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Duma X: Aufstand der Engel

«Ich bin schon viele Male gestorben, wenn Sie wollen. Aber es waren einfach Sprünge, die ich verkackt habe. Das ist mir schon viele Male passiert. Einmal bin ich direkt vor einen Schnellzug gesprungen, weil ich nicht richtig aufgepasst habe. Da hat es auch eine Weile gedauert, bis ich wieder auf dem Damm war. Manchmal ist es auch wegen den vielen Drogen, dann bin ich nicht so konzentriert und so bald ich nicht aufpasse, geht die Landung schief.»

Die Wände in der Psychiatrischen Universitätsklinik waren in beruhigenden Farbtönen gehalten, sie sollten Ruhe ausstrahlen und die Patienten nicht ablenken. Die Professorin Rhea Wiells arbeitete erst seit einigen Monaten in der Uni-Klinik, galt aber als Königstransfer unter den Psychologen. Die Mittvierzigerin aus Berlin hatte viel über Posttraumata, Gedächtnisverlust und Formation der Identität geschrieben und galt in der forensischen Psychologie als unbestrittene Koryphäe, falls es so etwas in der zerstrittenen Psychiatrie überhaupt gab. Wie immer trug die Psychologin bequeme Kleidung, eine indianische Halskette und die leichte Unordnung in ihren Haaren war so liebevoll, dass sie nur von einem der besten Hairstylisten der Stadt stammen konnte.

«Wie fühlt es sich für Sie an zu sterben. Fühlen Sie sich deswegen als etwas Besonderes, haben Sie das Gefühl, Sie kommen sonst zu kurz?»

Duma trug Jeans und ein Holzfällerhemd. Sie sah sich neugierig um und schien nicht leicht aus der Ruhe zu bringen zu sein. Auf Eveline Martin, die sie hatte begleiten müssen, wirkte sie etwas kleiner und dunkler als sonst. Trotz der Widersprüche in Dumas Biografie, meinte sie, das seltsame Mädchen aus dem Waisenhaus in St. Petersburg erkennen zu können. Da die Ärztin Duma seit ihrer Einlieferung in den Notfall am Hals gehabt hatte, hoffte sie nach dem heutigen Tag wieder an ihre normale Arbeit im Operationssaal zurückkehren zu können. Jetzt lag es an der Psychiaterin, eine Einschätzung abzugeben und vor allem zu erklären, warum die Patientin keinerlei Erinnerungen an ihre Vergangenheit hatte.

«Nein, das stimmte nicht ganz!», sagte sich Martin. Die Patientin hatte keinerlei präzise Erinnerungen an die eigene Vergangenheit. Dafür wusste Duma die verrücktesten Dinge, die kleinsten Details, egal, wie lange sie her waren. Sie hatte das nachgeprüft. Nur liessen sich diese Dinge nie zu einer ganzen Biografie zusammenfügen.

Eveline Martin hatte sich viel Arbeit gemacht, um das Phänomen zu ergründen, herauszufinden, woher diese Eindrücke stammen konnten und woher Duma ihr Wissen hatte, aber sie war noch immer gleich weit, wie am ersten Tag. Als sie ihre Patientin direkt gefragt hatte, woher sie Dinge wisse, die eigentlich gar nicht wissen konnte, sagte sie nur: «Ich kenne die Träume, und in den Träumen findest du fast alles. Sie sind wie Bilder, du musst sie nur genau ansehen. Aber meistens sehe ich sie nicht an, sondern lasse sie an mir vorbeiziehen. Aber ich könnte dir sagen, was du träumst, wenn du willst. Vielleicht ist dir dann wohler.» Die Antwort hatte Eveline Martin ratlos hinterlassen. Keine Ahnung, woher Duma wusste, dass sie sich nie an ihre Träume erinnern konnte. Nicht mehr mein Problem, dachte sie erleichtert.

«Die Nächte sind nicht immer gleich. Manchmal ist es schwer, zu viele Bilder, manchmal ist es auch zu schrecklich und ich halte es fast nicht aus, weisst Du. Dann nehme ich Drogen und warte, bis die Nacht vorbei ist. Ich spüre es dann trotzdem, aber es ist nicht so schlimm.»

