in

Duma XI: Englische Zigeuner

Die Pilger vor dem Münster wollten auf jeden Fall dableiben. Weiter singen. Weiter meditieren. Sie seien ja nicht wegen des Medienrummels da. -Ja, sicher, stimmte Frère Paul, sie hätten eine Medienstelle und seien auch auf Facebook aktiv, das helfe international vernetzt zu bleiben. Nicht zuletzt im Geiste.

-Ja, klar, meinte er, sie hätten auch eine Seite, die helfen sollte, für den Engel zu beten. Das geht ganz gut!, sagte er im Interview mit Tele Basel, es gehe darum, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gebe, als man sehen und begreifen könne. Die Medien haben das nicht verstanden, sagte er ins Mikrofon.

Die Reporterin fragte aufgeregt, ob Frère Paul denn nicht mitbekommen habe, dass die Identität der Frau nun geklärt sei. Es handle sich um eine Zirkus-Artistin aus Rumänien, die lange mit Zigeunern …, sie korrigierte und entschuldigte sich, mit «Fahrenden» in England gelebt habe. Dort sei sie auch aufgewachsen. Wahrscheinlich hätten sie die Eltern verkauft, als der eiserne Vorhang zusammengebrochen sei. Das sei in Rumänien damals nicht ungewöhnlich gewesen, da plötzlich die Unterstützung durch die Sowjetunion ausgeblieben sei.

Frère Paul lächelte milde und meinte ganz ruhig, selbst wenn Duma eine Zirkus-Artistin gewesen sei, die mit Zigeunern gereist und als Kind Schlimmes erlebt habe, so sei sie in der Lage gewesen, der Welt ein grösseres Geschenk zu geben: Vertrauen, Göttlichkeit und höhere Mächte. Seine Schwestern und Brüder seien voller Optimismus, voller Andacht davor, was die Frau geleistet habe. Er erinnere auch an Jesus, der gesagt habe, nur wer frei von Sünde sei, dürfe den ersten Stein werfen. Duma habe den Menschen die Engel zurückgegeben. Und Jesus hätte sie noch mehr gemocht, wenn sie eine Zigeunerin gewesen sei.

Im Sitzungszimmer des Rathauses herrschte Stille als Regierungspräsidentin Elise Steingruber den Fernseher mit einem Knopfdruck ausmachte. Nach dem Engel hatten sie nun eine Zigeunerin am Hals. «Es gibt keinerlei Beweise für die Geschichte, die in der Zeitung stand, vielleicht sieht die Frau auf dem Foto unserem Schützling entfernt ähnlich, unsere Experten konnten die Echtheit aber nicht bestätigen», erklärte Polizeidirektor Schweizer. «Ist ja nicht so, dass deine Leute übermässig viel herausgefunden hätten», warf die Finanzministerin Graf ein. «Das bringt uns jetzt nicht weiter, Leute», meinte  Regierungspräsidentin Steingruber, die für ihre Harmoniebedürftigkeit bekannt war.

Die Medien hatten die Masche schnell kapiert. Das Verlagshaus Ringier doppelte auf seinen Online-Plattformen am Abend mit der Enthüllung nach, es handle sich bei der Frau, die man in Basel einen Engel nannte, um eine Top-Agentin des Geheimdienstes Mossad aus Israel, was erklärte, dass sie der Sturz aus über 38 Metern Höhe hatte überleben können. Natürlich war auch die Sache mit der Zombie-Apokalypse nicht vom Tisch. Die Polizei hatte berichtet, dass sich mehr und mehr Überlebensfreaks auf der Elisabethenanlage versammelten. Die Situation sei allerdings ruhig.

