in

Wir Lidl-Lölis: In der Hölle des Einkaufens!

Bin grad vom Posten im Lidl retour. Setz mich hin und schreibe Ihnen das hier. Normalerweise wasche ich noch schnell die Hände vor dem Schreiben, ich hätte auch gerne noch Zmittag gemacht, aber ich bin so sauer, dass ich das sofort erzählen muss. Also: Kommt eine Frau rein zum Lidl und wundert sich, dass alles so gepützelt aussieht. Antwort: Weil dänk die interne Stasi im Haus weilt. Das Personal in den Blaukitteln mit dem gelben Logo steht nun im Halbkreis vor dem Gemüse und lauscht einem Manager (im Anzug) mit Klemmbord, der den neuen Tarif durchgibt. Seltsam ist ja, dass diese Befehler glauben, wir KundInnen hätten keine Ohren und würden nicht mithören, was da so abgeht.

Überhaupt habe ich mir schon oft so meine Gedanken gemacht, wenn diese uniformierten Wesen, die stumm die Gestelle einräumen, einfach DA sind. Haben Sie schon spontan gesagt: Hallo, schön, dass wir uns hier treffen, wie geht es Ihnen? Wurden Sie das schon mal so gefragt? Wetten, nie. Die Fantasie vom lustvollen Einkaufen, das beide Seiten erfreut, lacht einem nur von der Reklame herab oder aus dem Fernseher entgegen. Es ist schlicht gelogen. Wir haben Stress beim Posten, die haben Stress beim uns Bedienen. Eins haben wir ihnen noch voraus, wir sollen möglichst zahlreich im Laden herumhasten, bei denen sollen möglichst viele eliminiert werden. Schaudernd realisiere ich jeweils beim Posten, dass schon wieder bediente Kassen weg sind, diesen blöden Automaten Platz machten, bei denen das Bezahlen dreimal so lang geht. Wann wird es soweit sein, dass ich einen Roboter zum Posten schicke, der bei Robotern bezahlt. Das Zeug nachhause bringt, wo es bald auch von Robotern gefressen wird?

Anyway, so weit ist es noch nicht. Also zurück in den Lidl, in den ich hie und da gehe. Weil um die Ecke und weil so ein wunderbarer Studienplatz des täglichen (Haushalt)Elends. Ich nehme also ein Körbli, packe gemäss meinem Postit ein paar Sachen rein, wandere zur Kasse und erschrecke freudig: ES HAT NÄMLICH PLÖTZLICH AUFFANGBECKEN FÜR DIE GEKAUFTE WARE!! Bislang gabs ja nur so ein nastuchgrosse Plätzli, ab dem man hastig das Gekaufte in die Säcke schaufeln musste, weil schon der oder die Nächste ihr Zeugs gegen die Kasse schob. „Ui“, sagte ich zu der Kassiererin, eine Mittelalterliche, „super, jetzt können wir endlich ohne Stress bezahlen und einpacken.“

Frau Kassiererin lachte gequält: „Das ist nur ein Trick. Wir müssen nun pro Minute 32.5 Stücke wegschieben, das wurde gemessen, und wehe wir erfüllen die neuen Vorgaben nicht!“ – „Wie bitte, das ist doch saublöd, wenn Sie gestresst sind, dann bin ich, die Kundin, es doch auch. Und alle sind unzufrieden.“ – „Das ist denen oben völlig egal.“ – „Aha, das schreibe ich grad auf, ich bin nämlich Journalistin.“ Die Kassiererin erschrak kein bisschen, sie sagte: „Ja, schreiben Sie das sofort!“ Ich stand da und dachte, da sitzt eine Heldin, die sagt, dass sich Lidl nur für Lidl lohnt, und der ist egal, wenn der Klemmbrett-Manager mithört. „Mir ist das nicht egal“, sagte ich und wandte mich an den Mann, der sich hinter mir gegen die Kasse schob. „Und Sie, wie sehen Sie das, ist Ihnen das egal, wenn wir alle hier nicht zwäg sein dürfen?“ – Er murmelte in seinen Dreitagebart: „Also, mir ist das nicht wichtig.“ Ich packte ein, in aller Ruhe, die Kassiererin bedankte sich bei mir und wünschte mir einen guten Tag. Als ich rausging, sah ich Herr Istmirnichtwichtig sein Zeug in einen teuren Wagen laden.