«Das beantwortet meine Frage nicht, fühlen Sie sich wichtiger, wenn Sie sagen können, Sie sterben. Haben Sie sonst das Gefühl, man würde Sie vergessen. Immerhin sind Sie alleine aufgewachsen. Ist Ihre Verlassenheit der Grund für den Wunsch etwas Besonderes zu sein, den Wunsch aufzufallen?»

«Du hast als kleines Mädchen von einem Gartenhäuschen geträumt. Es liegt auf einer Lichtung im Wald. Du weisst, du kommst bald in den Kindergarten und du willst unbedingt wissen, was in dem Häuschen passiert. Du dachtest die Jungs aus der Nachbarschaft und deine Brüder hätten im Häuschen drin viel mehr Spass als du draussen. Nur durftest du nicht rein. Der Traum hat dich nie ganz losgelassen. Als junge Frau kurz vor deiner ersten Hochzeit träumtest du wieder von dem Gartenhäuschen. Diesmal stand es irgendwo neben der Uni Berlin. Aus der Sehnsucht das Verborgene zu entdecken, war da eine Gewaltfantasie gewachsen. Du träumtest von Vergewaltigung, vom Selbstverlust in der Gewalt. Es ist nicht leicht auszuhalten. Vielleicht gehst du deshalb lieber mit Frauen ins Bett. Es erscheint dir sicherer, weiter weg von dem Häuschen.»

Duma wirkte abwesend, bleicher als vorher. Ihr Gesicht angestrengt, als versuche sie sich daran zu erinnern, wo sie denn eigentlich sei.

«Wodka? Habt ihr Wodka? Das würde jetzt helfen.»

Rhea Wiells schüttelte wortlos den Kopf und schien nicht bereit, die nächste schlaue Frage zu stellen. Eveline Martin war es mittlerweile gewohnt, von Duma auf dem falschen Fuss erwischt zu werden. Sie sagte: «Kannst du die Frage beantworten, fühlst du dich wie etwas Besonderes, wenn so etwas passiert?»

«Manchmal suche ich in all den Bildern mich selbst und ich kann einfach nichts finden. Das kannst du dir vielleicht nicht vorstellen, aber ich fühle mich verloren, ich kann nicht unterscheiden, ob ein Traum,  ein Bild von mir existiert. Ich bin gefangen in einem riesigen Meer von fremden Bilder, doch ich selbst habe kein Einziges, an dem ich mich festhalten könnte. Das ist manchmal schlimm. Aber ich kann nicht sagen, warum das so ist. Ich versuche einfach weiterzumachen.»

«Warum ist es so wichtig, weiterzumachen, könntest du auch damit aufhören?», fragte Eveline Martin, da ihre Kollegin sich noch immer nicht erholt hatte.

«Jeder würde damit aufhören, wenn er könnte. Niemand würde all das wissen wollen, es ist nicht leicht zu ertragen und es geht schon zu lange. Ich würde sofort damit aufhören, wenn ich könnte. Aber ich kann nichts anderes, ich weiss nicht, wie man sonst lebt. Darum wollte mich auch niemand. Niemand wollte mich als Mädchen behalten, weil ich so seltsam war und nie wusste, ob ich es war, der diese Schrecken in die Welt setzt.»

Rhea Wiells hatte sich erholt und meinte: «Es ist nichts Aussergewöhnliches, das kleine Kinder meinen, sie seien an allem Schuld, vor allem, wenn sich niemand um sie kümmert, Sie scheinen das Problem noch immer mit sich herumzutragen. Können Sie sagen, wann Sie sich das erste Mal so gefühlt haben, wann es angefangen hat.»

«Es war Winter und würde bald dunkel werden. Auf den Strassen herrschte ein Stau und bald würde es dunkel werden, im Dezember wurde es früh dunkel, es regnete ziemlich stark und das machte die Strassen im kleinen Ort noch dunkler. Aus dem Geldautomaten war nicht viel Geld gekommen. Die Tante war verzweifelt und hatte Angst, es würde ihr nicht mehr reichen einzukaufen, obwohl sie nicht viel Geld hatte. Viel schlimmer war, dass sie nicht wusste, ob sie jemand besuchen kam, obwohl bald Weihnachten war. Sie träumte das immer wieder, während ich im Kinderheim war. Ich wusste nicht, dass ich die Strassen von London sah, wusste nicht, dass es eine ältere Dame war, die am Geldautomaten einen falschen Code eingegeben hatte und sich einsam fühlte. Erst später als ich lernte zu springen, ging ich an all diese Orte und besuchte gar Karens Haus. Leider war sie da schon gestorben. Bis dahin hatte ich gelernt, dass es manchmal besser war, die Leute zu kennen, wenigstens einen vollständigen Traum zu haben, auch wenn es der von jemand anderem war.»

