie sagte: «Ich glaube Ihnen gerne, dass sie einen guten Instinkt haben. Aber ich bin Wissenschaftlerin, da bleibt wenig Raum für Träume. Mit Träumen kann man niemandem helfen.»

Duma stand langsam auf und streckte sich, sie schien nicht genau zu wissen, was sie als Nächtes tun wollte. «Ich werde dir einen Traum erzählen. Er ist von einer Frau, du kennst sie, der Traum könnte von dir sein. Die Frau sitzt auf einem windschiefen Floss, es treibt mitten in einem gigantischen Ozean. Nirgendwo ist Land in Sicht, da ist nur Wasser und nochmals Wasser. Trotzdem fürchtet sich die Frau nicht. Sie fürchtet sich nicht und möchte auch nicht gerettet werden. Die Frau empfindet nur Frieden. Endlosen Frieden».

«Eine tolle Geschichte», sagte Eveline Martin, die Ärztin folgte Duma zur Türe. Im Gang meinte sie: «Die Geschichte, sie könnte von dir sein.»

Bild: unsplash/Ryoji Iwata

 

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

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