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Herzerwärmend

Nachdem ich mir am späteren Morgen den Traumschleim aus den Augen gewischt habe, erlebe ich den ersten bemerkenswerten Moment. Normalerweise dröhnen dort draussen, in der feindseligen Welt vor meinen Fenstern, meinen Türen, meinen schützenden Wänden, um diese Zeit schon die Presslufthämmer und Bohrmaschinen los. Metallsägen singen ihr unignorierbares Lied dazu.

Wie die Sirenen des Inferno.

Heute ist es hingegen ruhig… Nein, nicht ganz, ich höre dezente Flötenklänge. Oder sind es Synthesizer? Oder elektrische Gitarren? Mit ganz und gar exotischen Effektgeräten zwischen Instrument und Röhren-Amp?

– Oder vielleicht sogar von hinten in den Amp hinein gestöpselten Effektgeräten?

Jedenfalls handelt es sich um Klänge, deren Frequenzen eine angenehme Stimmung verbreiten. Beruhigend. Aber durchaus auch beschwingt. Freundlich. Aber durchaus auch ein bisschen absurd und humoristisch. Harmonisch. Aber eben auch ein klein wenig gefährlich erotisch. Eine ideale Mixtur fürwahr.

Ich wundere mich, braue meinen grossen bösen Morgenkaffee. Ich giesse das dickflüssige Schwarze nun in meine mächtige Tasse, auf der folgendes Zitat prangt: „But if we are without a narcotic, an unbreathable void reveals itself.“ *

Ich nehme den Kaffee sowie ein frisches Päckchen Zigaretten…

Ich muss den Tag einfach mit einem frischen Päckchen beginnen, deshalb rauche ich ein angebrochenes nächtens immer leer, bevor ich ins Labyrinth der Träume hinabsteige. Ich nehme also den Kaffee und die Fluppen mit an den Tisch, auf dem mein Laptop liegt. Setze mich, klappe mein elektronisches Fenster zur Welt auf.

Wie jeden Tag – ach, und die Tage vergehen so schnell. Allzuschnell.

Ich begebe mich nun auf die üblichen Internetseiten. Warum positioniert man eigentlich alles oben, was im Computer steckt – in der mentalen Geographie? Man könnte doch auch sagen: Ich begebe mich in die üblichen Internetseiten hinein.

Jedenfalls – what the heck? – nur erfreuliche Meldungen flimmern über den Bildschirm, statt der üblichen Hiobsbotschaften, schöne Bilder, prickelnde Spannung: Steely Dan veröffentlichen heute ein neues Studio-Album, meine KULT-Geschichten werden verfilmt, Tinto Brass – eines meiner persönlichen Idole – wird Regie führen, Andreas Kloppmann fertigt jetzt auch Mini-Humbucker, die ich in meine Vintage Firebird einsetzen lassen kann, Martin Scorsese hat einen fünfstündigen Dokufilm über die Geschichte von The Band gemacht, mein Lieblingsroman „Earthly Powers“ von Anthony Burgess ist in einer, bislang unbekannten, tausend Seiten längeren Version aufgetaucht und erschienen.

Die neue Collection von Trashy Lingerie ist noch umwerfender als alle vorherigen zusammen. Wow.

Und Kenneth Anger hat jetzt tatsächlich „Histoire d’O“ verfilmt, dreistündig, sein altes pet project. Morgen Nachmittag läuft der Streifen im Studio Central an.

Zudem mag mich Aureola offenbar doch (noch), wenn ich jenen digitalen Hinweis korrekt interpretiere…

Nun schreite ich ins Badezimmer, wo es heute ausserordentlich gut riecht. Danach begebe ich mich zum Kleiderschrank. Wie ich diesen schwungvoll öffne, in meinen Hemden, sweat shirts, Pullovers zu wühlen beginne, entdecke ich – tief unten, im Kastenfuss – ein vergessenes Päckchen. Gar nicht mal so klein das Ding. Ich öffne es und finde einen Riesenbrocken schwarzen Afghanen, schön in Plastik eingeschweisst. Von Profis vakuumiert. Ausreichend für mindestens drei Monate. Möglicherweise vor einiger Zeit, nach einer Amsterdam-Fahrt, in totaler Amnesie…

…ich weiss es echt nicht mehr. Ein Geschenk aus dem Nichts sozusagen.