«Sie sagen, Sie wurden immer abgelehnt, Sie sagen auch, es sei nicht ihr Fehler, sind Sie sicher, dass Sie nichts falsch gemacht haben?»

Duma lehnte sich tief in ihrem Sessel zurück, sie erschien jetzt kleiner und dunkler, ihre Konzentration auf das Abwesende viel stärker. Erstmals zögerte sie länger, aber Eveline Martin fand nicht, dass sie verunsichert wirkte, sondern vielmehr überlegte, ob sie sagen sollte, was sie wirklich dachte. Rhea Wiells ordnete den langen Rock, der sich an ihre Beine schmiegte, legte den Kopf schief als sie wartete. Eveline Martin hätte fast gelacht, war aber gleichzeitig froh, in der Chirurgie zu arbeiten, wo man sich hinter einer Maske verstecken konnte und meist wusste, was man zu tun hatte.

«Das ist das Problem. Darum bin ich hier geblieben. Vor mehr als drei Wochen hat ein Engel angefangen zu träumen. Er muss ein paar Mal eingeschlafen sein, aber es ist ein Traum, der alle Träume beendet, weil er  die anderen Träume überdeckt, so dass die Menschen nicht …»

«Warum wäre es so schlimm, wenn die Menschen nicht mehr träumen würden, wie Sie selbst gesagt haben, ich selbst wäre ganz froh, wenn ich den Vergewaltigungstraum wieder los wäre. Und ich kann Ihnen sagen, dass ich ab und zu schon noch mit Männern schlafe, aber Sie haben recht, ich mag Frauen lieber.»

«So wie ich hat noch nie ein Wächter versagt, darum kann man es nicht sicher sagen. Die Menschen würden durchdrehen, wenn sie nicht mehr träumen könnten, sie würden tun, was sie träumen. Oder, wenn es schöne Träume sind, so hätten sie keine Erleichterung mehr und das wäre wahrscheinlich verheerend. Aber das kann niemand sagen, denn das hat es bis jetzt noch nie gegeben.»

Eveline Martin hatte genug gehört. Sie brauchte eine Pause. Sie stand langsam auf, entschuldigte sich und verliess das farbberuhigte Zimmer. Der Aufstand der Engel. Angeführt von Satan. Die Engel, die versuchten, die beiden Menschenkinder Adam und Eva mit Träumen zum Essen vom Baum der Erkenntnis zu verführen. Satan, der es schliesslich schaffte und die Engel, die von Gott damit bestraft wurden, dass sie nun dessen zwar intelligenteren, aber nicht mehr unschuldigen Geschöpfen auf der Welt helfen mussten. Auf der Veranda, vor der sich der Park der Psychiatrischen Klinik öffnete, schüttelte Eveline Martin den Kopf und wünschte sich, dass sie eine Zigarette hätte.

Je nach Quelle gab es ganz unterschiedliche Engel, die sich in verschiedenen stofflichen oder feinstofflichen Sphären bewegten. Je nach Mythos war das alles einmal mehr oder weniger abgehoben und einmal mehr oder weniger symbolisch. Im Johannes-Evangelium fehlten die Engel ebenfalls nicht, nur dass sie da Trompete im Himmel spielten. Martin lehnte sich an den Türpfosten und wusste nicht mehr, wo genau sie gelesen hatte, dass es bei dieser Arbeitsteilung einen «Engel der Träume» gab. Irgendwo hatte sie auch gelesen, dass diese himmlische Kreatur «Duma» genannt wurde.

«Zigarette?», Duma war lautlos an sie herangetreten. Eveline Martin nahm an und hustete schon nach dem ersten Zug. «Verdammte Scheisse», fluchte sie, als ein Polizist um die Ecke geschlendert kam. In einem Konvoi von drei Fahrzeugen waren sie zur Therapiesitzung angereist, da Rhea Wiells auf einer «passenden Umgebung» bestanden hatte. Das Uni-Spital war scheinbar nicht «beruhigend» oder «passend» genug. «Alles in Ordnung?», fragte der  Uniformierte gelangweilt, nickte und kehrte wieder hinters Haus zurück, wo sie die Fahrzeuge geparkt hatten.