Irgendwie fühle ich mich elend. Eigentlich fühle ich mich schon elend seit Arschloch Trump seinen haarigen Rassisten-Arsch ins Weisse Haus gesetzt hat. Manchmal denke ich, was kann ich schon tun, sind eigentlich alle wahnsinnig geworden? Hie und da denke ich, ich geb‘s auf, ich lege mich bis ans Ende meiner Tage aufs Sofa und sage nichts mehr. Aber ich kann das nicht. Und das macht mich wieder froh. Ich will mich empören. Ich darf nicht wegschauen, ich muss mich einmischen. So sagte ich einer Bekannten, die eine Jacke des neuen Werbelabels von Roger Federers kaufen will: „Bist du meschugge, dieser Mann verdient 30 Millionen pro Werbe-Jahr für NICHTS, und jenes Label beutet Näherinnen aus, die täglich für NICHTS diese Jacke für dich sticheln müssen.“ Kürzlich lief im TV eine Doku über die SklavInnenhalter-Methoden der internationalen Modelabel wie Zara, H & M, etc. Die Näherinnen weinten, weil sie sich durch die Arbeitsbedingungen dermassen ausgebeutet und gedemütigt fühlten. Das Weinen, das ist mir richtig eingefahren! Ist es Federer wirklich egal, woher seine Werbekohle kommt? Mir nicht. Aber ich schätze ihn nicht so gewissenbehaftet ein, dass er seine Millionen gegen äs biz Ethos eintauscht.

Und wenn ich grad dabei bin, bei fehlendem Ethos. Kennen Sie diesen Trainer Höller, das ist ein verurteilter Betrüger, der leider, kaum aus dem Knast wiederauferstanden, blödsinnige Verkaufsseminare an Naivlinge verkauft. Eine (fast zu milde) TV-Doku richtete 70 Minuten lang ihre Kamera auf ihn, bildete ab, wie er Rhetorik-Müll anpreist, der mich schaudern liess. Bestimmt ist er bestens bekannt mit Maschmeyer, auch so ein Abzocker, der sich in der Sendung „Höhle der Löwen“ als Investor/Coach aufspielt. Diese Sendung ist ein Riesenseich, ich habe da noch nie gehört, dass die „Investoren“, mal fragten: Ist das ähem, nachhaltig? Nein, der Dümmel, ein anderer topgeschleckter Investor schreit jeweils: „Damit muss das ganze Land überzogen werden!“ Er sprach von einem Plastikteil eines erst zwanzigjährigen Erfinderstrebers, den ich am liebsten gleich in seiner Plastikschrott-Saugdüse hätte verschwinden sehen wollen.

Oj, ehrlich gesagt, jetzt geht’s mir besser, weil es ist ja nicht gut, wenn die Empörung in einem brodelt, dann explodiert man wie ein Dampfkochtopf und schnauzt womöglich die Kassiererin an, weil sie ein Teil nicht fix genug eingelesen hat. Nein, wenn Anschnauzen, dann an passender Stelle. Manchmal reicht schon ein: Jetzt überleg ich mal, was ich da überhaupt mache? Und dann mache ich es nicht, also das Kaufen, das Konsumieren, das Akzeptieren. Ich bin sicher, es nützt. Und wenn Sie mich jetzt noch fragen, ja ich bin zuversichtlich, dass es den Arsch dieses Kriminellen im Weissen Haus irgendwann verjagt. Ich freue mich jedenfalls auf das Buch „Fear“ von Journalist Bob Woodward (Watergate!). Ich sage nur Impeachment, herzlich willkommen!

PS: Die erwähnten, sehenswerten Dokus können Sie in den Mediatheken von ORF und ARD abrufen.

Foto: Der Beweis, dass ich wirklich da war, in der Hölle des Postens.

www.marianneweissberg.ch

Gefällt dir dieser Beitrag?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Autor: Marianne Weissberg

Marianne Weissberg, studierte Historikerin/Anglistin, geboren in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, ist ganz schön vollreif. Also eigentlich schon ewig da, was sie in ihren Knochen und im Hirn spürt. Lange Jahre verschlang das Lesepublikum ihre wegweisenden Artikel und Kolumnen in guten (und weniger guten) deutschsprachigen Zeitungen und Magazinen. Persönlichkeiten aus Film, Literatur und Musik wie etwa Robert Redford, Isabel Allende und Leonard Cohen redeten mit der Journalistin, die ganz Persönliches wissen wollte, und es auch erfuhr. Irgendwann kam sie selbst mit einer Geschlechter-Satire in die Headlines und begann in deren Nachwehen ihre zweite Karriere als Buchautorin. Auch hier blieb sie ihrer Spezialität treu: Krankhaft nachzugrübeln und unverblümt Stellung zu beziehen, bzw. aufzuschreiben, was sonst niemand laut sagt. Lieblingsthemen: Das heutige Leben und die Liebe, Männer und Frauen – und was sie (miteinander) anstellen in unseren Zeiten der Hektik und Unverbindlichkeit. Und wenn man es exakt ansieht, gilt immer noch, jedenfalls für sie: Das Private ist immer auch politisch – und umgekehrt.

Sonst noch? Marianne Weissberg lebt mitten in Züri. Wenn sie nicht Kolumnen oder Tagebuch schreibt, kocht sie alte Familienrezepte neu, betrachtet Reruns von „Sex and the City“, liest Bücher ihrer literarischen Idole (Erica Jong, Nora Ephron, Cynthia Heimel) oder träumt davon, wie es gewesen wäre, wenn sie nicht immer alles im richtigen Moment falsch gemacht hätte. Aber das wäre dann wieder so ein Thema für einen neuen Kult-Text.

Vom langen Weg zum Selbst

Top 5 Ferkeleien fürs Züri-Wochenende