Das Schwarz, das Grau, das Feldgrün, das verwaschene Blau, die Farben meiner Klamotten wirken heute ausnahmsweise so ausserordentlich ansprechend. Als hätte das Ariel-Gespenst Klementine hier über Nacht gewirkt.

Jetzt muss ich aber raus, den Schutz meines Logis verlassen, alle Türen sind mit mehreren Schlössern gesichert, haben Metallverstrebungen, überall in meiner Behausung liegen zudem geladene Knarren und Messer herum. Sie sind geschickt platziert, auf dass ich im Notfall sofort eine Waffe greifen, jeden Eindringling im Handumdrehen zu Hackfleisch verarbeiten kann.

Ich hänge mir also zwei japanische Kampfmesser, scharf wie Skalpelle, in Schulterhalftern um den Oberleib, Griffe nach vorne, Lederjacke drüber, Hut auf – und raus.

Unten angelangt öffne ich den Briefkasten. Ich spüre es sogleich, das Wetter ist wirklich ideal. Normalerweise pfeife ich aufs Wetter. Also ist es bemerkenswert, dass mir diesbezüglich etwas auffällt. Es ist nicht zu kalt, nicht zu heiss; warm genug, um draussen eine ausgedehnte Nummer zu schieben. Frisch genug, dass man dabei nicht übermässig schwitzen würde.

Der Inhalt des Briefkastens überrascht mich enorm. Normalerweise entnehme ich ihm Rechnungen, Mahnungen, Drohungen.

Heute enthält er allerlei bunte Päckchen und Briefchen, Einladungen zu ausschweifenden Festen, Liebesgrüsse aus Moskau, einen zutiefst erlösenden Brief von Aureola, dem sie einige wunderbare freizügige Fotos von sich beigelegt hat. Zudem ein Amazon-Paket, das zwölf rare Rhythm&Blues-Scheiben von Künstlern wie Johnny Otis, seinem Sohn Shuggie, Bo Diddley, Hank Ballard enthält, die ich vor Monaten bestellt, mit deren Eintreffen ich eigentlich nicht mehr gerechnet habe.

Herzerwärmend, sogar für mich, denn mein Herz ist ja schon seit vielen Jahren von einem dicken Eismantel umhüllt.

Ich betrete also die Bühne, die man Strasse nennt, deren Boden aus Asphalt besteht, nicht aus jenen sprichwörtlichen Brettern, die einst – in einer besseren Zeit – die Welt bedeutet haben. Eine Bühne, die heutzutage vor allem den Schauplatz für Streitereien, lärmende Maschinenarbeiten, gewalttätige Auseinandersetzungen aller Art abgibt.

Nicht so am heutigen Tag.

Kaum habe ich zum Marsch auf dem Asphalt angesetzt, da kommt mir doch die hübsche Nachbarin, Frau Zutti, entgegen, zwei gutgefüllte Einkauftaschen in wohlgeformten Händen. Heute lächelt sie mich wahnsinnig freundlich an. Sie trägt – kaum traue ich meinen Augen – lediglich ein Elastic Cage Bra-Set aus der Bad Girl-Linie von (ausgerechnet) Trashy Lingerie. Sowie kniehohe Gladiator-Sandalen.