Die Regierungsräte Wassermann und Schweizer informierten ihre Kollegen, dass der Zürcher Kommunikationsprofi Klaus J. Stoelker daran war, eine Strategie zu entwerfen, wie sie alle die Verrückten wieder loswerden konnten. Unterdessen gebe es aber eine weitere Hiobsbotschaft. Mittlerweile sei der Engel verschwunden. Nach der Untersuchung durch die Psychologie-Professorin  Rhea Wiells sei die Frau einfach verschwunden. Zwar sei ein Grossaufgebot der Polizei sofort vor Ort gewesen, aber sei nicht gelungen, der Person wieder habhaft zu werden. Finanzministerin Graf hatte genug, sie meinte: «Wir müssen diesen Unsinn beenden, warum schicken wir alle diese Wahnsinnigen nicht einfach wieder nach Hause? Wir könnten Platzverbote und Versammlungsverbote aussprechen. Wir können ja sagen, wir hätten Sicherheitsbedenken und könnten für nichts garantieren.»

«Das ist keine schlechte Idee, es gibt ja noch andere Veranstaltungen in der Stadt, die müssen ebenfalls durchgeführt werden können. Wir müssten jemanden dazu bringen, dass er sich beschwert», meinte Polizeichef Schweizer, noch immer vorsichtig, weil er die Wiederwahl nur knapp geschafft hatte.

Um den riesigen runden Tisch mit dem grossen Loch drin wurde es still. Falls sie die Plätze räumen würden, käme die Stadt am Rheinknie erneut in die Schlagzeilen. Die Regierungspräsidentin sprach es aus: «Wir werden die Christen ärgern und auch die Leute für die die Engel wichtig sind, sie werden sagen, sie dürften nicht einmal Blumen vors Münster bringen. Das könnte nicht gut ankommen. Um die Zombie-Leute mache ich mir weniger Sorgen.»

«Sie fliegen fast täglich mit Sonderflügen her und wir haben jetzt auch noch den Engel verloren, das ist nicht gerade eine gute Ausgangslage», schüttelte die Finanzministerin den Kopf. «Sie hatte Polizeischutz, eine Ärztin aus dem Spital war dabei, und es ist nicht einmal so, dass man einfach so aus der Psychiatrischen Universitätsklinik herausspazieren kann, da sind überall Mauern», stellte Polizeidirektor Hausi Schweizer klar.

«Offensichtlich ist sie weg, da hilft im Moment nichts», sagte Graf trocken: «Vielleicht würde eine Pressemitteilung, dass sie weitergezogen ist, die Sache beenden.»

Regierungskollege Christian Wassermann meinte trocken: «Es wäre dumm, wenn wir die Schuld dafür kriegen würden, dass wir sie nicht aufgehalten haben, dass wir nicht gastfreundlich genug waren.»

Erneut herrschte im Rathaus Stille. Irgendwo schlug eine historische Glocke. Nach einigem Gerede einigte sich die Basler Regierung darauf, dass sich Elise Steinbrecher den Medien stellen solle. Sie solle einen sympathischen Eindruck machen und Verständnis zeigen. Verständnis für den Engel, Verständnis für die Engelliebhaber und Verständnis für überhaupt alle. Die Regierungspräsidentin sei die Richtige, um das Gespräch mit den Pilgern aus Frankreich zu suchen und dazu gebe das Münster den idealen Hintergrund ab.

Steinbrecher fühlte sich unsicher, zwar sympathisierte sie wirklich mit den Engelleuten, konnte aber nicht sagen, ob es sich um eine politische Fallgrube handelte, schliesslich gäbe sie der ganzen Sache erst ein Gesicht und die Medien würden sie beim Wort nehmen. Nach einem Augenblick meinte sie: «Ein Willkommensgruss, ja, das kann ich machen. Kein Problem. Ein Willkommen, das ist sympathisch.» Die Regierung vorsichtig geworden, einigte sich ebenfalls darauf, dass man die Sache nur über das Lokalfernsehen lancieren würde. Wenn es zu viele Journalisten wären, so gäbe es nur zu viele Fragen.