«Warum war es so wichtig, dass du die Frau im Regen gefunden hast, warum hat dich das beschäftigt», hustete Eveline Martin, während Duma ihr sanft auf den Rücken klopfte und meinte: «Du wirst dich daran gewöhnen, man hustet immer nur am Anfang.»

«Ich bin Ärztin, ich sollte nicht rauchen….», grinste sie hustend.

«Es kommt nicht immer so, wie man denkt, ich finde wir sollten hier weg, wir könnten da diesen Weg runter spazieren, was meinst du?»

Die beiden Frauen entfernten sich vom Ausgang der Klinik, spazierten stattdessen schweigend auf einen weiter weg gelegenen Sportplatz zu. Verlorenheit umgab sie. Die Chirurgin erkannte, dass der Versuch vergeblich war, hinter die Träume, hinter den Spiegel zu blicken, hinter dem sich Duma versteckte. Dazu enthielten die Stories, die sie auftischte immer ein Körnchen Wahrheit. Duma dagegen fragte sich weiter, ob der Traum, der alle Träume beenden würde, wieder zurückkehren würde. Sie fragte sich, ob sie den Traum überhaupt aushalten konnte. Sie hoffte, dass sie sich noch länger verstecken konnte. Gleichzeitig hatte sie keine Ahnung, wer ihr helfen konnte, falls der letzte Traum wieder geträumt werden würde.

«Da waren Leute in dem Haus. Sie hatten es geerbt. Die Leute haben gesagt, dass sie die Tante, Karen, am Ende gepflegt hatten, und dass sie es nur einmal nicht geschafft hatten, sie vor Weihnachten zu besuchen, nämlich in dem Jahr als es geschneit hatte. Es war irgendwie wichtig zu wissen, dass nicht alles schiefging. Weisst du, ich verstand das ja nicht. Denn ich habe ja noch nie geträumt, weiss nicht, wie es ist zu schlafen. Ich habe lange gebraucht, bis ich entdeckte, dass das was ich trage etwas mit den Leuten zu tun hat und es nicht nur haarsträubende Fantasien sind. Lange konnte ich keine Grenze ziehen zwischen mir und den Träumen. Als kleines Mädchen stürmten Kriege auf mich ein, Verbrechen und ich glaubte immer ich sei dort gewesen. Ich hatte ja keine Ahnung. Es stürmte einfach alles auf mich ein.»

Die Frauen waren bei einem kleinen Ziegengehege angelangt, sie blieben stehen und sahen den Tieren beim Grasen zu. Normalerweise hätte Eveline Martin mindestens Anrufe von der Station gehabt. Sie war es nicht gewohnt, ungestört zu spazieren. Es gab immer etwas zu tun. Zurückzugehen zur Psychologin und zu den Polizisten erschien wenig verlockend. «Das ist eine schöne Geschichte von der alten Frau. Ich bin froh, dass sie zu Weihnachten nicht alleine war.»

Die Ärztin war sich nicht sicher, ob Duma in Behandlung gehörte. Sie störte niemanden und ganz offensichtlich finanzierte sie sich selbst, schliesslich hatte kein einziges der städtischen Ämter eine Spur von ihr gefunden. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Ganz offensichtlich half eine psychologische Ännäherung nicht wirklich. Ganz im Gegenteil, es war ihrer Patientin gelungen, die Therapeutin zu erschrecken und letztlich keine einzige Frage zu beantworten.

Etwas weiter hinten stand ein kleiner, windschiefer Hasenstall und eine Sitzbank, die in der Sonne lag. Als die beiden Frauen rübergingen, um nochmals eine zu rauchen, heulten plötzlich Motoren auf, Polizisten in Helmen und Kampfmontur kamen mit Gewehren im Anschlag aus dem Schatten der Bäume heran gerannt. Eveline Martin quietschte wie ein kleines Mädchen. Erst nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, ein Polizeiauto in einer Staubwolke vor ihr bremste, bemerkte sie, dass niemand mehr an ihrer Seite war. Als sie ihre Hände als Zeichen der Kapitulation und der Unschuld in die Höhe reckte, realisierte sie das sie alleine vor der Bank statt. Von Duma sah sie keine Spur. Der Engel war verschwunden und sie hatte ihn verloren.

Foto: freestocks.org

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Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Postman

Irgendwie war das mal lustiger