Sie verwickelt mich in ein Gespräch, sehr vergnüglich, wir lachen, lachen, lachen. Es ist, als würden wir uns schon lange gut kennen. Was ich denn heute noch vorhätte, fragt sie mich. Ich antworte – wie fast immer in solchen Fällen – mit jenem einen kurzen Wort: „Nichts.“ Sie würde gerne bei mir vorbeikommen, so in 45 Minuten, sowie sie ihre Einkäufe zuhause abgeladen habe, sagt sie – und ihre Augen leuchten dabei wie zwei Fixsterne am Abendhimmel der westlichen Kultur. Sie könne sich vorstellen, dass wir gemeinsam einen sehr lustigen Tag verbringen würden. Vielleicht bringe sie noch ihre Freundin Lana mit, eine junge Austauschstudentin aus Kolkata.

Ich höre mich sagen: „Aber sehr gerne, Frau Zutti, das würde mich freuen“. Und denke: „Wow, Kolkata, ich liebe diese Ultramegalopolis, sie ist ja quasi die Vatikanstadt meiner geliebten Göttin Kali, der ich schon so manches Blutopfer dargebracht habe.“ – Und die jungen indischen Damen sind ja oft wunderschön.

So marschiere ich munter weiter, dem nächstgelegenen Einkaufstempel entgegen, mit dem mich eine ausgesprochene Hassliebe verbindet. Ich liebe einige der Dinge, die hier feilgeboten werden, ich hasse jedoch den Ort. – Sie kennen das, meine lieben Damen (und Herren), da bin ich mir sicher. Doch auch hier ist heute alles anders, besser, viel besser als sonst. Ein güldener Schein leuchtet in den Hallen des Konsums, ein angenehmer Duft durchweht sie, die Rolltreppe trägt mich plötzlich mit einer besonderen Beschwingtheit nach unten, welche anregend im Genitalbereich kitzelt.

Und als Soundtrack läuft das geile Funk-Album „Crazyhorse Mongoose“ von GALACTIC aus New Orleans, Lousiana. – Woher sonst?

Die Leute tanzen förmlich durch die Verkaufsgänge, begrüssen einander mit Umarmungen, mit freundschaftlichen Handshakes. Und – kaum zu glauben – alle Damen sind in knappen Badekleidern, in Lingerie oder so nackt, wie die grosse Göttin Kali sie nach ihrem Ebenbild geboren hat, unterwegs, herrlich mit ihren Gesässen wackelnd werfen sie mir einladende, dreckige Blicke zu. Die Herren sind elegant, frisch rasiert, mit beschwingten Schritten unterwegs – und charmantem Lächeln. Keine Deppen in den Hallen, keine Idioten, keine sauren Fratzen, abschätzigen Minen, aggressiven Attitüden.

Wundersam.

Die Produktauswahl ist erfreulicher als üblich, ein Repertoire, wie ich es mir immer schon gewünscht habe. Als ich ganz hinten ankomme, im Dschungel der Regale, bei den Konservendosen, machen mir zwei Damen eine spontane, fröhlich-aufmunternde, kleine Körperschau vor, ich applaudiere begeistert. Danach frage ich sie, ob sie – zur Belohnung – auf einen starken Drink und einige afghanische Lungenzüge bei mir daheim vorbeikommen möchten. Hocherfreut sagen sie zu. Eine von Ihnen, sie heisst Matangi, berichtet, dass sie noch ein bisschen Schnee vom Kilimandscharo dabei habe.

So wackeln und tanzen wir beschwingt Richtung Kasse. Die Damen machen den Vortrab. Ich hinterher. Doch, da sind keine Kassen. Sondern Spaliere von Bettie Page-Doubles, in ausgesuchtester Unterwäsche aus den Rock’n’Roll Fifties, die sich im Rhythmus des Fonk aus N’awlins wiegen und biegen, gleichsam wie Weiden im Winde. Wundergeschöpfe, die dich zum Abschied umarmen, in beinahe biblischer Manier, die Verkäufe sodann nach allen Regeln der Kunst einpacken, dir noch einen wunderschönen Tag wünschen.