Psychologie Shooting Star Rhea Wiells und Star-Chirurgin Eveline Martin warteten im Eingangsbereich der Staatsanwaltschaft an der Binningerstrasse auf ihre Einvernahme. Wiells trug ein indianisch inspiriertes Designer Halstuch, sonst aber war sie businessmässig gekleidet und trug die Haare streng nach hinten gekämmt.

Martin schritt im Vorraum undgeduldig auf und ab. Die Engel-Affäre ging ihr zunehmend auf die Nerven, auch wenn sie sich mit Duma gestern fast freundschaftlich verbunden gefühlt hatte. Der Moment als sie geraucht und schliesslich vom Pavillon wegspaziert waren, hatte sie an die Jugend und an die Mädchenzeit erinnert. An Freundschaften, für die sie als Chefärztin viel zu wenig Zeit hatte.

Obwohl Eveline Martin ihre Wäsche auswärts gab, war die Ärztin im Moment knapp dran. Normalerweise brauchte sie nicht so viele Jeans und T-Shirts, da sie ja meist in der Klinik arbeitete. Seit Duma ins Münster gekracht war, bewegte sie sich viel mehr ausserhalb des Spitals und deswegen gingen ihr langdie Klamotten aus.

«Haben Sie eine Ahnung, was die noch von uns wollen können? Die Polizei hat doch gestern schon lange mit uns geredet. Mir fällt nichts mehr Neues ein», wollte Rhea Wiells nervös wissen. Die Psychologin fuhr sich durchs Haar, als wollte sie sich versichern, dass es noch da sei. Der Vorraum war in kargen grünen Farben gehalten. Bei der Staatsanwaltschaft fühlte man sich ein bisschen, als sei man in einen Aquarium ausgestellt.

«In dieser Sache läuft nichts normal, Sie können sich nicht vorstellen, was ich für ein Theater mit unserem Spitaldirektor hatte. Es scheint, als beschäftige er sich nur mit dieser Sache, obwohl nur Gott weiss, was das für eine Geschichte sein soll. Seit die Frau in meinem Notfall war, spinnen sie alle. Falls sie vorher nichts Besonderes war, so ist sie es spätestens jetzt. Da könnte sie sich vielleicht etwas darauf einbilden.»

«Das war nicht so einfach gestern. Ich habe schon viel erlebt und oftmals versuchen Patienten den Spiess umzudrehen, aber meistens verraten sie sich. Eine gute Intuition reicht nur so weit, wissen sie. Aber sie hatte recht. Vor meiner ersten Hochzeit hatte ich wirklich schlimme Träume, Vergewaltigungsfantasien. Natürlich habe ich das mit meinem Therapeuten analysiert. In Wirklichkeit hatte ich einfach Angst mich zu binden. Ausser ihm habe ich niemandem davon erzählt und der Analyst ist mittlerweile gestorben. Vom Gartenhäuschen und meinen Brüdern habe ich noch nie jemandem erzählt.»

Eveline Martin war erstaunt, dass sich Wiells ihr anvertraute. Sie hatte sie für arrogant gehalten, was aber gut auf Gegenseitigkeit beruhen konnte, Ärzte rivalisierten oft, egal wie unterschiedlich ihre Arbeitsbereiche waren. Sie stellte fest, dass sie nur wenig zum Trost sagen konnte: «Bei mir ist es anders, ich konnte mich noch nie an einen Traum erinnern. Kenne keinen einzigen. Duma hat mir immer angeboten, sie würde mir sagen, wovon ich träume. Aber das war mir einfach zu verrückt. Die Logik oder Symbolik dieser Begegnung: Eine Notfallpatientin, die alle Träume kennt mit einer Ärztin, die sich an keinen einzigen eigenen Traum erinnern kann. Es ist einfach zu abgedreht … Sie hat es mir aber nie aufgedrängt. Wie bei allem, war es ihr bald wieder egal.»

