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„Das muss noch debitched werden!“

Ich habe zwei neue Hobbies entdeckt. Ich töpfere und ich schreibe Artikel, Reports oder Essays, wie man das auch immer nennen mag, nur für mich selbst. Es sind Texte über Themen, die einem garantiert Hassreaktionen einbringen. Weil man darüber nicht reden darf. Nein, es sind nicht Themen wie Migration oder Kriminalität durch Asylbewerber. Hier vertrete ich die Meinung, dass unsere Welt in Bewegung geraten ist, was sich nicht aufhalten lässt. Ich finde es auch faszinierend, dass wir nun Menschen treffen, die wir früher bloss im Geografieatlas anstaunten. Und ich möchte niemandem verbieten, der oder die woanders nicht mehr leben möchte, weil verfolgt oder wegen Armut, zu verreisen, also zu uns. So wie wir ganz selbstverständlich auch verreisen wegen Langweile oder zu viel Geld. Dorthin. Und hiesige Männer haben schon hiesige Frauen abgeschlagen, als es noch keine Asylbewerber gab. So, das wäre erledigt. Okay, mich regen die vielen asiatischen TouristInnen auf, die Zürich hordenmässig verstopfen und bei 36 Grad im Dörfli-Restaurant Fondue gabeln. Kann man ja auch nicht verbieten. Anyway, letzteres wäre nun doch ein Thema, das ich privat, also for my eyes only, schriftlich und richtig fies verarbeiten könnte. Neben Themen wie ….. sorry, sag ich nicht, an was ich grad so rumschreibe oder es noch tun will.

Früher schrieb ich ja nur gegen gutes Honorar und auf eine feste Deadline hin. Ich glaube, ich war die disziplinierteste Journalistin aller Zeiten. Nie verkackte ich einen Auftrag, indem ich die Deadline nicht einhielt. Da war ich ganz die gut erzogene höhere Tochter. Aber auch die Redaktionen waren anders. Man hatte eine gut gebildete Ressort-Ansprechsperson, auf die man sich verlassen konnte, niemand verwendete ein vorgeschlagenes Thema dann intern, man bekam ordentliche Honorare. Und man war stolz auf das Erscheinen des Textes, ja man bekam sogar ein Belegsexemplar. Alles vorbei? Das werde ich ja herausfinden, wenn ich die Texte, die ich so genüsslich für mich schreibe, trotzdem mal anbieten möchte. Auch wenn ich noch den Spruch eines Magazin-Chefredaktörs im Ohr habe, der mir mal sagte: „Frau Weissberg, das muss dann noch debitched werden“, ihn schliesslich abschmetterte. Es ging um Kinder, die ich …., aber das sage ich jetzt hier auch nicht. Heute würde der sich sowas nicht mehr getrauen, weil obersexistisch, aber damals, ja da konnte man einen nicht netten Text einer Autorin ganz selbstverständlich als zu bitchig abservieren.

Dass es ja viel mehr Freude macht, journalistische Texte oder Essays zu schreiben, wenn man fast schon beschlossen hat, dass sie niemand je lesen kann, ausser ich selbst, habe ich ausgerechnet beim Töpfern entdeckt. Ich gehe neuerdings in einem herzigen umfunktionierten Ladenlokal töpfern. Also so wie Demi Moore an ihrer Töpferscheibe in „Ghost“. Eigentlich ging ich nur töpfern, weil ich auch mal so aussehen wollte wie die drehende Demi mit ihrer perfekten Kurzhaarfrisur, die von hinten von dem Geist von Patrick Swayze umarmt wird. Mittlerweile ist mir längst klar, dass ich, wenn ich quasi pflatsch auf der Drehscheibe lande, weil ich sonst nicht sehe, was ich da drehe, nicht wie jung-Demi aussehe. Aber ich lernte auch noch etwas Wichtiges: es ist eigentlich furzegal, wie das Ding aussieht, das man herstellt. Und wenn man sich so verkrampft, dass es garantiert perfekt herauskommt, sieht es wirklich schief aus. Was dann auch nichts macht.

Ich war nämlich so gewohnt, auf ein Ziel hinzuarbeiten, dass ich gar nicht mehr merkte, wie schön das Herumfummeln, das sich Verirren, das Ausprobieren, das Schiefgelaufene sein kann. Ich war überzeugt, dass ich auf jeden Fall einen Mug herstelle, wenn ich einen Mug plane. Oder eine Müeslischüssel, wenn ich mir quasi schon so eine vor Kursanfang versprochen hatte. Dafür war ich schliesslich hier!! Ich war so was von ehrgeizig, dabei hatte ich ja null Ahnung vom Töpfern. Als ich beim zweiten Abend meine noch trocknende Arbeit des ersten anschaute, musste ich innerlich heulen, dann doch etwas lachen, es war eine seltsame Mischung aus Mug und Vase. Hässlich. Ich konnte das nicht begreifen. „Wenn ich ein Thema aufgreife, weiss ich doch auch, wie der Ablauf des Textes sein wird, und ich habe beim Schreiben alles schon vor Augen, und genau so kommt es heraus“, sagte ich meiner Kollegin. „Wieso geht das hier nicht?“ – „Jetzt stress dich doch nicht so, mach einfach „, sagte sie sinngemäss. Ah so, dachte ich, wir sind ja zum Vergnügen hier. Einfach mal ausprobieren, was so alles drinliegt.

Und so ist es auch mit meinen (oberfiesen) Texten, die niemand lesen darf. Wie herrlich ist es doch, wenn ich mich hinsetze und genau das schreibe, was ich denke. Wenn ich mich zu Fiesigkeiten aufschwinge, die ich schon immer mal schreiben wollte. Wenn ich mir ausdenke, was Redaktion Soundso oder das Publikum sagen würden, wenn sie über ………….. (huch) lesen könnten. Manchmal schreibe ich eine neue Variante, etwas milder, vergleiche sie mit der sehr boshaften. Stundenlang kann ich herumpröbeln. Vielleicht haben ja beide Varianten ihre Berechtigung? Die eine ist spontaner, zeigt mehr mein Talent zur gemeinen Improvisation, also wäre sie für meinen Blog oder für eine Kult.ch-Kolumne passend, die zweite könnte eher für die Redaktion von ….. geschrieben sein. Aber ich muss ja nix definitiv verwenden oder vorzeigen. So wie meine Töpfereien. Wobei ich finde, ich bin nicht mal so untalentiert, beim Töpfern meine ich, dass ich gut schreiben kann, weiss ich längst. Da bin ich ja eine alte Profinette. Aber seit ich nur für mich herumschreibe, macht es mir endlich wieder so richtig Spass. So wie das Töpfern, wobei das nächste Mal würde ich schon gerne einen Teller drehen, also so einen schönen, ebenen, perfekten…. ach träum weiter, Marianne!

Foto: ui, diese Schale ist ja fast zu schön! Wie kam das bloss?

www.marianneweissberg.ch – da drin könnte ich auch wieder mal was verbessern….

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Marianne Weissberg

Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

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