Und alles ist gratis. Alles G-R-A-T-I-S!!!

So schwebe ich nun – mit den beiden heissen Damen aus dem Einkaufstempel im Schlepptau – Richtung zuhause. Kaum sind wir dort angekommen, klingelt es an der Tür. Frau Zutti und Lana sind auch schon da. Tja, und letztere ist in den Tat wunderschön, wie die Hindu-Göttin Bhairavi, wenn sie mit ihrem Flammenleib den gesamten Kosmos verbrennt, eine der zehn unvergleichlichen tantrischen Mahavidyas eben, deren Tausend-Namens-Hymnen mir – so oft, so tröstend – durch den Kopf vibrieren.

Nun hebt ein wunderbar angenehmer Nachmittag an, meine verehrten Besucherinnen und meine Wenigkeit lernen uns besser kennen, pflegen einen intensiven, ausserordentlich angenehmen nachmittäglichen Austausch, der sich in eine noch erfreulichere Nacht hineinzieht. Die Zeit scheint stillzustehen. Alles ist gut, wird immer nur noch besser; zum Rhythmus der heissesten Musik; des Blues, des Soul, des Funk, alles aus dem tiiiiiiefsten Süden. Und dann, unerwartet, unvermittelt, in the heat of the night, fliegt sogar Aureola zu einem meiner beiden Wohnzimmerfenster rein, wie ein Himmelswesen, stösst zu unserer glücklichen Runde.

Sock it to me, Big Momma!

Plötzlich ist dieser Gedanke da, leuchtend, auf der Leinwand meines Bewusstseins. Wir sind wahrscheinlich alle gestorben, alle coolen Leute – und aus Versehen auch ich – zumindest, und im gottverdammten Paradies gelandet. Ja, meine sehr geehrten Damen (und Herren), wir sind wohl im gottverdammten Paradies gelandet! Wo alles möglich ist. Ohne jegliche bittere Konsequenz.

Boom Shakalak!!!

* Georges Bataille

 

 

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Christian Platz

Autor: Christian Platz

Lebt in Basel. Arbeitet überall. Reist recht viel. Vor allem nach Asien. Und in den Deep South der USA. Verdient sein Geld seit über einem Vierteljahrhundert mit Schreibarbeiten. Vorher hat er als Pfleger in einer Irrenanstalt gewirkt. Hat mehrere Bücher veröffentlicht. Spielt seit 40 Jahren fanatisch Gitarre, zwischendurch singt er auch noch dazu. Schreibt unter anderem für Kult. Ist manchmal gut aufgelegt. Manchmal schlecht. Meistens so mittel. Sammelt Bücher, CDs, Filme, Artefakte. In einem psychisch leicht auffälligen Ausmass. Verfügt, bezüglich der Dinge, die er sammelt, über ein lexikalisches Wissen. Platz ist einerseits ein Wanderer auf dem Pfad zur linken Hand. Andererseits Neofreudianer mit Waffenschein. Liebt Blues und Voodoo, Rock'n'Roll und die schwarze Göttin Kali. Trinkt gerne Single Malt Whisky aus Schottland. Raucht Kette. Ist bereits über 50 Jahre alt. Macht einstweilen weiter. Trotzdem wünscht er nichts sehnlicher herbei als die Apokalypse.

WARNHINWEIS:
Dieser Mann tritt manchmal als katholischer Geistlicher auf, stilecht, mit einem besonders steifen weissen Kragen am Collarhemd. Dies tut er in gänzlich irreführender Art und Weise und ohne jegliche kirchliche Legitimation. Schenken Sie ihm - um Gottes Willen - keinen Glauben. Lassen Sie sich nicht von ihm trauen, ölen oder beerdigen. Lassen Sie sich von ihm keinesfalls Ihre Beichte abnehmen. Geben Sie ihm lieber Ihr Geld.

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