Die beiden Ärztinnen wurden über eine Rampe hoch, zu langen Gängen geführt, die Sekretärin, die sie zum untersuchenden Beamten, Kommissär Simon Bauer, brachte, meinte endlich sei besseres Wetter, woraufhin sie nicht mehr als ein nichtssagendes Murmeln von den Frauen zur Antwort bekam. In irgendeiner Pause würde sie sagen, sie sei sich sicher, dass sie schuldig seien, schuldig, obwohl sie studiert hätten, sie seien zerknirscht gewesen und die eine hätte mit ihrem Halstuch ausgehen wie eine Hexe.

Bauer arbeitete in einem mittelgrossen Büro im dritten Stock. Er begrüsste die Martin und Wiells freundlich, bot Kaffee an. Die Medizinerinnen wirkten ungeduldig, meinten, sie würden lieber anfangen. Die Sache sei die, meinte Bauer. Die Sache sei, dass es ja neue Erkenntnisse gegeben habe. «Nicht unser Fehler», wehrte Martin sofort ab und zupfte an ihrem T-Shirt auf dem sie einen Fleck entdeckt hatte.

«Die Sache ist die», wiederholte Bauer geduldig: «es ist mein Auftrag herauszufinden, ob sie etwas davon wissen, ob es Informationen gibt, die die Geschichte bestätigen können.»

«Ich habe Polizei, Staatsanwaltschaft, meinen Chef und die Staatskanzlei mündlich und schriftlich darüber informiert, was Duma mir gesagt hat. Es war nicht viel. Sie sagt, sie könne sich nicht genau erinnern. Sie versicherte mir, sie könne sich an ein Waisenhaus in St. Petersburg erinnern, wo man sie Stranny genannt habe. Sie wisse aber nicht, wie sie in dieses Heim gekommen sei. Sie erinnerte sich dann noch an das Schifferkinderheim in Kleinhüningen und eine Waisenmutter, die Rüdisuehli oder so ähnlich geheissen habe. Sie sagte mir, sie habe immer weggemusst, immer wieder hätten sie die Bilder oder die Träume, wenn sie so wollen, sie überwältigt und dann wurde sie vom Kinderheim rausschmeissen.»

«Könnte sie eine Zigeunerin sein? Eine Zirkusartistin, wie die Medien behaupten?», fragte Simon Bauer nach der kurzen Rede von Eveline Martin.

«Ich bin Ärztin. Notfallärztin, verdammt nochmal. Ich kann mich unmöglich an solchen Spekulationen beteiligen. Oder wollen Sie, dass wenn Sie einen Unfall haben, ich zuerst darüber nachdenke, ob sie ein Zigeuner oder sonst was sind? Wir haben alle Untersuchungen durchgeführt, die wir kennen, selbst ihre DNA analysiert. Alles Dinge, die in einer legalen Grauzone liegen, da die Patientin inzwischen nicht mehr an Leib und Leben gefährdet war. Ihr Einverständnis haben wir nie eingeholt.»

«Hat sie aussergewöhnlich stark gewirkt, gab es Knochenbrüche, Spuren im Körper, die auf ein Zirkustraining hindeuten?» Eveline Martin schüttelte resigniert den Kopf. Rhea Wiells wollte nicht nur herumsitzen, sie meinte, bei einer Klientin, die so wenige eigene Erinnerungen preisgebe, sei es schwierig, Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie selbst habe zu wenig Zeit mit der Patientin verbracht, um Angaben zu Kindheit und Jugend zu machen. Im Gegenteil, es habe so gewirkt, als sei die Klientin dezidiert davon überzeugt, dass sie irgendwie die Träume aller Menschen beschützen müsse.

Karl Bauer lehnte sich in seinem Stuhl zurück, sein Blick versuchte, die Ungeduld zu verbergen, als erfahrener Kommissär war er noch nicht bereit, die Waffen zu strecken und fragte, ob Frau Wiells sagen könne, warum eine Person von so etwas überzeugt sein könne.

