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In den grossen Kleiderschrank meiner Seele gehängt

Schicht um Schicht bin ich in mein Inneres vorgedrungen, in jener einsamen Nacht, als ein böser Mond am Himmel stand und tausend Sterne mich auslachten. Zudem fegte ein Sturmwind über das Hausdach, der Ziegel und sogar Dachbalken mit sich riss, um sie dann irgendjemandem, irgendwo an den Kopf zu schmettern. Mit tödlichen Folgen. Zweifelsohne.

So habe ich die erste Schicht durchdrungen. Den Alltagsmenschen. Mit seinem Beruf, seiner sachlichen Miene, seiner Höflichkeit, Dienstfertigkeit, Ernsthaftigkeit. Schon bin ich auf die zweite Schicht gestossen. Den Nachtmenschen. Mit seinen frivolen Ideen, seiner existenziellen Unruhe, seinen Ängsten und abgründigen erotischen Fantasien.

Schliesslich war ich beim Clown angelangt. Mit seiner fiesen Lache. Der nichts ernst nehmen kann, alle Worte verdrehen, alle Tatsachen in seinem Zerrspiegel einfangen, alle Autoritäten verspotten muss. Weiter stiess ich auf ein kleines Kind, das die grosse Welt nicht verstehen, nicht deuten kann, das dem Lauf der Dinge hilflos zuschaut, ohne Macht, ohne Einfluss. Das weint, gluckst, grinst. Ohne sich um das Morgen zu kümmern.

Und dergestalt machte ich weiter. Schicht um Schicht. Es waren – ach ­– so viele.

Meine psychonautische Kapsel drang in mein Inneres vor. Jede Schicht, auf die ich stiess, habe ich sodann sorgsam zusammenfaltet und in den grossen Kleiderschrank meiner Seele gehängt. An einen Bügel. Verstaut. Eingemottet.

Eine Art Schmetterlingssammlung.

Oder sind es nur Briefmarken?

Es war gleichsam wie das Öffnen einer Matrjoschka. Einer jener russischen Hohlpuppen, die eine Vielzahl weiterer Puppen enthalten. Bis man dann am Ende auf jene kleinste Puppe stösst. Den Kern der Sache.

Mit einem Unterschied: Da war kein Kern.

Als ich nämlich die letzte Schicht durchdrungen hatte, fand ich bloss einen Fingerhut voller Nichts. Eine seltsam eigenschaftslosen Substanz. Mit der ich verschmolz. Beim Einschlafen. In der Hoffnung, kein Morgen mehr erleben zu müssen. Ich vertraute mich dem unendlichen Universum an.

Und murmelte leise: «Adieu».

Doch es war nicht der gemütliche Gevatter Tod, der mich begrüsste. Vielmehr bin ich in den Traumbrunnen gefallen. Ein weiteres Bad. Im tiefen Wasser des Unbewussten.

Alltagsleben. Traumleben. Wir wissen ja keineswegs, auf welcher dieser beiden Bühnen der Lebensrealität das eigentliche Theaterstück aufgeführt wird.

Zeigt uns die Bühne des Alltagslebens jene massgebende Wirklichkeit? – In der wir in jedem Augenblick erschossen werden, vom unerbittlichen Pfeil der Zeit. Erschlagen werden, von den gnadenlosen Knüppeln der Physik. Zerrieben. Zwischen Ursache und Wirkung. Erdrückt vom allgegenwärtigen Gewicht der Gravitation.

Oder ist es vielmehr die Bühne des Traumlebens, die uns jene unverfälschte Wirklichkeit zeigt? – In der die Schauplätze unvermittelt und nahtlos wechseln. In der Personen sich in andere Personen verwandeln, flugs, manchmal inmitten eines Satzes oder einer Handlung. In der wir fliegen, ficken, töten können, ohne die Schwere jener Konsequenzen tragen zu müssen, das uns im Alltag, im Wachtag wie ein Mühlstein an der Seele hängen würde.

Also, wenn Sie mich fragen, ja dann sage ich mit Inbrunst: «Im Traum liegt das wahre Leben. Der Rest gehört ins Feuer. In die kosmische Müllverbrennungsanlage!»

Und in diesem Traum traf ich Dich wieder. Als Autostopperin. Ich habe Dich aufgeladen, beim Brandenburger Tor. Du hast ausgesehen wie eine ultralinke Terroristin der 1970er Jahre: Jeans, Army-Jacke, Sonnenbrille, Zigarette. So sexy. Ich wusste, dass ich Dich kannte, wusste, dass ich Dich liebte, ich konnte mich aber nicht erinnern, wo, wann, warum wir uns kennengelernt hatten.

Mit folgenden Worten hast Du mich begrüsst: «Heh, mein Lieber, das progressive Moment einer Herzensbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung des Herzens, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch.»

Ich fixierte Deine Locken, starrte in die dunklen Gläser Deiner Sonnenbrille, in denen ich mich spiegelte, starrte auf Deine Lippen, Brüste, Beine, Schnürstiefel.

Plötzlich spürte ich eine unendliche Geilheit in mir aufsteigen, eine ganz und gar verzweifelte, siedende.

So fragte ich Dich: «Gütige Dame, stört es Sie, wenn ich mir einen runterhole?» Deine Antwort: «Behalte Deine Hände lieber am Steuer. Ich mache es gerne für Dich.» Beim Wort «gerne» lächelte Dein Mund. Gar freundlich, ja allzufreundlich. «Das darf doch nicht wahr sein», dachte ich, Glückseligkeit wärmte mein Herz, das kaum glaubte, an die Wunscherfüllung, die da angeboten wurde.

Da sagtest Du: «Ach komm, ich würde lieber…»

Dein Haupt nähert sich meinem Schritt, diese Locken, diese Locken. Dein Haupt, hinunter, hinunter… Die Freude steigt ins Unermessliche. Deine Hände machen sich an meiner Haustüre zu schaffen.

Die Szene explodiert.

Ich erwache. Leider. Und der gemütliche Gevatter Tod hat mich halt auch nicht abgeholt. Alle Schichten meiner Persönlichkeit sind wieder an ihre angestammten Plätze zurückgerückt. Die Sonne ist bereits aufgegangen.

Du bist weg! Der Alltag hat mich wieder! So eine Sauerei! Ich reisse meine .357 Magnum – das Model M&P R8 von S&W – aus meiner Nachttischschublade. Und schiesse mir in den Kopf: Bang. Fuck you, Alltag!!! Endlich bin ich einen entscheidenden Schritt vorangekommen.

(Denn, merke, nur die Knarre löst die Starre.)

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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