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In den Gärten Gomorrhas, oder: Vom Fluch der Flucht

Die Nacht ist seit jeher das Reich der zwielichtigen Gestalten. Es regieren Verschwiegenheit und Diskretion, Vernebelung und eine beinahe sakrale Anonymität. Schon zu Cäsars Zeiten wurden in der Nacht verschworene Bruderschaften gebildet und kühne Pläne geschmiedet. Es scheint, als sei die Nacht ein ausgezeichnetes Fundament für wilde Träume und schillernde Luftschlösser. Auch heute ist das nicht anders.

Doch der Schein trügt. Oder viel eher: er ist eine gefährliche Versuchung. Denn so leidenschaftlich und ungezwungen die Dunkelheit anmuten mag, so schnell und erbarmungslos entführt sie in ihre Untiefen. Die Euphorie führt durch die Schatten, bis sie erlischt. Und wenn das passiert, findet sich nur schwer wieder, wer sich einmal verloren hat. Zu verlockend die Freiheit, zu unverbindlich die Verpflichtungen, zu fern die Realität.

In einer Stadt, die die Nacht zelebriert, sie verherrlicht, sie zum Kirmes für Seele und Moral macht, ist es leicht, den Fokus zu verlieren. Der Weg in die nächtlichen Vergnügungslokale ist kurz. Die Stunden sind lang. Der Weg hinaus ist ein Labyrinth, gespickt mit Falltüren und Irrwegen, die gnadenlos auf all jene lauern, die orientierungslos durch die Nacht stolpern.

Ich möchte klarstellen: es ist eine wunderbare Wanderung durch die Gärten Gomorrhas. Auf meinen Streifzügen habe ich so manch einmalige Gestalt getroffen, habe Kuriositäten entdeckt, wundersame Orte besucht und sie alle schätzen und lieben gelernt. Die Nächte lehren viel, was die Tage niemals wissen. Doch jeder Schritt, den man in die Nacht hineintut, ist ein Schritt näher an die Abgründe und Verwirrungen, ein Schritt weg von der Wahrheit des Alltags. Was ursprünglich zur kurzen Auszeit von Trott und Routine diente, kann sich im Handumdrehen in eine endlose Flucht vor den kalten Klauen der Konfrontation verkehren. Und darin besteht die grosse Gefahr dieser Reise.

Ich selbst werde der Nacht nie komplett entfliehen, ihr nie den Rücken kehren, ihr nie abtrünnig werden. Sie ist für mich ein Lebensquell der Kreativität und der Einmaligkeit, sie ist die Utopie unserer Gesellschaft ohne Konventionen. Sie ist für mich ein notwendiges Gegengewicht zur Kompromisslosigkeit des Alltags. Das fasziniert mich. Doch je länger ich durch sie schreite, um so klarer wird mir die Wichtigkeit, zwischen Auszeit und Flucht unterscheiden zu können. Denn schlussendlich spielt die Musik auch dann, wenn niemand tanzt.

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Autor: Yannick Lippuner

Was kann man über diesen Typen erzählen? In etwa das: Ist im Zürcher Oberland aufgewachsen, aber war dort nie zuhause. Wohnt in der schönsten Stadt der Welt, aber liebäugelt mit Barcelona. Hat Wirtschaft studiert, aber nur vier Semester. Wollte einmal Anwalt werden, aber lieber doch nicht. Ist 25, aber was heisst das schon. Macht viel, aber kann nur die Hälfte. Lebt im Moment, aber verpasst ihn gelegentlich. Ist etwas wild geraten, aber bereut das bisweilen am Sonntag. Tanzt durch die Nacht, aber geniesst jeden Tag. Riecht gerne Kaffee, aber hasst den Geschmack. Kann nicht ohne Musik, aber mag manchmal die Stille. Hat zwar Verstand, aber hört meist aufs Herz. Ist sehr weltoffen, aber hasst Ignoranz. Liest gerne, aber leider nur selten. Sieht gerne Neues, aber reist zu wenig. Hätte gerne Ordnung, aber weiss nicht, wie das geht. Ist sehr umgänglich, aber hasst Small Talk. Vergisst jeden Namen, aber meint das nicht böse. Vergisst allgemein alles, aber versuchts trotzdem immer wieder. Steht auf Blues & Soul, aber spielt Electronica. Arbeitet als Texter, aber weiss nicht wie das passiert ist. Sollte nicht so viel trinken, aber eis nimmi no. Schreibt neu für kult, aber immer nur montags. Enchanté.

„Das muss noch debitched werden!“

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