«Zwangsvorstellungen sind eine Antwort. Vereinfacht gesagt: Jemand kann durch Vernachlässigung in der Kindheit versuchen, durch ein Bild, eine Erfindung von sich selbst an Bedeutung zurückzuerlangen. Am Anfang ist die Vorstellung harmlos, aber sie kann dann immer mehr dominieren, vor allem, wenn es sonst im Leben nicht vorwärts geht oder keine näheren Kontakte glücken. Dann wird die Zwangsvorstellung immer stärker. So weit ich es gestern gesehen habe, ist die Vorstellung inzwischen zur Person geworden.»

Bauer war nicht leicht von seinen Ideen abzubringen. Zirkusverletzungen.

-Nein, keine Zirkusverletzungen, schwere Verletzungen vom Sturz, Prellungen von der Schlägerei, schwere Schädelfrakturen, Brüche an allen Extremitäten. Ungewöhnlich schnelle Heilung und unglaubliche Resistenz gegen alle Arten von Drogen. Alles schriftlich protokolliert und gemeldet. Nach ein paar Tagen war auf den Röntgenbildern nichts mehr zu sehen gewesen.

Das sei doch verdächtig, oder?

-Es sei unmöglich, aber alle Untersuchungen hätten keine unmittelbare Aufklärung gebracht. Scheisse sei nur gewesen, dass die Medien irgendwelche Dokumente zugespielt bekommen hätten, in der die Frau davon gesprochen hätte, sie sei der Engel der Träume und damit habe das ganze Theater begonnen. Medizinisch lasse sich die schnelle Genesung nach wie vor nicht erklären. Eveline Martin atmete tief aus und konnte ihren Widerwillen nur noch schwer verbergen. Natürlich stammte dieser Ekel auch daher, dass sie die Heilung medizinisch nicht erklärbar war.

Beim Stichwort Geheimdienst war dann Rhea Wiells an der Reihe. Bauer brachte beharrlich ins Spiel, dass die Frau viele Tricks, Ablenkungsmanöver und Manipulationsmethoden kannte, könne das nicht ein Indiz dafür sein, dass sie gut ausgebildet sei und so von jeder Situation ablenken könne. Einen Moment lang schien die Psychologieprofessorin sich nur schwer beherrschen zu können. Eveline Martin glaubte, sie würde gleich loslachen. Aber Wiells bekam sich rechtzeitig in den Griff und meinte nur, nicht einmal der Mossad sei so verrückt, dass er Agentinnen trainiere, die als Tarnung «Engel der Träume» benutzen würden.

Auf dem Rückweg durch die Gänge, den Weg hinunter über die farbig beleuchteten Rampen zurück zum Ausgang der Basler Staatsanwaltschaft murmelte Martin zu Wiells: «Seit über drei Wochen sind diese Fragen einfach Zeitverschwendung…»

«Es ist ein Rätsel, aber vielleicht mehr als Zeitverschwendung: Wir haben mittlerweile verlernt, mit Rätseln und Ungewissheit zu leben. Obwohl wir das müssten. Das macht uns verrückt», gab Wiells zurück. Die Sekretärin blickte bei diesen Worten Wiells von der Seite her an und es war klar, dass sie sie inzwischen für noch schrägere Weiber hielt als beim Weg hinauf.

Regierungspräsidentin Elise Steinbrecher traf pünktlich auf dem Münsterplatz ein. Interessiert sah sie sich eine Kerzenmeditation an. Als ehemalige Musiklehrerin sang sie mit einigen frommen jungen Leuten ein Lied. Persönlich mochte sie die friedliche Stimmung auf dem Platz vor der Kathedrale. Hier wurde nicht gefeiert oder gesoffen. Es wurde gebetet, meditiert und viel philosophiert. Für einige Momente vergass sie die düstere Stimmung im Rathaus. Die Krisensitzung, die vielen Bedenken, die Unklarheiten.

Frère Paul wäre etwas verspätet, erklärte eine freundliche Dame der Pressesprecherin, die die Präsidentin begleitete und bot ihnen eine Erfrischung an. Das Fernsehteam machte zurückhaltend einige Aufnahmen. Am späten Nachmittag waren noch nicht so viele Leute hier. Erst wenn Frère Paul zur abendlichen Andacht rief, würde es unter den Plantagen neben der grossen Kirche wieder etwas voller werden.

Schliesslich filmte der Lokalsender, wie die Regierungspräsidentin vom Mönch herumgeführt wurde und er ihr erklärte, welches die Prinzipien der Taizé-Gemeinschaft wären. Frère Paul bedankte sich mehrmals für die Gastfreundschaft und erwähnte auch, dass seine Gemeinschaft von den Kirchengemeinschaften der Stadt und von privaten Leuten sehr herzlich aufgenommen und unterstützt worden sei. Steinbrecher sah sich geduldig nochmals alles an und betonte schliesslich vor laufender Kamera, wie sehr die Gläubigen in Basel willkommen seien. In einer Welt, die manche als kalt und inhaltsleer empfänden, sei das Vertrauen der Gläubigen ein wichtiges Zeichen, das die Basler Regierung durchaus zu schätzen wisse.

Auf die Frage, ob der Engel noch immer im Spital sei und was sie davon halte, dass es sich um eine Zirkus-Artistin und Fahrende handeln konnte, liess die Regierungspräsidentin beiläufig einfliessen, dass die Frau nicht mehr in Behandlung sei. Es habe für das Uni-Spital keinen Grund mehr gegeben, sie weiterzubehandeln. Deswegen habe man ihr die Kosten erlassen und ihr die besten Wünsche für die Zukunft mitgegeben. Es sei auch durchaus so, dass sich der Engel jederzeit an die Stadt wenden könne, falls er irgendwie Hilfe in irgendeiner Form benötige. In Basel stünden die Türen für Duma jederzeit offen.

Als die Reporterin nachhakte, sagte Elise Steinbrecher: «Nein, wir können nichts genaues über den Aufenthaltsort sagen. Ihre Bürgerrechte sind geschützt, wie die von allen anderen. Natürlich haben wir gefragt, wie wir sie erreichen können, aber wir können sie ja nicht dazu zwingen, uns eine Adresse zu hinterlassen.»

Mehrmals versuchte die Lokaljournalistin nachzuhaken und herauszufinden, was genau geschehen sei. Die Regierungspräsidentin liess sich jedoch nicht aufs Glatteis führen. Sie wiederholte einfach, dass das Uni-Spital zur Einsicht gekommen sei, dass der Frau nichts gravierendes mehr fehle und dass sie darum entlassen werden könne. Dazu habe man ihr Hilfsangebote unterbreitet, die wie sie im Namen der gesamten Regierung sagen dürfe, auch weiterhin gültig seien.

Schliesslich drehte sich das Gespräch noch einige Male im Kreis. Die Reporterin wollte wissen, ob man Duma eine Wohnung oder Geld geboten hätte, ob man versucht habe, ihr einen Job bei einer der Kirchen zu besorgen. Steinbrecher betonte wieder und wieder, es handle sich um eine erwachsene Person, da könne die Regierung nicht bestimmen und nur fragen.

Foto: Luk Porter/unsplash

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…

0
Andy Strässle

Autor: Andy Strässle

Andy Strässle umarmt Bäume, mag Corinne Mauch und verleugnet seine Wurzeln: Kein Wunder, wenn man aus Blätzbums stammt. Würde gerne saufen können wie Hemingway, hat aber immerhin ein paar Essays über den Mann zu stande gebracht. Sein musikalischer Geschmack ist unaussprechlich, von Kunst versteht er auch nichts und letztlich gelingt es ihm immer seltener sich in die intellektuelle Pose zu werfen. Der innere Bankrott erscheint ihm als die feste Währung auf der das gegenwärtige Denken aufgebaut ist und darum erschreckt es ihn nicht als Journalist sein Geld zu verdienen.

Selbstjustiz – Cop-Thriller mit Michael Keaton

Vom langen Weg zum Selbst